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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.07.2018

CDU-Politikerin Jenna Behrends"Wir Konservative haben ein christliches Menschenbild"

Jenna Behrends im Gespräch mit Dieter Kassel

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Die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends steht auf einer Straße, rechts und links parkende Autos (picture alliance /dpa /Sophia Kembowski)
Die Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends (picture alliance /dpa /Sophia Kembowski)

Nur ein schmaler Grat trennt Konservative von Rechtspopulisten? Die CDU-Politikerin Jenna Behrends widerspricht entschieden: Große Unterschiede sieht sie zum Beispiel in der Haltung zu Europa, im Menschenbild und im Kommunikationsstil.

Konservativ und populistisch – das sind für die junge Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends zwei komplett verschiedene Dinge.

"Zum Beispiel über Europa sprechend: Die einen betonen den Nationalstaat, den sie stärker fördern wollen, die Konservativen sehen den Nutzen von Europa", sagt Behrends.

Auch das Menschenbild sei unterschiedlich: "Das eine ist sehr rassistisch. Wir Konservativen haben eher ein christliches Menschenbild, das uns sehr, sehr wichtig ist."

Soziale Medien sind eine Chance

Schließlich vereinfachten Populisten Sachverhalte in einer Weise, die nicht zulässig sei. "Wohingegen die meisten Konservativen noch sehr viel differenzierter argumentieren, was einfach der Realität viel mehr entspricht", sagt Behrends.

Dass die AfD derzeit mit ihrem Newsroom einen komplett eigenen Medienkanal aufbaut, findet die CDU-Politikerin beängstigend und sie mahnt:

"Wenn ich mir die anderen – das betrifft alle Parteien, nicht nur die konservativen – anschaue, dann sind wir da noch nicht gut genug aufgestellt, um darauf zu reagieren, und sollten dort noch deutlich mehr machen."

Insgesamt sieht Behrends die Sozialen Medien trotz ihrer Tendenz zur Vereinfachung als Chance. So könnten Politikern viel direkter mit den Menschen kommunizieren und interagieren und dadurch auch Stimmungen früher erfassen.

(uko)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Schon vorgestern beim Gespräch mit dem CSU-Politiker Alois Glück habe ich festgestellt, dass die Frage, wo die Grenze liegt zwischen konservativ und populistisch, noch vor wenigen Jahren eher eigenartig geklungen hätte. Schließlich gibt es zum einen natürlich Populismus links wie rechts, und zum anderen ist in jedem Teil des politischen Spektrums auch die Vertretung klarer Thesen möglich, ohne gleich populistisch zu sein.

Und doch, gerade im konservativen Spektrum scheint diese Grenze im Moment auch in Deutschland manchmal zu verschwimmen. Und deshalb reden wir über dieses Thema jetzt mit Jenna Behrends. Sie ist 29 Jahre alt und sitzt für die CDU in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte. Schönen guten Morgen erst mal!

Jenna Behrends: Guten Morgen, Herr Kassel – 28.

Kassel: 28? Dann ist Ihr Geburtsmonat irgendwo falsch eingetragen. 28. Ich sage es auch nur deshalb, weil ich es auch bei Alois Glück gesagt hab, 71. Wir wollten es kurz klären, damit sind wir durch. Aber die zentrale Frage ist natürlich altersunabhängig jetzt auch an Sie, wo verläuft denn für Sie die konkrete Grenze zwischen sagen wir mal wirklich auch sehr konservativ und rechtspopulistisch?

Behrends: Ich bin froh, dass Sie die Frage jetzt so formulieren mit "rechtspopulistisch", weil, als ich sie zunächst gestellt bekam, und wie sie auch als Sendungstitel formuliert ist, dachte ich erst, wieso, was ist denn mit dem Linkspopulismus? Das ist ja kein originär konservatives Problem.

"Konservative sehen den Nutzen von Europa"

Wir reden so, als wäre es eine feine Grenze, aber am Ende des Tages sind es komplett unterschiedliche Dinge. Es mag Menschen geben, die ein Interesse daran haben, die Grenze zwischen populistisch und konservativ zu verwischen, indem sie zwar populistisch sind und sich als konservativ bezeichnen. Aber wenn wir uns das genau anschauen, dann ist es sehr, sehr unterschiedlich. Zum Beispiel über Europa sprechend: Die einen betonen den Nationalstaat, den sie stärker fördern wollen, die Konservativen sehen den Nutzen von Europa. Das Menschenbild ist ein komplett unterschiedliches. Das eine ist sehr rassistisch. Wir Konservativen haben eher ein christliches Menschenbild, das uns sehr, sehr wichtig ist.

Und vor allem auch die Art und Weise der Argumentation. Ich erlebe immer wieder, dass Populisten sehr einfach argumentieren und Dinge viel zu sehr zuspitzen bzw. nicht mal mehr zuspitzen, sondern so einfach herunterbrechen, dass es nicht mehr zulässig ist. Wohingegen die meisten Konservativen noch sehr viel differenzierter argumentieren, was einfach der Realität viel mehr entspricht.

"Wir müssen die Ängste der Menschen ernst nehmen" - ein überstrapazierter Satz

Kassel: Ich glaube, und man hört das schon jetzt, es gibt schon auch so ein paar Unterschiede zwischen Alois Glück und Ihnen, aber da, glaube ich, gibt es auch Parallelen, denn genau zu dem, was Sie gerade gesagt haben, über diese Einfachheit der Argumentation, die da oft zu erleben ist, dazu hat er vorgestern Folgendes gesagt:

Alois Glück:"Populisten sind natürlich immer in der Versuchung, den Leuten nur zu sagen, was die Menschen gern hören. Das ist aber das Gegenteil von Führung. Führung heißt auch, den Menschen Orientierung geben, welche Entwicklungen auf uns zukommen. Was wir beeinflussen können, was wir nicht beeinflussen können. Diese Führungsleistung wird kaum mehr erbracht. Und das führt natürlich auch dazu, dass die Menschen immer anfälliger werden für vereinfachte Parolen."

Das gesamte Interview mit dem CSU-Politiker Alois Glück aus unserer Sendung "Studio 9" vom 18. Juli 2018 können Sie hier nachlesen und nachhören:

Kassel: So weit Alois Glück von der CSU vorgestern Morgen bei uns. Hier bei mir im Studio ist Jenna Behrends von der Berliner CDU. Ich habe vorhin behauptet, da gibt es ein paar Übereinstimmungen zwischen Ihnen beiden. Vielleicht aber in dem gleichen Satz – das war ein sehr langer Satz von Alois Glück – auch schon die Unterschiede. Würden Sie dem zustimmen, dass jenseits dessen, was die Wählerinnen und Wähler wollen, die Politik auch führen muss?

Behrends: Unbedingt. Ich glaube, der Satz, wir müssen die Ängste der Menschen ernst nehmen, ist einer, der in letzter Zeit sehr überstrapaziert worden ist. Aber darin liegt ja erst mal, dass man zuhören muss.

Und der Unterschied zwischen Konservativen und Populisten, der sich daran sehr deutlich zeigen lässt, ist, dass natürlich manche Menschen, wenn wir von Ängste-ernst-nehmen sprechen, einfach Rassisten sind, die man dann auch als solche benennen muss. Aber bei vielen liegt die Ursache ja viel tiefer. Es gibt dann ganz andere Ängste, um die eigene berufliche Existenz, um die Zukunft, um die allgemeine Umgebung, das Gefühl, dass alles auseinanderbricht, dass ungute Gefühl des Abgehängtseins, des Ausgegrenztwerdens.

Und wenn man da genauer hinschaut, woher das kommt, was die Ursachen sind und was Politik dort tun kann, und auch viel mehr erklärt, dass manche Dinge vielleicht gar nicht steuerbar sind, dass manche Dinge vielleicht gar nicht steuerbar sind, dass manche Vereinfachungen unzulässig sind, dann ist das eine sehr konservative Aufgabe.

Politik muss sich heute mehr erklären

Kassel: Nun gibt es ja auch in der Union ein paar Politiker, die glauben, sie können sich diese Zeit gar nicht mehr nehmen, weil der Druck so groß ist von der AfD. Und das sind oft Leute, die diesen Druck nicht gewohnt sind, weil sie jahrzehntelang ohne eine solche Partei Politik machen konnten. Sie haben ja eigentlich angefangen, Politik zu machen, das ist ja erst ein paar Jahre her, bei der letzten Abgeordnetenhauswahl in Mitte in die Bezirksverordnetenversammlung gekommen. Für Sie war diese Partei ja quasi da von dem Moment an, wo Sie CDU-Politikerin wurden. Fühlen Sie sich von der AfD nicht so unter Druck gesetzt?

Behrends: Ich glaube schon, dass sich in der Politik viel geändert hat und dass das nicht nur Wähler beängstigt, sondern auch Politiker selbst, denn plötzlich muss man sich erklären, und plötzlich ist die Aufgabe da, nicht nur zu sagen, ja, wir haben jetzt das dritte Änderungsgesetz von XY beschlossen, sondern sich hinzustellen und wirklich zu erklären, was das bedeutet, und zwar zum Teil auch für die eigenen Kollegen.

Denn abgesehen von ein paar Fachpolitikern sind Themen heute in der Politik, gerade so in der Finanzpolitik, wenn man über den Euro spricht… Oder auch in der Flüchtlingskrise gibt es keine einfache Lösung, sondern das ist alles so dermaßen kompliziert, dass man das auf Beispiele herunterbrechen muss. Und das war vielleicht früher noch nicht so sehr Teil der Aufgabe, weil man sich mehr drauf verlassen hat, die Medien oder irgendwer wird das dann schon erklären.

"Ich sehe Social Media als Chance"

Aber ich denke, es ist wichtig, gerade wenn wir jetzt so viel Social Media haben, wo man die Chance hat – ich sehe es wirklich als Chance. Manche Politiker betrachten es als lästig – "ach, da muss ich jetzt noch einen Twitter-Kanal haben, und überhaupt, die ganze Arbeit nebenbei" –, aber es ist wirklich die Möglichkeit, direkt mit Menschen kommunizieren zu können und zum Beispiel zu erklären, was das im konkreten Fall anhand von Menschen bedeutet, was man da gerade beschlossen hat oder worüber man diskutiert. Das mag anstrengend sein, aber ich betrachte es auch als Chance.

Kassel: Aber manche sagen ja genau das Gegenteil, dass gerade so ein Medium wie Twitter dazu geführt hat, dass man so schlagwortartig reagieren muss, weil es eben kurz ist. Wenn man wirklich richtig im Gespräch bleiben will, muss man mehrere Tweets am Tag absetzen und kann eben nicht sagen, ich erkläre das in Ruhe mal in einem langen Text.

Behrends: Ich glaube gar nicht, dass es immer lange Texte geben muss. Aber es ist sehr viel schwieriger, das gebe ich zu, in kurzen, prägnanten Sätzen zu erklären – gerade komplizierte Themen. Das erfordert Arbeit, das muss man vorher selber verstanden haben, sehr viel drüber nachgedacht haben, das so sehr dann zu vereinfachen und runterzubrechen, dass es trotzdem noch richtig ist. Aber diesen Anspruch, dass es richtig ist, und wir deshalb nicht selber in populistische Sprache verfallen, sollten wir uns auf jeden Fall bewahren.

"Beängstigend": die AfD und ihr Newsroom-Plan

Kassel: Das heißt, wenn manche sogar sagen, und das tun ja manche in der Zuspitzung, die sozialen Medien oder andere Möglichkeiten der digitalen Kommunikation sind eine Gefahr für unsere Demokratie, würden Sie das nicht nur bestreiten, sondern sagen, es kann sogar das Gegenteil sein?

Behrends: Es hängt ganz von uns ab. Es kann immer beides sein. Es beängstigt mich, dass die AfD zum Beispiel gerade einen eigenen Newsroom aufbaut, um komplett eigene Medienkanäle zu bestellen. Wenn ich mir die anderen – das betrifft alle Parteien, nicht nur die konservativen – anschaue, dann sind wir da noch nicht gut genug aufgestellt, um darauf zu reagieren, und sollten dort noch deutlich mehr machen. Aber insgesamt betrachte ich es schon als Chance, mit Menschen viel direkter zu interagieren und zu kommunizieren und Stimmungen schon viel früher aufzufassen, als es nur bei Stammtischgesprächen der Fall ist.

Kassel: Jenna Behrends, 28 Jahre alt, Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte, für die CDU sitzt sie in dieser Versammlung, über ihre Definition von "konservativ" und ihre Abgrenzung zu "rechtspopulistisch". Frau Behrends, ich danke Ihnen sehr, dass Sie da waren!

Behrends: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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