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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 14.01.2021

CDU-ParteitagDie Körpersprache der drei Kandidaten

Eine Analyse von Peter Modler

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Die drei Kandidaten für den Vorsitz der CDU Deutschlands, Friedrich Merz (l-r), Norbert Röttgen und Armin Laschet, werden für ein Online-Video-Talkformat, in dem live aus dem Konrad-Adenauer-Haus Fragen der CDU-Mitglieder beantwortet werden, vorbereitet (picture alliance/dpa/dpa-Pool / Bernd von Jutrczenka)
Ein Videoparteitag hat viel mehr Ähnlichkeiten mit einem Fernsehauftritt als mit einem Präsenzvortrag in einer Halle. (picture alliance/dpa/dpa-Pool / Bernd von Jutrczenka)

Ausleuchtung des Gesichts, Höhe des Pults, Nähe zur Kamera: Diese Aspekte gewinnen auf dem CDU-Videoparteitag gegenüber den Inhalten an Gewicht. Vorab hat sich der Verhaltenscoach Peter Modler die Eignung der drei Kandidaten für das Event angeschaut.

Wird der Auftritt der drei Kandidaten beim CDU-Parteitag ein Festival der Argumente sein? Das kann man hoffen, aber die Musik spielt ganz sicher woanders. Denn wir werden ja bei einem Videoevent sein und das hat nun mal viel mehr Ähnlichkeiten mit einem Fernsehauftritt als mit einem Präsenzvortrag in einer Halle. Was heißt das?

Den Körper im Raum sprechen lassen

Kleines Beispiel aus der letzten Präsidentschaftsdebatte der USA: Die beiden Kandidaten Trump und Biden betreten gleichzeitig die Bühne. Beide etwa gleich groß, Trump mit massiverem Torso, Biden fast zierlich im Vergleich zu Trump.

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Der Präsident geht langsamen Schrittes zu seinem Pult, kurz davor macht er eine halbe Drehung, wie wenn er dem Publikum ermöglichen wollte, dass es ihn in seinem ganzen Volumen wahrnimmt. In der Fachsprache nennt man das Move Talk: den Körper im Raum sprechen lassen, statt zu reden.

Trump macht also einen einzigen Move Talk, dann steht er am Pult. Biden macht etwas anderes: Er kommt mit einem dunklen Mund-Nasen-Schutz herein. Auf dem Weg zum Pult nimmt er ihn etwas theatralisch ab. Erster Move Talk. Kurz vor dem Pult dreht er sich zum Publikum und wirft eine Kusshand hin (wahrscheinlich zu seiner Frau), zweiter Move Talk.

Dann steht er am Pult, schaut zu seinem Konkurrenten, grinst breit, hebt die rechte Hand und macht dabei den Daumen hoch: Ich bin gut drauf und Du? Noch bevor es losgeht steht es 3:1 für Biden.

Lächel-Reflexe nicht unter Kontrolle

Und was können nun Laschet, Merz und Röttgen tun? Laschet hat ein paar eher hinderliche Move-Talk-Angewohnheiten: er bekommt seine Lächel-Reflexe nämlich oft nicht unter Kontrolle und hat immer wieder auch dann einen freundlichen Daddy-Gesichtsausdruck, wenn das Thema todernst ist. Das nimmt man ihm dann nicht richtig ab.

Wenn er steht, hat er die Angewohnheit auf den Fersenballen abzurollen, was am Bildschirm zu dem bizarren Eindruck führt, dass das Gesicht sich wie ein Jojo bewegt. Das wirkt unseriöser als er inhaltlich eigentlich ist.

Der große Sorgenonkel

Merz lächelt deutlich weniger als Laschet, manchmal so wenig, dass er wie der große Sorgenonkel wirkt. Sein sonst vorhandener Vorteil überlegener Körpergröße ist im Video-Format komplett weg. Merz trägt auf der oberen Stirnhälfte einen rundlichen Haarfleck herum, der immer ein bisschen unfreiwillig komisch wirkt, gerade aus der Nähe.

Er hat ein schnelles Sprechtempo, manchmal so schnell, dass es sich anhört wie eine Ungeduldsbotschaft an sich: Wieso kapiert ihr das immer noch nicht? Das bringt nicht gleich Sympathien.

Malus beim männlichen Publikum

Röttgen ist ja schon oft mit George Clooney verglichen worden, sein silbrig-volles Haupthaar tut ein Übriges. Konventionell gut aussehende Männer haben allerdings bei einem männlichen Publikum eher einen Malus.

Seine frühere schnelle Überflieger-Sprechgeschwindigkeit hat Röttgen inzwischen unter Kontrolle, er kann mittlerweile auch staatsmännisch gravitätisch sein. Auch dass er mit seinen Händen, im Gegensatz zu Laschet, eher langsame Bewegungen macht, ist am Bildschirm ein Vorteil.

Das Hauptproblem für alle drei wird bei einem Videoparteitag sein, dass sie völlig ins Blaue hinein sprechen und keinerlei Publikumsreaktion mitbekommen. Kam das an, was ich gerade gesagt habe? Muss ich was nachlegen? Lachen die über meine Scherze? Wenn gar kein Publikum da ist, ist der Redner ziemlich allein mit sich selbst. Die einzige emotionale Wärme kann er nur für sich erzeugen.

Wer bekommt bei einem Videoparteitag die meisten Punkte? Wer den richtigen Wechsel zwischen Lächeln und Ernst hinbekommt. Wer nicht zu schnell spricht und kurze Sätze macht. Wer körperliche Souveränität vermittelt. Erst dann kommen die Inhalte. Am Ende wird es eine mindestens so interessante Frage sein, wie Markus Söder das alles hinkriegt.

Porträt Peter Modler (Bild: Jürgen Gocke) (Bild: Jürgen Gocke)Peter Modler, langjährige Führungspraxis als Manager und Unternehmer. Seit 1998 eigene Unternehmensberatung. Lehrauftrag an der Universität Freiburg im Breisgau. Lehrcoach und Bestsellerautor ("Mit Ignoranten sprechen. Wer nur argumentiert, verliert").

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