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Weltzeit | Beitrag vom 28.01.2020

Caucus in Iowa Wegweisend für US-Demokraten

Von Julia Kastein

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Pete Buttigieg spricht auf einer Wahlkampfveranstaltung mit Journalisten. (Getty Images / Win McNamee)
Präsidentschaftsbewerber Pete Buttigieg von den Demokraten beantwortet Fragen auf einer Wahlkampfveranstaltung in Boone im US-Bundesstaat Iowa. (Getty Images / Win McNamee)

Im Präsidentschafts-Wahlkampf steigt die Spannung: Am 3. Februar finden die ersten Vorwahlen statt – und zwar in Iowa im Mittleren Westen der USA. Dort leben zwar nur drei Millionen Menschen, aber ihre Stimme hat überproportional viel Gewicht.

Mitte Januar in Des Moines: Pete Buttigieg macht Wahlkampf. Der ehemalige Bürgermeister aus Indiana ist seit Monaten quasi Dauergast in Iowa – genau wie fast alle seiner Mitbewerber um die Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Wer die bekommen will, kommt an Iowa nicht vorbei.

"Läuft ganz gut für uns mit dem Bekanntwerden in Iowa", ruft Buttigieg seinen Anhängern zu.

Knapp 700 Menschen – vom Kleinkind bis zum Rentner – haben sich an diesem Winterabend im Landesmuseum von Iowas Hauptstadt versammelt. Schon eine Stunde vor Einlass stehen einige Dutzend Leute Schlange vor den Türen des 70er- Jahre Beton-Palastes – trotz Schneesturm und Eiseskälte.

"Ich bin eigentlich Republikanerin"

"Ach, wir leben in Iowa, so ist das eben hier. Das gehört dazu. So ist das immer vor den Vorwahlen", sagt Cindy.

Sie zieht ihre rote Winterjacke noch ein bisschen fester um sich. Die 58-Jährige ist Gerichtsvollzieherin. Und vor ein paar Jahren noch wäre es für sie undenkbar gewesen, mal bei einer Vorwahl für einen Demokraten anzustehen.

"Ich bin eigentlich Republikanerin, schon immer", sagt sie. "Aber mein Weltbild passt überhaupt nicht zu dem der jetzigen Regierung. Also habe ich ein bisschen recherchiert, auch über Bürgermeister Pete. Und ich finde ihn richtig gut. Ich glaube, er hat das Zeug, Trump zu schlagen."

Die Kandidatur von Pete Buttigieg ist ein gutes Beispiel für den fast mythischen Status, den Iowa im Vorwahlkampf genießt. Als der damals 37-Jährige seine Ambitionen im Frühjahr vergangenen Jahres erklärte, kannte ihn kaum jemand – oder konnte seinen Namen aussprechen. Inzwischen liegt Buttigieg, der im Wahlkampf viel über seine Soldatenerfahrung in Afghanistan und im Irak spricht,  in Umfragen unter den Top vier - neben Ex-Vize-Präsident Joe Biden und den beiden Senatoren Bernie Sanders und Elizabeth Warren.

Gordon Fischer und Jim Leach diskutieren an einem Tisch im Café. (Julia Kastein)Demokrat Gordon Fischer und Republikaner Jim Leach im Cafe des Prairie Lights Bookstore in Iowa City. (Julia Kastein)

Im Prairies Light Bookshop, einem Buchladen in der liberalen Uni-Stadt Iowa City, sitzt Gordon Fischer in einer der gemütlichen Fensternischen und erklärt, wie alles anfing.

Bis Ende der 60er Jahre wurden die Präsidentschaftskandidaten von Parteifunktionären in Hinterzimmern gekürt, erzählt der ehemalige Chef der Demokraten in Iowa. Das änderte sich erst in den 70er-Jahren – alle demokratischen Wähler durften nun mitbestimmen. Und ein landesweit unbekannter Erdnussfarmer aus Georgia witterte seine Chance.

"Jimmy Carter fing an in Iowa herumzufahren", erzählt Gordon Fischer. "Und er übernachtete buchstäblich bei seinen Anhängern, weil seine Wahlkampagne kaum Geld hatte. Er hatte entschieden, den Iowa-Caucus als Sprungbrett für die nationale Bühne zu nutzen. Und es funktionierte. Und seit 1976 und Jimmy Carter sind die Vorwahlen hier so hart umkämpft und immer wichtiger geworden."

Ungewöhnlich großes Bewerberfeld

Auch Barack Obama gewann erst die Vorwahl in Iowa. Und dann die Präsidentschaftswahl. Und seit Jahrzehnten gilt für Demokraten wie Republikaner: kein Kandidat, der beim sogenannten Caucus nicht mindestens unter die ersten Drei kam, wurde von seiner Partei letztlich nominiert.

Diesmal ist das Feld der Demokraten mit über zehn Bewerbern so groß wie nie – und zwei davon sind in Iowa schon aus vorigen Wahlkämpfen bekannte Gesichter: Joe Biden, der 2008 antrat und beim Iowa-Caucus nicht mal 1 Prozent Unterstützung bekam. Und Bernie Sanders, der 2016 nur ganz knapp gegen Hilary Clinton unterlag – erst in Iowa und letztlich dann auch beim Nominierungsparteitag.

Damit es diesmal klappt, hat Sanders genau wie die meisten seiner Konkurrenten ein gewaltiges Heer aus tausenden ehrenamtlichen Helfern in den Wahlkampf geschickt.

Eine Handvoll Sanders-Anhänger ist an diesem kalten Montagmorgen ins Wahlkampfbüro des Senators am Stadtrand von Iowa City gekommen. Ein lebensgroßer Bernie-Pappkamerad lehnt an einer Wand, an langen Tischreihen stehen Telefone, an den Wänden hängen handgemalte Poster mit Bernie-Zitaten und Wahlversprechen.

Viel junge Menschen begeistern sich für "Bernie"

Isabel Henderson kann sie auswendig: "Er will ein staatliche Krankenversicherung für alle. Er will Studenten ihre Schulden erlassen und Studiengebühren abschaffen. Und sein Klimaplan ist laut Klimaaktivisten der Beste."

Isabel, das Gesicht halb versteckt unter mintfarbener Mütze und dickem Schal, ist Studentin am renommierten Iowas Writer´s Workshop, den auch Literaten wie Raymond Carver, Ann Pratchett, T.C.Boyle und John Irving absolviert haben. Die 27-Jährige gehört zu den vielen jungen Leuten, die sich für Sanders begeistern. Denn obwohl der legendär bärbeißige Senator mit seinen 77 Jahren der älteste Bewerber ist, liegt er in Umfragen bei Jungwählern immer vorn.

"Das ist das erste Mal, dass ich mich so stark ehrenamtlich für einen Kandidaten engagiere", sagt Isabel. "Es fühlt sich diesmal so dringend an, so nötig. Ich bin mindestens einmal die Woche für ihn unterwegs, rede mit Leuten, versuche aktiv alles dafür zu tun, dass er diesmal gewählt wird."

Isabel will heute ein paar Stunden lang Canvassing machen, also Haustürwahlkampf– im Sanders-Büro bekommt sie eine Adressliste, die sie nun abklappern will.

Isabel Henderson vor dem Sanders-Büro in Iowa City. (Julia Kastein)Die 27-jährige Isabel Henderson macht für Bernie Sanders Haustürwahlkampf. (Julia Kastein)

Auch John McClure schaut an diesem Tag im Wahlkampfbüro vorbei. Der 67-Jährige hat wohl die mit größtem Abstand weiteste Anreise hinter sich: Von der Olympic-Halbinsel am Pazifik ist der pensionierte Software-Ingenieur hergefahren, über 3000 Kilometer in drei Tagen.

"Ich habe noch zwei Bernie-Unterstützter dabei", erzählt er. "Das nennt sich eine Bernie-Journey und wir haben im Internet 2000 Dollar dafür gesammelt. Die Energie ist greifbar."

Für die Kandidaten sind überzeugte Helfer wie John oder Isabel unbezahlbar. Und das liegt auch an einer weiteren Besonderheit der Vorwahl in Iowa. Denn beim Caucus – für den es im Deutschen gar keinen treffenden Begriff gibt – genügt es nicht, auf einem Stimmzettel ein Kreuzchen zu machen. Sondern?

Abstimmung in einer Art Nachbarschaftstreffen

Um das zu erklären muss Ex-Landesparteichef Gordon Fischer mehrfach ansetzen. Im Grunde, so der Anwalt, sei der Caucus eine Art Nachbarschaftstreffen, bei dem die Wähler zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zusammenkommen und für ihren Kandidaten buchstäblich aufstehen.

Klingt einfach, ist aber kompliziert. Denn jeder Kandidat braucht bei diesen Treffen eine Mindestzahl von Unterstützern: 15 Prozent. Anhänger von Kandidaten, die darunter bleiben, müssen sich neu entscheiden, und dann wird es spannend.

"Dann wird gefeilscht", sagt Gordon Fischer, "mit Keksen oder mit Reiswaffeln. Aber vor allem gibt es ernsthafte Debatten um Inhalte. Als Parteichef habe ich den Caucus ja öfter geleitet. Und ich war oft überrascht davon, wie gut die Leute informiert sind. Da ging es dann nicht nur darum: Unterstützt du diesen oder jenen Vorschlag zum Thema Gesundheit – sondern was hältst du von Gesetzentwurf Nummer soundso viel."

Großer Zeitaufwand für die Wähler

Doch nicht alle sind vom Caucus so begeistert, weil er den Wählern viel Zeit abverlangt. Und weil er Kandidaten begünstigt, deren Anhänger besonders engagierte Überredungskünstler sind. Um das Verfahren etwas fairer und transparenter zu machen, gelten diesmal neue Regeln: Jede Caucus-Gruppe muss alle Zwischenergebnisse schriftlich festhalten – und nicht nur das Endergebnis. Und außerdem gibt es zusätzlich Caucus-Orte, um es Minderheiten einfacher zu machen.

Eine dieser Orte ist das islamische Zentrum An-Noor im Nordwesten von Des Moines. Sabriya Khan betet hier. Jetzt sitzt die zarte Frau, in gepunktetem schwarzem Kleid und Schlangenleder-Stiefeln, gleich nebenan, im Büro der Interfaith Alliance, einer Organisation die sich für Religionsfreiheit einsetzt. Die 42-jährige Khan ist dort Vorstandsmitglied.

Ihre Moschee, erzählt sie, sei eine von dreien in Iowa, in denen jetzt zum ersten Mal ein Caucus stattfindet: "Das macht den Caucus für Muslime sicherer und einfacher. Weil sie dort hinkommen können, egal was sie anhaben oder welche Sprache sie sprechen. Und weil viele sich nicht so auskennen oder zum  ersten Mal dabei sind, wird jemand extra kommen und den Prozess erklären. Und es werden Übersetzer für verschiedene Sprachen da sein."

Scheinbar klare Sache bei den Republikanern

So umkämpft der Caucus bei den Demokraten, so klar scheint die Sache bei den Republikanern. Donald Trump gewann die Präsidentschaftswahl in Iowa mit deutlicher Mehrheit. Doch wenn es nach dem Caucus gegangen wäre, wäre er gar nicht Kandidat der Republikaner geworden, sondern Senator Ted Cruz. Und obwohl die republikanische Partei das weitgehend ignoriert: Auch diesmal hat Trump Konkurrenz – der ehemalige Senator von Massachusetts Bill Weld tritt gegen ihn an.

Ein einflussreicher Weld-Fan in Iowa ist Jim Leach. Der 77-Jährige war 30 Jahre lang Kongress-Abgeordneter in Washington. Inzwischen lehrt er Politik an der University of Iowa in Iowa City. Über Datteln im Speckmantel beim schicken Italiener gegenüber des Campus erklärt Leach, was er an Weld schätzt: En brillanter Kopf sei der, ein Philanthrop.

Leach, der aus Protest gegen die Nahost-Politik der Republikaner 2008 Obama wählte und 2016 nicht für Trump stimmen mochte, kann nicht verstehen, warum es in seiner Partei kaum Widerstand gegen den amtierenden Präsidenten gibt.

"Es ist erstaunlich", sagt er, "dass so viele Republikaner diesen Präsidenten unterstützen. Ich hätte gedacht, dass es mehr Konkurrenz geben wird. Im Moment ist das noch nicht der Fall. Das kann sich über Nacht ändern. Aber ob das auch passiert?"

Überwältigender Rückhalt für Trump

Tatsächlich ist Trumps Rückhalt in seiner eigenen Partei überwältigend. In einigen Bundesstaaten wie South Carolina haben die Republikaner die Vorwahlen deshalb schon abgesagt. Auch Ryan Hurley hat sich schon entschieden. Der 19-Jährige, der trotz Minusgraden im T-Shirt unterwegs ist, ist Präsident der republikanischen Studentengruppe an der staatlichen Universität von Iowa – und großer Fan von Donald Trump.

"Er sagt was Sache ist. Er ist gegen Eliten", sagt Ryan Hurley. "Und von denen halten wir auch nichts. Wir wollen einen Präsidenten, der zuerst an Amerika denkt."

In Iowa, so das Klischee, muss man sich richtig anstrengen, um den Kandidaten nicht persönlich zu begegnen. Und das gilt auch für eher entlegene Gegenden wie den Landkreis Palo Alto, im Nordwesten des Landes.

Linus Solberg lenkt seinen SUV über eine schneeverwehte Landstraße. Immer wieder: große weiße fensterlose Baracken - einer der unzähligen Schweineställe. Im County Palo Alto leben nur 9000 Menschen. Aber 800.000 Schweine.

Eine verschneite Straße und industrielle Gebäude bilden die Ortseinfahrt nach Cylinder. (Julia Kastein)Ortseinfahrt der Kleinstadt Cylinder im Landkreis Palo Alto. (Julia Kastein)

Linus, ein schlanker Mann mit Glatze, der mit seinen knapp 80 Jahren wirkt wie ein vitaler 60-Jähriger, war früher auch Schweinefarmer. Jetzt verkauft er Saatgut – und engagiert sich in der Lokalpolitik: als sogenannter County Supervisor. Außerdem sitzt er im Bezirksvorstand der Demokraten – und ist bei den Präsidentschafts-Bewerbern deshalb sehr gefragt.

"Ich kriege gerade jeden Tag zwei bis drei Anrufe", erzählt er. "Und sie wollen alle, dass ich sie unterstütze. Ich frage dann immer: Wart ihr schon in Palo Alto? Könnt ihr kommen?"

Ex-Vize Joe Biden sei schon dagewesen, auch Amy Klobuchar, die Senatorin aus dem benachbarten Minnesota, außerdem Pete Buttigieg. Alles gute Kandidaten, findet Linus.

Viele der Wähler noch unentschieden

Aber wer davon wird das Rennen machen? Beim Abendessen im Dublin´s, einer sportheimartigen Kneipe am Ortsrand der Kreisstadt Emmetsburg sind sich Linus´ demokratische Freunde unsicher

Ruth, die mit im Ort ein Brautmoden-Geschäft betreibt, findet Buttigieg und Biden gut. Aber noch hat sie sich nicht entschieden. Genau wie laut Umfragen die Mehrheit der Wähler in Iowa.

Ruths Mann Mike will sich auch noch nicht festlegen. Eigentlich, sagt der Farmer, sei ihm egal wer es wird: "Hauptsache er kann Trump besiegen."

Linus jedenfalls ist sich der Verantwortung bewusst: "Niemand in den USA kann so Einfluss nehmen auf eine Wahl wie die Menschen in Iowa. Wir schreiben Geschichte."

Beim letzten Caucus in Iowa machten rund 170.000 demokratische Wähler mit – nur ein Viertel der Bevölkerung eines durchschnittlichen Wahlkreises in den USA.

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