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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.08.2016

Cathérine Menschner über DopingNur "Wunderkinder und Ausnahmetalente"

Cathérine Menschner im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Der amerikanische Schwimmer Michael Phelps bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro (dpa / picture alliance / Stanislav Krasilnikov)
Der amerikanische Schwimmer Michael Phelps bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro (dpa / picture alliance / Stanislav Krasilnikov)

In der DDR war Cathérine Menschner selbst Doping-Opfer. Die heutige Journalistin blickt mit Skepsis auf die Erfolge einiger Schwimmer bei den Olympischen Spielen. Vor allem angesichts des Medaillensegens für den Amerikaner Michael Phelps kämen Fragen auf.

Die Journalistin und frühere DDR-Schwimmerin Cathérine Menschner wundert sich über die vielen "Wunderkinder und Ausnahmetalente" bei den Schwimmwettkämpfen in Rio. "Wie das Wort schon sagt, es sind eben Ausnahmen und nicht in dieser Vielzahl, wie sie im Moment auftreten", sagte Menschner im Deutschlandradio Kultur. Sie war selbst als erfolgreiche Schwimmerin Dopingopfer in der DDR. Ihre Karriere musste sie abbrechen, nachdem sie eines Tages im Schwimmbecken die Arme plötzlich nicht mehr bewegen konnte.

Zweifel bei Erfolgen von Superstar Phelps  

"Mit dem heutigen Wissen, dass die früheren Weltrekorde im großen Umfang mit Doping erzielt wurden, allen voran mit DDR-Athleten, aber auch von den anderen Ostblockstaaten, wie eben den Russen, macht das schon sehr stutzig", sagte Menschner. Aber auch Westeuropa und die USA sollten nicht so tun, als hätten sie nie etwas damit zu tun gehabt. Besonders ins Grübeln kommt Menschner beispielsweise angesichts der Erfolge des US-Schwimmers Michael Phelps in Rio. "Er ist der Superstar der Spiele und das seit nunmehr 16 Jahren und er ist jetzt 31 Jahre." Er habe wegen schwerer Drogenproblemen zwei Jahre pausiert und gewinne nun schon wieder alle Medaillen. "Da kommen schon Fragen auf", sagte Menschner.


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Staatlich gelenktes Doping – was heute Russland vorgeworfen wird, war Realität in der Sportgeschichte unseres Landes. In der DDR gab es den berühmtberüchtigten Staatsplan 1425. In dessen Rahmen wurden zum Beispiel Schwimmer an den Sportschulen zu Versuchskaninchen in sogenannten Experimentierklassen. Catherine Menschner war ein solches Versuchskaninchen. An der Leistungsschwimmerin wurden ohne ihr Wissen Dopingmittel ausprobiert. Das System flog erst auf, als die DDR zusammenbrach. Heute ist Cathérine Menschner freie Journalistin mit Fokus auch auf aktuelle Dopingfragen. Cathérine Menschner jetzt zu Gast im Deutschlandradio Kultur. Ich grüße Sie, guten Morgen!

Catherine Menschner: Hallo, guten Tag!

Frenzel: Versuchskaninchen klingt eigentlich fast zu harmlos – Sie sind richtig krank geworden damals.

Menschner: Das Ende meiner Karriere war, dass ich eines Morgens ins Wasser gesprungen bin und meine Arme nicht mehr aus dem Wasser bekommen habe, weil ich eine Nervenverklemmung in der Lendenwirbelsäule hatte und man mich aus dem Wasser rausholen musste, und danach gab es eine Spritzentherapie über Wochen – ich glaube, ich habe an die 28 Spritzen ins Rückenmark bekommen – und konnte  nur noch laufen und konnte den Oberkörper kaum noch drehen, die Arme überhaupt nicht mehr hochbewegen, und damit war dann ruckartig Tatsache meine Schwimmkarriere zu Ende.

Frenzel: Was hatte man Ihnen gegeben, welche Mittel haben Sie bekommen?

Menschner: Also zu der Zeit wussten wir überhaupt nicht, was das alles für Mittel sind. Uns ist ja immer gesagt worden, das seien Vitamine und Aufbaupräparate und Mineralien. Was mich allerdings schon Tatsache als Kind ein bisschen stutzig gemacht hat, weil ich kein Fleisch zur damaligen Zeit gegessen habe und von daher meine Mutter immer dafür gesorgt hat, dass ich Vitaminpräparate bekomme, und es waren deutlich mehr. Man muss sich das einfach so vorstellen, wir sind nach jedem Training aus dem Wasser gekommen, und in so einer Pralinenschachtel standen jeweils unsere Namen, und da waren dann immer mehrere Tabletten drinnen – manchmal fünf, manchmal sieben, manchmal neun, das war ganz unterschiedlich, das variierte –, und die mussten wir dann vor den Augen des Trainers einnehmen.

Hartes Training

Frenzel: Mit diesem persönlichen Hintergrund, den Sie haben, wenn jetzt wie heute, wie in diesen Tagen, die olympischen Spiele in Rio laufen, können Sie da eigentlich begeistert zuschauen?

Menschner: Na ja, als ehemalige Hochleistungssportlerin kommt man nicht ganz daran vorbei, und Schwimmen finde ich nach wie vor schon eine sehr ästhetische Sportart.

Frenzel: Schwimmen ist das richtige Stichwort – gerade da gab es ja jetzt wieder einige spektakuläre Ergebnisse, Rekorde. Es gab auch gleichzeitig einige Fragezeichen – was denken Sie darüber?

Menschner: Na ja, mit dem heutigen Wissen, dass die früheren Weltrekorde im großen Umfang mit Doping erzielt wurden, allen voran mit DDR-Athleten, aber auch von den anderen Ostblockstaaten wie eben den Russen, macht das schon sehr stutzig. Wobei auch Westeuropa und die USA nicht so tun sollten, als hätten sie nie was damit zu tun gehabt. Wobei ich nicht in Abrede stellen möchte, dass das Training auch damals wirklich schon ziemlich hart war.

Drogenprobleme von Michael Phelps

Frenzel: Bei wessen Olympialeistungen jetzt kommen Sie vor allem ins Grübeln, werden Sie besonders stutzig?

Menschner: Ich möchte hier niemanden direkt des Dopings bezichtigen, doch für viele Fachleute ist es schon verwunderlich, dass solche Leistungen ohne Doping möglich sind. Um nur einige Namen zu nennen: Michael Phelps, er ist der Superstar der Spiele, und das seit nunmehr 16 Jahren. Der ist jetzt 31, hat zwei Jahre pausiert wegen schwerer Drogenprobleme und gewinnt schon wieder alles. Da kommen schon Fragen auf.

Frenzel: Da kommen vor allem Fragen auf, Michael Phelps ist ja jemand, der sich ganz laut geäußert hat, sich geärgert hat darüber, dass dieser Wettbewerb ja nicht dopingfrei ist. Das heißt, er selbst sieht sich dopingfrei, stellt sich als dopingfrei dar und sagt, er kann das aber für die anderen Mitschwimmer nicht garantieren. Stimmt Sie das eher nachdenklich darüber, dieser Mann, wenn der so auftritt, kann doch eigentlich nicht wirklich dopen?

Menschner: Mir ist so eine Erklärung von einem wahnsinnig intensiven konzentrierten Training und immer weiter entwickelter ausgefeilter Trainingsmethodik einfach zu wenig, denn das hatten wir zu DDR-Zeiten definitiv auch. Es gab wahrscheinlich kein Land, welches Trainingsmethodik einfach so perfektioniert hat wie die DDR, und trotzdem hat dies alleine für die Rekorde nicht ausgereicht, und mit dem Wissen, dass jahrelang ehemalige verurteilte Dopingtrainer und Ärzte beim Deutschen Schwimmverband aktiv waren und zum Teil auch noch sind, dann fragt man sich natürlich auch schon, wieso dann die deutschen Schwimmer so einbrechen und die Amis so an allen vorbeiziehen. Mir kann da keiner erzählen, dass sie ausnahmslos die besseren Talente und die besseren Trainingsmethoden haben.

Das gesamte Schwimmsystem in Verruf

Frenzel: Das wäre meine Frage jetzt gewesen: Gibt es die Option, dass es einfach wirklich Wunderkinder gibt, die das Talent haben, die einfach Kräfte hervorbringen, dann natürlich durch Training unterstützt, die eben so herausragend sind?

Menschner: Als ich gestern die Frage Professor Doktor Wilhelm Schänzer von dem Labor für Dopinganalytik in Köln stellte, antwortete der mir lachend, nur die Amerikaner, ist das nur da so? Das Problem ist ja, Wunderkinder, Ausnahmetalente – wie das Wort schon sagt, es sind eben Ausnahmen und nicht in dieser Vielzahl, wie sie im Moment auftreten.

Frenzel: Gibt es denn bei den Amerikanern selbst eine Debatte darüber, auch kritische Töne, zu den Dopingvorwürfen?

Menschner: Na ja, John Leonard, der seit 1985 Präsident der Internationalen Vereinigung der Schwimmtrainer ist, nennt in einem "FAZ.NET"-Interview das gesamte Schwimmsystem und damit indirekt auch Phelps, also klagt er an, also ich zitiere es mal wörtlich, "obendrein halte ich Doping nicht für ein Problem russischer Schwimmer. Ich glaube, in unserem Sport betrügen heute mehr Leute denn je. Die Schwimmer sind unter enormem Druck, weil sie wissen, dass ihre Konkurrenten dopen. Sie wissen, dass mit Mikrodosierungen gearbeitet wird, dass nachts gedopt wird, wenn kein Kontrolleur kommt, dass am nächsten Tag nichts mehr nachweisbar ist", so Leonard.

Fehlender Aufschrei gegen Startrecht russischer Sportler

Frenzel: Jetzt haben wir viel über die Amerikaner gesprochen. Großes Thema vorher waren ja die Russen. Was halten Sie davon, dass das IOC vor den Russen, man muss wahrscheinlich sagen eingeknickt ist und dann doch etliche Athleten bei den Spielen zugelassen hat?

Menschner: Na ja, erst einmal freut es mich natürlich, dass das IPC, das International Paralympische Komitee, dem IOC eine solche Klatsche zugefügt hat und den russischen Verband von den Spielen ausgeschlossen hat. Was mich aber schon verwundert, dass es vor den Starts keinen Aufschrei gab, dass sich nachweislich gedopte russische Sportler ihr Startrecht erstritten haben. Auf der anderen Seite stellt sich natürlich die Frage, wenn dann die beiden, also einmal die Schwimmerin Julia Jefimowa und der Chinese Sun Yang, wenn die beide zweite wären, dann gibt es ja noch einen, der vor denen auf dem Treppchen stand. Da steht dann schon so ein Fragezeichen, was mit denen ist.

Frenzel: Sagt die Journalistin Catherine Menschner, selbst Opfer des DDR-Dopingsystems. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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