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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.01.2015

Castorf inszeniert BaalVergewaltigung eines ganzen Landes

Von Christoph Leibold

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Soldaten-Gräber auf dem Truong Son Friedhof in der vietnamesischen Provinz Quang Tri, aufgenommen am 23. März 2000. (picture alliance / dpa / epa afp Hoang Dinh Nam)
Castorfs Baal spielt in Vietnam zur Zeit des Vietnam- und Indochina-Krieges (picture alliance / dpa / epa afp Hoang Dinh Nam)

Frank Castorf verpflanzt Brechts Baal ins Vietnam nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bühne sieht aus wie ein Militärcamp und bis zur Pause trägt diese Lesart auch. Nach der Pause gibt es den ein oder anderen Hänger - doch darüber hilft die Spielfreude der Schauspieler locker hinweg.

Baal frisst, säuft und hurt. Eine monströse Figur. Klarer Fall für's Castorf-Theater, das den Exzess liebt. Und die Extreme. Auch die extreme Länge. Viereinhalb Stunden in diesem Fall. Für einen Castorf-Abend ist das fast kurz. Für Brechts "Baal"-Drama dagegen recht ordentlich.

Natürlich hat Frank Castorf in seine dritte Münchner Inszenierung unter Residenztheater-Intendant Martin Kušej wieder jede Menge Fremdmaterial zwischen die Szenen der Textvorlage montiert, die er zudem - ohne Rücksicht auf die Stück-Chronologie - wild durcheinanderschüttelt.

Baal, das dichtende Raubtier, ist ein Bürgerschreck. Castorf ist das auch. Oder war es zumindest einmal. Doch ginge es nur um die Pose, ginge es nur darum, die Spießigkeit im Denken einiger Zuschauer zu entlarven – das wäre doch ein bisschen zu billig.

Auch Brecht selbst war der kraftgenialische Gestus seines frühen Dramas in späteren Jahren zu wenig. Dem Stück fehle es an Weisheit, schrieb er 1954 rückblickend. Die politischen Umstände der Zeit, in denen er es schrieb, sind darin lediglich zu erahnen. Brecht schrieb seinen "Baal" zwischen zwei Weltkriegen, kurz nach dem ersten. Und der zweite war nicht weit.

Fast permanent im Kunstnebelschleier

Frank Castorf nun verpflanzt das Stück ins Vietnam der Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, in die Zeit des französischen Indochina- und des amerikanischen Vietnamkriegs.

Das Bühnenbild von Aleksandar Denić liegt fast permanent in einem Kunstnebelschleier wie ein Schlachtfeld im Pulverdampf. Ineinander verschachtelt, übereinandergestapelt türmen sich im Dunst verschiedene Spielorte – neben einem asiatisch-pagodenartigen Tempel- oder Teehäuschen, das auch Opiumhöhle ist, vor allem: Armeezelte, ein Hubschrauber, mit Tarnnetz bespannte Baracken und Verschläge. Das Ganze ist einem Military Camp nicht unähnlich. Und über allem: zwei Videoleinwände, die live gefilmte Bilder aus den nicht einsehbaren Innenräumen dieses verwinkelten Bühnengebäudes übertragen.

Manchmal werden diese Bilder auch in anderes Bildmaterial hineinprojiziert, in Szenen aus Francis Ford Coppolas Vietnam-Film "Apocalypse Now" zum Beispiel. Außerdem werden immer wieder Passagen vorgetragen, die Kriegsreportagen oder GI-Tagebüchern entnommen scheinen.

Brechts Baal vergewaltigt Frauen. Bei Castorf wird ein ganzes Land vergewaltigt. Eine Invasion ist auch eine Form der Penetration.

Im Angesicht der Apokalypse

Bis zur Pause trägt diese Lesart den Abend. In der zweiten Hälfte stellen sich Abnutzungserscheinungen im Baalschen Buschkrieg ein. Irgendwann hat man das Gefühl, nur noch Variationen derselben Gedanken beizuwohnen. Das Schillernde, das an Castorfs Entwurf einer kaputten, verkommenen Welt in Célines "Reise ans Ende der Nacht" (ebenfalls am Münchner Residenztheater) so faszinierte, vermisst man diesmal. Die Freude an den Schauspielern entschädigt aber für manchen Durchhänger.

Baal, hier Guerilla-Kämpfer in eigener Sache, ist bei Schauspieler Aurel Manthei ein bulliges, vital-wütendes Kraftpaket mit der Sprengkraft einer Tretmine, in seiner verschwitzten Massigkeit von Ferne an Rainer Werner Fassbinder in Volker Schlöndorffs "Baal"-Film erinnernd. Manchmal lässt Manthei auch die kriegsversehrte Seele durchscheinen. Aber bitte, um Figurenpsychologie geht es hier natürlich nicht. Eher um Energie. Und um eine Lebensgier, die sich angesichts der Apokalypse ins Unersättliche auswächst.

Sie scheint alle Figuren umzutreiben: Franz Pätzolds fiebrigen Ekart, Baals Gefährten, der gleich noch Baals Jünger Johannes dazu ist. Andrea Wenzls rotzig-ruhelose Geliebte Sophie, die zugleich Johanna ist, das Mädchen, das Baal seinem Anhänger Johannes ausspannt. Und Bibiana Beglau als dazu erfundene Höllengemahlin Isabelle, Alter-Ego Baals und Anstifterin, die mit ihm in den Dschungel zieht, der den Wald ersetzt hat, in dem Baal bei Brecht verendet.

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