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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.09.2019

Carsten Nicolais multimediale WerkeÄsthetische Versuchsanordnungen

Von Rudolf Schmitz

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Blaue, weiße, gelbe und rote Lichtflächen führen durch eine lange Fluransicht. (Achim Kukulies)
Die größte und beeindruckendste Arbeit dieser Retrospektive heißt „unicolor“ und ist hier zu sehen. (Achim Kukulies)

Carsten Nicolai, auch bekannt unter dem Pseudonym Alva Noto, ist ein Interface-Künstler: Er arbeitet an den Schnittstellen von Naturwissenschaft, bildender Kunst und Musik. In Düsseldorf sind rund 40 seiner multimedialen Werke zu sehen und zu hören.

Filmmusik von Carsten Nicolai alias Alva Noto. Kurzvideos des Künstlers zeigen seine Faszination für bewegte Strukturen wie Wolken, Wasser oder auch architektonische Muster. Ansonsten fühlt man sich beim Eintritt in die Ausstellung in ein Filmset versetzt: "2001, Odyssee im Weltraum". Da öffnet sich eine große physikalische Wunderkammer.

Zwischen zwei facettierten Spiegeln spannen sich Laserstrahlen und lassen die Staubpartikel im Raum wie Sternensplitter aufglühen. Ein schwarzgestrichener geometrischer Körper, der an Dürers Radierung "Melancolia" erinnert, reagiert auf die körperliche Nähe von Betrachtern mit niedrigfrequenten Tönen. An der Stirnwand erzeugt ein schwarz punktiertes Raster ein durchgängiges Raumflimmern.

Schönheit und Poesie von Physik

Die Kuratorin Doris Krystof sagt: "Das ist eine Menge Physik, eine Menge Naturwissenschaften, die wir hier präsentieren und verarbeitet bekommen haben von Carsten Nicolai, aber es zeigt eben auch die Schönheit und die Poesie von Physik. Das finde ich sehr spannend, aber in vielem für mich auch Neuland."  
 
Ob Weißes Rauschen, Sinuswellen, extrem hohe oder niedrige Frequenzen – akustische Phänomene und Sounds sind für Carsten Nicolai seit den 1990er-Jahren immer wichtiger geworden. Er überführt sie beispielsweise in bildkünstlerische Werke mit entsprechenden visuellen Mustern. Carsten Nicolai sagt:

"Es gibt ja wahnsinnig viele Dinge, die für uns schon sehr wichtig sind, die wir einfach nicht wahrnehmen können, also Radioaktivität oder Magnetfelder. Ich versuche, mich dann von der Seite zu nähern, dass ich das alles als eine elektromagnetische Welle sehe. Um das zu verstehen, das Spektrum, arbeite ich eigentlich an den Schnittstellen, wo unsere Sensoren versagen, wo wir Visualisierung benötigen."

Organische, rosa Formen schwingen durch den Raum in der Installation "Sononda".  (Achim Kukulies)Carsten Nicolai beschreibt seine künstlerische Tätigkeit mit den Worten, er entwerfe nur einen Prozess und dieser sei letztlich der Autor. (Achim Kukulies)
Die größte und beeindruckendste Arbeit dieser Retrospektive heißt "unicolor". 16 verschiedene Farbmodule werden in schnell wechselndem Rhythmus auf eine weiße Wandfläche projiziert, Spiegelflächen links und rechts führen zum Effekt unendlicher Verlängerung des Spektakels. Ein Theaterstück zur Farbpsychologie – begeisternd, verwirrend, zugleich strikt rational, technologisch rational. Es wirkt wie ein Selbstläufer.

Nicolai: "Der Prozess ist der Autor"

"Bei vielen Dingen rege ich eigentlich Prozesse an. Ich entwerfe den Prozess, aber ... Ich bin nicht der Autor. Der Prozess ist der Autor. Man kann den Prozess ewig weiterlaufen lassen, würde sozusagen ewig Bilder oder Sound produzieren", sagt Carsten Nicolai.

Eine Sound-Installation mit zwei Geigerzählern macht die Ausstellung vollends zum Labor. Natürliche radioaktive Strahlung wird gemessen und mit einem vierkanaligen Soundsystem als Knistern und Störgeräusch im Raum verbreitet. Da entsteht dann doch der Eindruck, Carsten Nicolai wäre vielleicht gerne Physiker geworden. 

Die interessanten Zwischenräume

"Ich glaube, ich wäre lieber Gärtner geworden als Physiker. Die Natur ist eine sehr komplexe Angelegenheit und jede Art von Spezialistentum. Für mich ist eigentlich eher interessant, was dazwischen ist, was zwischen den Spezialisten passiert, also die Korrespondenzen. Deshalb sind vielleicht Visualisierungen, Übersetzungen, Transformationen, Observatorien so wichtig für mich, weil es immer um diese Zwischenräume geht."

Observatorien für das, was wir nicht begreifen? So könnte man Carsten Nicolais hochästhetische Versuchsanordnungen vielleicht am ehesten beschreiben. Ein kleines, blau beleuchtetes Aquarium mit einigen lebenden Ohrenquallen zeigt, dass die Erkenntnisarbeit des Künstlers auch mit kleinen und wenig aufwendigen Gesten funktioniert.

"98 % Wasser" - so der Titel der Arbeit - macht den anmutigen Tanz der kleinen Meeresbewohner zur Denkfigur: Die Qualle besteht fast vollständig aus demjenigen Medium, in dem sie sich aufhält. Könnte uns sowohl medientheoretisch als auch ökoglobal zu denken geben.

Die Ausstellung "Carsten Nicolai. Parallax Symmetry" ist noch bis zum 19.1.20 im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zu sehen.

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