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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.09.2018

Caroline Bugler u.a.: "Das Kunst-Buch. Wichtige Werke einfach erklärt"Gewappnet ins nächste Museum

Von Eva Hepper

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Ein Maler mit einer Staffelei an der Küste / Cover von "Das Kunst-Buch: Wichtige Werke einfach erklärt" (Imago /Imagobroker / Buchcover Dorling Kindersley)
Ein Maler mit einer Staffelei an der Küste / Cover von "Das Kunst-Buch: Wichtige Werke einfach erklärt" (Imago /Imagobroker / Buchcover Dorling Kindersley)

Es sind oft nur kleine Hinweise, die dem Kunstinteressierten fehlen, um ein Bild einzuordnen und es im Kontext der Epoche zu verstehen. "Das Kunst-Buch" hilft hier, in dem es Grundlagenwissen liefert und so Lust auf den Gang durchs Kunstmuseum macht.

Die zwei Skulpturen könnten kaum unterschiedlicher sein: Die elf Zentimeter kleine Frauenfigur aus Kalkstein, besticht durch üppigen Formen und entstand vor fast 30.000 Jahren. Die neun Meter hohe Spinnenplastik aus Stahl wirkt trotz ihrer Größe filigran und stammt aus dem Jahr 1999. Es sind buchstäblich Welten, die die "Venus von Willendorf" und die als "Maman" betitelte Achtbeinerin der Bildhauerin Luise Bourgeois trennen. Und doch erzählt jede Skulptur von Mutterschaft, Fruchtbarkeit und Sexualität.

Die beiden Schlüsselwerke der Kunst stehen an Anfang und Ende eines fast 400 Seiten dicken Bildbandes, der nicht weniger verspricht, als die gesamte Kunstgeschichte in den Blick zu nehmen. Dazu hat ein Autorenteam aus fünf Kunsthistorikern – Caroline Bugler, Ann Kramer, Marcus Weeks, Maud Whatley und Iain Zaczek – über 100 bedeutende Werke aus aller Welt ausgewählt. Denn, so die These der Experten, was Kunst ausmacht, wie sie sich wandelt und welche Bedeutung ihr zugemessen wird, lässt sich am besten durch Kunst selber illustrieren.

Sechs Kapitel – chronologisch sortiert und aufgeteilt nach Epochen – strukturieren das Buch. Den Auftakt machen prähistorische und antike Kunst, dann folgen die bedeutendsten Werke des Mittelalters, der Renaissance, des Barock, der Romantik und schließlich der Moderne. Zwei bis vier Seiten sind den einzelnen Werken gewidmet. Sie zeigen Abbildungen, bieten Bildbeschreibungen und erläutern den zeitgeschichtlichen Kontext.

Wesentliches auf den Punkt gebracht

So steht beispielsweise Giotto mit seinen Fresken des heiligen Franziskus in der Florentiner Bardi-Kapelle (1325) im Zentrum des Mittelalter-Kapitels. Es ist beeindruckend, wie die Autoren Wesentliches auf den Punkt bringen, indem sie die Geschichte der Heiligenlegenden, die Technik der Auf-Putz-Malerei, die Biografie des Künstlers, vor allem aber seine herausragende Malweise einfangen. Dass es sich hier um einen Wendepunkt innerhalb der westlichen Kunst handelt – weg von Stereotypen, hin zur Darstellung von Individuen – wird überdeutlich. Insbesondere, weil viele originelle Querbezüge Entwicklungen durch die Zeit beleuchten.

Lobenswert ist auch, dass die Kunst Asiens, Afrikas und aus Übersee thematisiert wird. Giotto etwa wird nicht nur flankiert von den Buntglasfenstern der Kathedrale von Chartres (um 1200) und dem Teppich von Bayeux (um 1070), sondern auch von den Statuen der Osterinseln (1200), einer hinduistischen Skulptur Shiva Natarajas (12. Jahrhundert) und den Nio-Wächterstatuen des japanischen Künstlers Unkei (1203 ), zwei acht Meter hohen, an Samurai-Krieger erinnernde Skulpturen von sieben Tonnen Gewicht.

Überzeugend ist auch das erste Kapitel, das beispielsweise die Venus von Willendorf, die Höhlenkunst von Altamira, die Kunst der Ägypter, der Griechen und Römer beschreibt. Die 30.000 Jahre alte Fruchtbarkeitsfigurine und die Skulpturen Luise Bourgeois’ zusammenzudenken, ist originell und öffnet neue Sichtweisen.

Kaum Werke von Künstlerinnen erwähnt

Diese Qualität durchzieht leider nicht das gesamte Kapitel zur Moderne. Luise Bourgeois und Judy Chicago sind die einzigen Künstlerinnen auf weiter Flur, und die Auswahl wirkt bisweilen willkürlich und uninspiriert. Zudem ist schade, dass die Kunstwerke von Zeitpfeilen, Schaubildern und farblich abgesetzten Kästen – so informativ diese auch sind – geradezu eingezwängt werden.

Dennoch überzeugt diese Gesamtschau: Sie feiert den Reichtum der Kunst, vermittelt – insbesondere Laien – die nötigen Grundlagen und macht Lust derart gewappnet, ins nächste Museum zu gehen.

Caroline Bugler/Ann Kramer/Marcus Weeks/Maud Whatley/Iain Zaczek: Das Kunst-Buch. Wichtige Werke einfach erklärt
Übersetzt von Kirsten E. Lehmann und Christiane Wagler
Dorling Kindersley, München 2018, 352 Seiten, 24,95 Euro

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