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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.05.2019

Carolin Emcke: "Ja heißt ja und …"Jenseits der Lagerbildung

Von Eva Hepper

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Carolin Emcke mit Ihrem neuen Buch "Ja heißt ja und...". (Andreas Labes/Fischer Verlage/Collage: DLF Kultur)
Wie lassen sich Lust und Sexualität in ihrer Vielfalt ermöglichen? In ihrem neuen Buch geht Carolin Emcke dieser Frage nach. (Andreas Labes/Fischer Verlage/Collage: DLF Kultur)

In ihrem Buch „Ja heißt ja und...“ versammelt Carolin Emcke Fragmente, die die MeToo-Debatte zum Ausgangspunkt nehmen. Die Buchpreisträgerin fordert darin Achtsamkeit und eine Gesprächskultur, in der das Zuhören im Mittelpunkt steht.

Eigentlich wollte sich Carolin Emcke nicht zur #MeToo-Debatte äußern. Es hatten sich schon so viele zu Wort gemeldet seit Oktober 2017, als der Hashtag gleichen Namens um die Welt ging und zur bisher größten öffentlichen Diskussion um sexualisierte Gewalt, um Macht und Geschlechterrollen wurde. 

Andererseits rumorte es in ihr. Denn was zur Sprache kam, wie undifferenziert darauf reagiert wurde und wie reflexhaft die Lagerbildung einsetzte, das forderte die Reaktion der engagierten Autorin und Buchpreisträgerin dann doch heraus.

Carolin Emcke formulierte ihre Ideen schließlich in einer Lecture-Performance, einem Vorlese-Vortrag mit Musik auf der Theaterbühne, der im Dezember 2018 in Berlin Premiere feierte. Fünf Monate später erscheint nun das passende Buch dazu. 

"Ja heißt ja und..." versammelt Miniaturen, Versatzstücke und Fragmente, die die MeToo-Debatte zum Ausgangspunkt nehmen, jedoch weit darüber hinaus denken. Im Tonfall des gesprochenen Wortes reflektiert Emcke über Lust und Unlust, über Sexualität und Abhängigkeit, über Rollenbilder und auch – die nachfolgende MeTwo-Diskussion im Blick habend – über Rassismus, Identität, Teilhabe und Ausgrenzung. Klein ist dieses Programm nicht.


Meetoo Demonstration gegen sexualisierte Gewalt und sexistische Übergriffe am 28.10.2017 in Berlin Neukölln.  (imago images / Bildgehege)Meetoo Demonstration gegen sexualisierte Gewalt und sexistische Übergriffe am 28 10 2017 in Berlin (imago images / Bildgehege)
Die studierte Philosophin setzt auf eine Kombination aus gesellschaftlicher Analyse und persönlicher Erfahrung. So erzählt sie etwa, wie sie als Journalistin vom Herausgeber gelobt wurde und anschließend vom Ressortleiter das Versprechen bekam, begleitet zu werden, sollte dieser sie zu sich nach Hause einladen.

Was hätte sie dort erwartet? Der Herausgeber im Bademantel? Und wieso wusste zwar jeder in der Redaktion von solchen Übergriffen, sprach das aber nie an? Und warum hat sie selbst geschwiegen dem schlagenden Ehemann einer Freundin gegenüber? Oder warum dachte sie jahrelang Missbrauchsopfer immer nur weiblich? 

Forderung nach Achtsamkeit im Miteinander

Das sind starke Passagen, denn sie verdeutlichen die eigene Hilflosigkeit, eine Situation angemessen beurteilen und darauf reagieren zu können. Tatsächlich schreibt Carolin Emcke nie von einer höheren Warte aus, sondern kreist mehr oder weniger geduldete Praktiken stets suchend, tastend und auch zweifelnd ein.

Denn zunächst gehe es um Wahrnehmung und Bewusstmachung – es sei eben nicht normal, einen Geschäftstermin im Bademantel zu absolvieren, und es sei eben nicht naiv, nicht mit einem Übergriff zu rechnen – dann erst um Veränderung.

Was es dazu bräuchte? Auch hierzu formuliert die Autorin ihre Ideen, die so einleuchtend klingen und doch nicht gerade Konjunktur haben: Achtsamkeit im Miteinander, einen differenziert wahrnehmenden Blick und eine andere Gesprächskultur, in der das Zuhören im Mittelpunkt steht. 

"Ja heißt ja und ..." ist ein inspirierendes, den Blick weitendes und wohltuend unaufgeregtes Buch. Es hat nichts von der grimmigen Verbissenheit, die den gesellschaftlichen Diskurs aktuell prägt und kommt leicht und mitunter auch witzig daher. Über die von Carolin Emcke beobachteten "Bademantelobsessionen" anfangs von MeToo muss man sogar lachen, und das will etwas heißen bei dem Thema.

Carolin Emcke: "Ja heißt ja und …"
S. Fischer, Frankfurt/Main 2019
96 Seiten, 15 Euro

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