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Lesart | Beitrag vom 11.09.2019

Carla Maliandi: "Das deutsche Zimmer"Verloren zwischen Buenos Aires und Heidelberg

Von Dirk Fuhrig

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Cover des Buches "Das deutsche Zimmer" (Berenberg-Verlag)
An seinen besten Stellen liest sich "Das deutsche Zimmer" wie ein humorvoller und pointierter deutsch-argentinischer Studentenroman. (Berenberg-Verlag)

Im Debütroman "Das deutsche Zimmer" von Carla Maliandi flieht eine Frau vor ihrem Alltag in Buenos Aires nach Heidelberg. Dort irrt sie ziellos umher und landet schließlich in einer Märchenwelt. Anfangs packend, wird die Geschichte später aber kitschig.

Eine Frau Ende 30 kommt aus Buenos Aires nach Heidelberg. Unter dem Vorwand, dort an der Universität zu studieren, mietet sie sich in einem Studentenwohnheim ein. Bereits als Kind hat sie in der Stadt gelebt. Ihre Eltern, Akademiker, hatten sich vor den Militärs ins Exil nach Deutschland gerettet. 

Soweit ist der Roman "Das deutsche Zimmer" autobiografisch, denn ebenso wie die Protagonistin ist Carla Maliandi, Jahrgang 1976, tatsächlich in Heidelberg aufgewachsen. Ihr Vater Ricardo, ein bekannter argentinischer Philosoph, hatte während der bleiernen Zeit der Diktatur sein Land verlassen.

Begegnungen mit merkwürdigen Menschen

Die Heldin im Roman kehrt nach Heidelberg zurück, nicht weil sie vor staatlicher Repression flieht, sondern vor ihrem öden Ehemann, der Konvention und dem lähmenden Berufs-Alltag in Buenos Aires. Kaum angekommen am Neckar, begegnen ihr merkwürdige Menschen und Geschichten. Ein junger argentinischer Student aus der ländlich-sittlichen Provinz Tucumán versucht, sie für sich zu vereinnahmen - und spielt sich als Ersatz-Ehemann und Beschützer auf, als die Ich-Erzählerin merkt, dass sie von einem Seitensprung, noch in Argentinien, schwanger ist.

Eine Mitbewohnerin im Studentenwohnheim, die Japanerin Shanice, freundet sich mit ihr an und bringt sich kurz darauf um. Die Mutter, die aus Japan zur Beerdigung anreist, bleibt auf unbestimmte Zeit in Heidelberg und stalkt die Erzählerin. Beide Frauen fühlen sich zueinander hingezogen, sie teilen eine Verlorenheit, sind irgendwie aus der Welt gefallen.

Auch ihr schwuler Jugendfreund Mario, mittlerweile Uni-Professor, ist in Heidelberg hängengeblieben. Die Militärs hatten seinen Geliebten gefoltert und getötet, weshalb er seit den 70er-Jahren nie wieder einen Fuß nach Argentinien gesetzt hat. Er ist nun verliebt in den gut aussehenden Deutsch-Türken Yusuf, der wiederum, was seine sexuelle Präferenz angeht, nicht eindeutig festgelegt zu sein scheint.

Gang "übers Eis" zu den Tieren

Carla Maliandis Figuren wissen nicht, wo sie hingehören, wo sie hinwollen, was sie überhaupt wollen. Alle sind irgendwie "Migranten" oder "mit Migrationshintergrund". Die einzige "deutsch-deutsche" Figur ist die unsympathische und leicht klischeehaft gezeichnete Wohnheimleiterin.   

Die Ich-Erzählerin streift durch die Kulisse der Universitätsstadt, sie spaziert den berühmten "Philosophenweg" über dem Neckar entlang - ziellos, ruhelos, antriebslos. Schließlich geht sie über einen zugefrorenen See, also "übers Eis", und wird eins mit dem Wald und den darin lebenden Tieren. Zwischendurch taucht eine böse Hexe in Gestalt einer Hellseherin im fernen Tucumán auf, die den Selbstmord der jungen Japanerin als böses Omen deutet.

Geschichte wird zu einem Märchen

Maliandis Buch ist am Anfang packend und mitreißend, die Geschichte bekommt jedoch bald einen seltsamen Dreh und wird zu einem Märchen. Mysteriöse Kräfte wirken auf die Ich-Erzählerin ein, die sich weder die Welt noch ihre eigene psychische Gestimmtheit erklären kann. Derart rätselhafter Existentialismus - ferner Nachklang der südamerikanischen Fantastik-Tradition - ist nicht ganz untypisch für eine bestimmte Generation argentinischer Schriftsteller; die Texte der bekannten Autorin Samanta Schweblin etwa tendieren ebenso zu solch bedeutungsschwerer Seelenbespiegelung.

Auch bei Maliandi driftet das erheblich in Richtung Innerlichkeits-Kitsch. Es sind also durchaus Abstriche zu machen an diesem Debüt-Roman, der stilistisch sehr prägnant daherkommt und sich an seinen besten Stellen wie ein humorvoller und pointierter deutsch-argentinischer Studentenroman liest - mit interessanten Figuren und Biografien vor dem Hintergrund der argentinisch-deutschen Exilgeschichte. 

Carla Maliandi: "Das deutsche Zimmer"
aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Berenberg Verlag, Berlin 2019
168 Seiten, 25 Euro

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