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Tonart | Beitrag vom 11.05.2016

Carla BleyDie Rebellin des Jazz wird 80

Von Johannes Kaiser

Die Jazz-Komponistin Carla Bley (Caterina di Perri / ECM Records)
Jazz-Komponistin Carla Bley (Caterina di Perri / ECM Records)

Sie liebt vor allem die Bigband und hat deren Spiel revolutioniert: Carla Bley, die prominenteste Jazz-Komponistin unserer Zeit. Auch mit 80 Jahren lässt sie ihre Musik funkeln und jubilieren.

"Escalator over the hill"- diese verrückte, ausufernde, wild ausbrechende, alle Konventionen der Bigband sprengende Aufnahme gründete 1968 den Ruf Carla Bleys als fantasievolle, unkonventionelle Rebellin des Jazz. Auch wenn sie in all ihren Bands am Klavier gesessen hat, so hat sie sich doch stets vor allem als Komponistin und Arrangeurin verstanden. 

"Ich fing mit drei Jahren an, das Klavierspielen zu lernen und habe da meinen Vater gefragt, wer die ganze Noten auf das Blatt gebracht hat, und er antworte: Jemand hat diese Musik geschrieben. Also fragte ich: Wie macht man das. Er gab mir ein leeres Blatt Notenpapier und sagte: Du malst einfach kleine Noten auf die Seite und dann kannst du es anschließend spielen. Also habe ich diese Seite mit kleinen Punkten ausgefüllt und ihm am nächsten Tag gebracht. Er sagte daraufhin: Das sind zu viele Punkte: Du musst die meisten ausradieren - und vielleicht hast du dann ein Stück. Seitdem mache ich das so: ausradieren, ausradieren, ausradieren."

Als Barpianistin verdiente sie ihr erstes Geld

Carla Bleys Vater war Organist und Klavierlehrer. Im Kirchenchor sang sie auch mit. So wurde Musik für sie so selbstverständlich wie Essen und Trinken - einfach alltäglich. In ihrer Jugend spielte sie erst einmal in einer Rock-'n'-Roll-Band mit. Dann verdiente sie sich als Barpianistin in Oakland ihr erstes Geld, bevor sie nach New York zog und die Jazz-Szene erkundete. Dort lernte sie ihren ersten Mann kennen, den vor kurzem verstorbenen Pianisten und Komponisten Paul Bley.

"Ich arbeitete als Zigarettenverkäuferin in einem Jazz-Club, ein Serviertablett um den Hals, und hörte im Birdland jahrelang so gut wie alle Jazzmusiker - und man hat mich sogar noch dafür bezahlt, dass ich zuhören konnte. Und ich denke, ich bin von all dem beeinflusst. Das steckt alles irgendwie in meinem Kopf und kommt heraus. Die meisten würden wohl sagen: Oh, das stammt von jemand anderem. Aber das macht mir nichts. Ich lasse es einfach drin."

Das ist ihr Markenzeichen: der kreative Umgang mit musikalischen Material jeglicher Herkunft. Sie hat sich von Kirchenmusik, Revolutionsgesängen, Mardi-Gras-Songs, Klassik, Rockmusik und natürlich Jazz aus allen Epochen beeinflussen lassen und daraus ihren unverwechselbaren Bigband-Klang geschaffen. Sie hat der in Tradition erstarrten Bigband-Form das freie Tanzen beigebracht, sie revolutioniert. 

Humorvolle, ironische Anleihen bei allen Stilen

Die ersten Meriten verdiente sie sich als Komponistin des Jazz Composers Orchestras, das sie zusammen mit Michael Mantler, ihrem zweiten Mann, 1964 gegründet hatte. 1971 kam mit der erwähnten Jazz-Oper "Escalator over the hill" der internationale Durchbruch. Seitdem schreibt sie für ihre eigenen Bands - und zwar große wie kleine Ensembles - und fasziniert die Jazz-Welt mit ihren humorvollen und ironischen Anleihen bei allen Stilen.

Sie hat sich nie als Pianistin gesehen, findet ihre technischen Fähigkeiten eher mittelmäßig. Musik zu schreiben, ist ihre ganze Leidenschaft, auch wenn es sie nach all dieser Zeit immer noch hart ankommt:

"Wenn ich nach Hause zurückkomme und ein neues Stück schreibe, setze ich mich ans Klavier. Nichts passiert, ich spiele eine Note, nichts, ich spiele noch ein Note, wieder nichts - und nach ein paar Tagen habe ich vielleicht zwei Noten, die gut zusammenklingen. Möglicherweise sind sie dann der Kern eines neuen Stücks. Ich finde allerdings, wenn es keinen guten Rhythmus hat, ist es nutzlos. Jedes Stück muss seinen eigenen Rhythmus haben, sonst klingen alle Noten nur einfach hübsch."

Carla Bley schreibt weiterhin wie in ihrer Kindheit alle Noten per Hand auf ein Notenblatt. Ihre Tochter gibt sie dann in den Computer ein. Sie hört sich das Ergebnis an, findet es gut oder verwirft es. Falls es ihr gefällt, beginnt sie mit dem Orchestrieren.

"Ich meide den leichten Weg. Sonst wird es langweilig."

"Alles entspringt der Fantasie. Das ist wie ein Buch schreiben. Sie sitzen da mit Papier und Bleistift und stellen sich vor, wie jemand an den Rand eines Flusses tritt und reinspringt und jetzt muss er gerettet werden. Ihr Verstand spielt verrückt und sie denken sich Sachen aus und schreiben sie auf und dasselbe geschieht auch in der Musik. Sie ist einfach nur eine andere Sprache. Man hört, was geschehen wird, man weiß das nicht automatisch, oftmals erst am Ende. Man entscheidet sich für eine Herangehensweise, schreibt es auf und hofft, dass es gut funktioniert - und wenn es nicht funktioniert, dann arbeitet man so lange daran, bis es klappt. Ich meide den leichten Weg, nehme den, der mir größere Schwierigkeiten verspricht. Man muss das so machen. Sonst wird es langweilig."

Man mag es kaum glauben, dass Carla Bley jetzt 80 wird. Ihren musikalischen Humor hat sie bis heute nicht verloren. Ihre Musik lacht und jubiliert, kennt keine traurigen oder melancholischen Passagen, funkelt oftmals ironisch. Sie hört nicht auf, die ganze Musikgeschichte zu zitieren, zu adaptieren und zu verfremden. Carla Bley ist hoffentlich für noch manche musikalische Überraschung gut. 

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