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Buchkritik | Beitrag vom 26.04.2019

Carl Cederström: "Die Phantasie vom Glück" Für mehr Empathie statt Selbstsucht

Von Vera Linß

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Cover: "Carl Cederström: Die Phantasie vom Glück" im Hintergrund legt eine Frau einem Mann die Hand auf die Schulter (Edition Tiamat / Unsplash / rawpixel)
Das Buch "Die Phantasie vom Glück" zeigt eindrücklich, wie groß der Bedarf an Empathie ist. (Edition Tiamat / Unsplash / rawpixel)

Das Mantra der Selbstverwirklichung ist in der Berufswelt gescheitert. Zu dieser Erkenntnis kommt der schwedische Ökonom Carl Cederström in seinem Buch "Die Phantasie vom Glück". Er wünscht sich eine feministische Glücksfantasie.

"Selbstverwirklichung!" versprechen Glücksratgeber, Lebenshilfebücher und Apps am laufenden Band. Und verkaufen sich wie geschnitten Brot. Aus gutem Grund. Das "wahre innerste Potenzial" auszuschöpfen - konstatiert Carl Cederström - ist die Glücksphantasie, die den reichen Westen seit fast einem Jahrhundert beherrscht. Nach dem Motto: Wer sich nur richtig anstrengt, ist auch erfolgreich.

"Sei du selbst!"

Diese Fantasie beginnt aber zu zerfallen, meint der Autor. Für ihn hat sie mit Donald Trump geendet, der sie ganz offen für seine Interessen pervertiert. Die Ideologie des "Sei du selbst!" gehe immer auf Kosten von Schwächeren. Sie sei längst Teil der Herrschaft des Kapitals.

Seit Jahren beschreibt der Organisationstheoretiker von der Stockholm Business School mit beißender Kritik, wie Unternehmen die "wahnhafte" Idee der Selbstverwirklichung als Köder nutzen, um auch noch die privatesten Seiten des Menschen auszubeuten. Emotionen, Körperdaten, selbst der Wunsch nach Authentizität - jede Eigenart wird kommerzialisiert und in einen Konkurrenzvorteil verwandelt. Wie und warum das seit Jahrzehnten funktioniert, darum geht es in diesem Buch. Es ist die "Geschichte einer Idee vom Glück".

Selbstverwirklichung als rein männliche Phantasie 

Diese beginnt mit dem Psychoanalytiker Wilhelm Reich. Der postulierte in den 1920er-Jahren, der Mensch könne sich von gesellschaftlichen Zwängen befreien, wenn er nur authentisch und in der Lage sei, sexuelle Befriedigung zu finden. Cederström schildert, wie wenig Reich mit dieser Idee durchdrang, bis sie im Kalifornien der 60er-Jahre als Leitbild der kulturellen Gegenbewegung wieder aufersteht. Allerdings hat die emanzipatorische Botschaft dann nicht einmal 20 Jahre Bestand.

Akribisch, wie ein Krimi, zeichnet Cederström die Transformation eines Traums in eine "wachsende Kultur der Selbstsucht" nach. Von Schriftstellern wie Henry Miller oder der Beat Generation um Alan Ginsberg und William S. Burroughs zum Kult erhoben, sorgen Psycho-Gurus wie Werner Erhard mit ihren Schulungsprogrammen dann dafür, dass die Schlagwörter der Revolution und Befreiung in die kapitalistische Unternehmenskultur Einzug finden. Dass alle Menschen unabhängig von ihrer sozialen Situation erfolgreich sein könnten, sei zentral für die neoliberale Phantasie, auf deren Grundlage Politiker wie Ronald Reagan in den 80er-Jahren begannen, den Einfluss des Staates zurückzufahren.

Der große Bedarf nach Empathie

Für Carl Cederström ist das Mantra der Selbstverwirklichung aber nicht nur gescheitert, weil es prekäre Arbeitsverhältnisse schafft, wie es jetzt in der Digitalisierung ein weiteres Mal sichtbar wird. Er entlarvt die Idee auch als eine rein männliche Phantasie, hinter der das Recht des Alphamännchens auf Lust stehe, die im Image von Trump ihren logischen Abschluss finde.

Und tatsächlich: Fast alle Protagonisten sind Männer. Deshalb wünscht er sich eine feministische Glücksphantasie, die Glück nicht mehr als ein persönliches Streben denkt, sondern auf Empathie statt auf Selbstsucht gründet. Sein Buch zeigt eindrücklich, wie groß der Bedarf danach ist.

Carl Cederström: Die Phantasie vom Glück
Aus dem Englischen von Norbert Hofmann, Edition Tiamat
Berlin 2019
182 Seiten, 18 Euro

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