Seit 17:05 Uhr Studio 9

Freitag, 26.04.2019
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Fazit | Beitrag vom 16.04.2019

Caravaggio-Ausstellung in MünchenSo hatte man Christus noch nie gesehen

Von Tobias Krone

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Gang mit dunkellila Wänden und großflächigen Gemälden in der Ausstellung "Utrecht, Caravaggio und Europa", eine Frau fotografiert eines der Gemälde. (dpa picture alliance/ Sina Schuldt)
Caravaggio und seine Schüler brachten für eine kurze Zeit provokanten Realismus nach West-Europa: Eine Impression aus der Münchner Ausstellung. (dpa picture alliance/ Sina Schuldt)

Der frühbarocke Maler Caravaggio brachte um 1600 die Leiden der Heiligen ungeschönt auf die Leinwand, zeigte ihre Wunden und Schmerzen. Nun sind seine Werke in der Pinakothek in München zu sehen – und die seiner Nachkommen im Geiste.

Er hat sich viel herumgezofft in seinem ausschweifenden Leben, sei es mit aufmüpfigen Kellnern, sei es mit penetranten Nachtwächtern - und er hat sich am Lebensende sogar verstecken müssen, weil er mutmaßlich einen Menschen in einem Streit getötet hat. Nun, 400 Jahre später, bieten ausgerechnet italienische Polizisten ihm, Caravaggio, Geleitschutz.

"Ein mich bewegender Moment war letzte Woche, als der LKW ankam am Südportal der Alten Pinakothek in Begleitung einer Sicherheitseskorte, mit schusssicheren Westen, übernommen von zwei Fahrzeugen der Carabinieri am Brenner - die Grablegung Christi von Caravaggio."

... erklärt Kurator Bernd Ebert auf der Pressekonferenz hörbar stolz. Caravaggio und Carabinieri. Wer weiß, dass ein dem Maler zugesprochenes Gemälde im Juli wohl für etwa 100 Millionen Euro versteigert wird, kann nachvollziehen, dass die Leihgabe der Grablegung aus den Vatikanischen Museen in Rom ein veritabler Staatsakt ist, bei dem sogar der Münchner Kardinal Reinhard Marx mitgeholfen haben soll.

Ein bisschen angeben will man jetzt schon in der Alten Pinakothek. Auch wenn die Ausstellungsmacher die eigentliche Sensation darin sehen, dass sie den Meister Caravaggio inmitten seiner Nachkommen im Geiste zeigen. In der Pinakothek sind auch zwei andere Grablegungen Christi zu sehen: die des Niederländers Dirk van Barburen und die des Franzosen Nicolas Tournier.

"Was macht Caravaggio mit dem Körper Christi? Er wirkt schwer. Es ist ein Leichnam eines erwachsenen Mannes. Dieses übernimmt und inszeniert auch Dirk von Barburen. Ganz anders Nicolas Tournier. Hier ist die Christus-Figur federleicht, die französische Eleganz überwiegt."

Caravaggio malte Heilige mit Figuren von der Straße

Die Münchner Ausstellung mit dem Titel "Caravaggio, Utrecht und Europa" ist Kunstgeschichte zum Selbsterleben. Anhand verschiedener Motive lässt sich vergleichen, wie der eigenwillige Wahlrömer und jene, die von ihm begeistert waren, für etwa vier Jahrzehnte den Caravaggismus zur Perfektion brachten und sich dabei vom gekünstelten Stil des Manierismus distanzierten:

"Caravaggio war ein Maler, der aus Mailand kam. Mit seiner lombardischen Tradition, die der - und das muss man jetzt rückblickend sagen - der Niederländer sehr nahe ist: in seiner Darstellung der Alltagswelt mit Figuren, die scheinbar auch von der Straße kommen. Er hat Heiligendarstellungen gemalt mit Figuren von der Straße. Das hat man ihm auch angekreidet. Er hat mit Konventionen gebrochen."

Exemplarisch dafür steht die Kreuzigung Petri am Beginn der Ausstellung. Auf dem Ölgemälde Caravaggios, hier in Kopie vorhanden, wird kein verklärter Heiliger gekreuzigt, sondern ein sichtlich weggetretener Greis, dessen schmutzige Füße damals ein Skandal gewesen sein müssen, ebenso wie das prominent platzierte Gesäß des sich bückenden Schergen, der mit dem Aufrichten des Kreuzes beschäftigt ist. Die Kreuzigung ist hier vor allem schwere Drecksarbeit am Menschen.

Zehn Jahre später - Caravaggio ist da schon tot - studiert der 24 Jahre alte Niederländer Gerard van Honthorst das Bild. In seiner Zeichenkopie verstärkt er die naturalistische Detailtreue noch einmal, lässt das Holz des Kreuzes etwa durch den Nagel splittern.

Caravaggisten spielten mit Naturgesetz und Mystik

Mit dem Realismus verarbeiteten die jungen Künstler gleichzeitig ihre Erfahrungen in der Großstadt Rom, was sich anhand etlicher Darstellungen des Motivs David gegen Goliath nachvollziehen lässt. Der David, der dem Riesen den Kopf abgeschlagen hat, trägt hier meist kindliche Züge, bei Bartolomeo Manfredi spricht aus ihnen das schiere Grauen. Der Mensch hat gesiegt, aber er hat auch getötet:

"Die Gewalt war damals Teil des Alltags. Enthauptete wurden liegen gelassen auf den Marktplätzen zur Abschreckung. Das Tragen von Waffen, sei es legal, sei es illegal, war Teil des Alltags."

Auch mit der Sünde beschäftigte man sich ausgiebig - diese Abteilung ist der Clou der Kuratoren, denn sie beweist, dass die Künstler ebenso lebensnah und bewegend die Tempelreinigung darstellen konnten, in der Christus wütend die Geldwechsler aus dem Tempel fegt, wie ihre eigenen Trinkgelage mit Prostituierten. Prominent Gerard van Honthorst:

" ... , der später den Beinamen bekam: Gherardo delle notti, also 'Gerhard der Nachtstücke'. Er hat die künstliche Lichtquelle in das Bild eingeführt - die Kerze oder die Fackel."

Mit dieser Technik setzte van Honthorst mal das Dekolleté einer Kurtisane ins Licht, mal den verspotteten Christus - wobei einer der Spötter sichtlich geblendet ist vom hellen Schein - der Fackel oder des Heilands? Es ist dieses Spiel von Naturgesetz und Mystik, von Profanem und Heiligem, das die Caravaggisten sehr weit trieben, bis von 1630 an wieder der glatte Klassizismus in Mode kam - und Caravaggio für Jahrhunderte in Vergessenheit geriet.  

Die Ausstellung "Utrecht, Caravaggio und Europa" ist bis zum 21. Juli 2019 in München zu sehen. Wer die "Grablegung Christi" aus Rom sehen will, muss das bis zum 20. Mai tun.

Mehr zum Thema

Caravaggio-Ausstellung in Utrecht - "Mit ungekanntem Realismus für eine Revolution gesorgt"
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 16.12.2018)

Ausstellung in Rom - Caravaggio und andere Highlights im Quirinalspalast
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 24.4.2017)

Gemälde-Streit - Beim heiligen Caravaggio!
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 27.6.2015)

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 14Der Stoff, aus dem der Osten ist
Szene aus "Düsterbuschs City Lights" am Theater Magdeburg (Theater Magdeburg)

Von einer Magdeburg-Reise kommen wir mit Fragen zurück: Welche Themen interessieren 30 Jahre nach dem Mauerfall das Publikum in den neuen Bundesländern? Muss man hier anders Theater machen? Und warum fallen Kritiken oft anders aus als Zuschauerreaktionen?Mehr

Folge 13Konfetti und Konflikte
Bühnenbild von Katrin Brack für „Immer noch Sturm“ am Thalia Theater Hamburg (Armin Smailovic)

Konfetti, Nebel und Schaumstoffquader: In Folge #13 des Theaterpodcasts schauen wir auf die Bühnenbilder von Katrin Brack und fragen am Beispiel der Bühnen Halle, wie viel Experimente das Stadttheater verträgt.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur