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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.05.2015

"Cap Arcona"Ein Schiff schreibt Weltgeschichte

Von Günther Wessel

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Der deutsche Luxusdampfer "Cap Arcona" wurde 1945 in Lübeck versenkt. (dpa / picture alliance)
Der deutsche Luxusdampfer "Cap Arcona" wurde 1945 in Lübeck versenkt. (dpa / picture alliance)

In den 20er-Jahren war die "Cap Arcona" ein deutscher Luxusliner, kurz vor Kriegsende starben an Bord Tausende ehemalige KZ-Insassen. Die bewegende Geschichte dieses Schiffes, die zugleich ein Zeitporträt ist, erzählt nun der Schweizer Autor Stefan Ineichen.

Die "Cap Arcona" war wie der Zeppelin ein Symbol für den Aufstieg Deutschlands Mitte der 1920er-Jahre. Mit Hilfe öffentlicher Kredite wurde der Dampfer 1927 in Hamburg bei "Blohm und Voss" gebaut. Er etablierte sich schnell in der Luxusschifffahrt auf dem Südatlantik. Auf ihm querten vorwiegend wohlhabende Argentinier, die den Sommer in Europa verbringen wollten, den Ozean. "Reich wie ein Argentinier" war in jenen Jahren ein geflügeltes Wort.

Nach 1933 brachte die "Cap Arcona" in der weniger luxuriösen dritten Klasse auch zahlreiche Auswanderer und Flüchtlinge nach Südamerika. Diese waren angeblich meist Landwirte, weil solche vor Ort gesucht wurden. Sie alle kommen vor, die Armen und Reichen darunter auch die argentinische Schwimmerin Jeannette Morven Campbell, die zur Olympiade nach Berlin reiste und im Zehn-Meter-Becken im Bauch des Schiffes trainierte.

Der Titanic-Film von 1942 wurde auf der "Cap Arcona" gedreht

Der Autor Stefan Ineichen verknüpft das Schiffsleben geschickt mit der großen Weltgeschichte. Er erzählt chronologisch und detailverliebt, schildert kenntnisreich die Geschichte der Reedereien in Deutschland, er berichtet von den "Kraft durch Freude"-Seereisen, vom Leben im wichtigsten deutschen Kriegshafen in der Ostsee und schreibt über die (weiblichen) Filmstars im Dritten Reich anlässlich der Dreharbeiten zum deutschen Titanic-Film von 1942, der auf der "Cap Arcona" gedreht wurde. So erfahren die Leser auch etwas über den Postverkehr nach Südamerika mit Flugbooten und darüber, dass sich der Häuserbau der 1920er-Jahr an der Form von Großschiffen orientierte.

Das alles ist oft assoziativ gereiht und mitunter fragt man sich, warum der Autor so abschweift und manchen Geschichten und Personen viel Raum bietet – mitunter erschlägt die Materialfülle und an manchen Stellen hilft es, beherzt querzulesen.

4500 Tote nach britischem Luftangriff

1939 wurde die "Cap Arcona" aus dem Südamerika-Dienst entlassen und diente danach grau angestrichen als Hilfsschiff der Marine. Im Frühjahr 1945 lag sie manövrierunfähig im Lübecker Hafen und ab Mitte April wurden Überlebende des Hamburger Konzentrationslagers "Neuengamme" auf ihr einquartiert. Die einrückenden Engländer sollten in Hamburg kein Konzentrationslager vorfinden.

6000 Menschen waren an Bord, als sich am 3. Mai eine Tragödie ereignete: Englische Bomber griffen die Schiffe im Lübecker Hafen an - sie dachten, auf ihnen seien deutsche Wehrmachtstruppen untergebracht. 4500 Menschen starben. Die "Cap Arcona" brannte komplett aus und damit endete ihr 18-jähriges Schiffsleben. Und dennoch spiegelt sie bis heute deutsche Geschichte von den goldenen Zwanzigern zum bitteren Ende wider.

Stefan Ineichen: Cap Arcona 1927-1945. Märchenschiff und Massengrab
Limmat Verlag, Zürich 2015
240 Seiten, 34,80 Euro

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