Seit 17:00 Uhr Nachrichten

Montag, 19.11.2018
 
Seit 17:00 Uhr Nachrichten

Zeitfragen | Beitrag vom 06.09.2018

Cannabis-Konsum"Jeder Widerspruch verschwindet"

Von Marko Pauli

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine junge Frau raucht Cannabis während einer Feier in Los Angeles (2017). (AP Photo/Richard Vogel)
"Es ist, als lebte man mehrere Menschenleben in einer Stunde", schreibt Charles Baudelaire über den Cannabis-Konsum. (AP Photo/Richard Vogel)

Der weltweite Konsum von Cannabis ist auf einem Rekordhoch angelangt. Und wer einen Joint raucht, gilt nicht mehr - wie früher vielleicht - als "gesellschaftlicher Rebell". Im Gegenteil: Droht mit steigendem Cannabis-Konsum möglicherweise der Rückzug in die Selbstgenügsamkeit?

Rüdiger: "Es macht einen ohnehin netten Abend noch netter. Das Vorurteil vieler Außenstehender, dass der durchschnittliche Kiffer eigentlich gar nichts mehr auf die Reihe kriegt, ist insofern richtig, als keine Notwendigkeit mehr besteht, irgendwelche Aufwände auf sich zu nehmen, um eine gute Zeit zu haben."

Maja Falckenberg, Schmerztherapeutin: "Wenn das jetzt so viele Menschen nehmen - es gibt die Idee, dass 30 Prozent der Weltbevölkerung zeitweilig Cannabis zu sich nehmen: Wie ist das eigentlich mit der Beurteilung von politischen Systemen, was macht das eigentlich mit uns? Bin ich zufrieden mit dem, was mir die Regierungen vorsetzen? Oder entwickle ich eigene Ideen, kämpfe dafür. Kann ich noch kämpfen, wenn ich unter so einer Droge stehe, für meine Interessen? Weiß ich nicht."

Bernd Werse, Sozialwissenschaftler: " Auf jeden Fall würde ich mich dagegen verwehren, eine Pauschaldiagnose zu erstellen: Der erhöhte Cannabiskonsum hat die oder die Wirkung auf die Gesellschaft."

Warum wird heute so viel Cannabis konsumiert wie vielleicht noch nie? Bernd Werse, seit 20 Jahren in der sozialwissenschaftlichen Drogenforschung tätig, beobachtet ein sich veränderndes Ansehen. 

"Ich denke einfach, dass das ein langsamer Prozess gewesen ist, wie diese Droge nach und nach wieder mehr in der Gesellschaft angekommen ist. Was viele, auch in der internationalen Literatur als Normalisierung bezeichnen, dass es einfach akzeptierter geworden ist."

Anstieg des Konsums bei 45- bis 64-Jährigen

Gefördert sicherlich durch den vermehrten Einsatz in der Medizin und die Legalisierung für den Freizeitkonsum in immer mehr Ländern. Und Cannabis ist nicht mehr allein eine Sache der Jugend. In Deutschland gibt es bei den 45- bis 64-Jährigen einen starken Anstieg des Konsums.

"Warum Cannabis als Droge wieder die größte Rolle spielt, auch quantitativ, hat sicherlich damit zu tun, dass das Spektrum der Wirkungen und der Wahrnehmung dieser Wirkungen einfach enorm groß ist - zwischen leichter Euphorie und sich total zu machen, sich total von der Welt abzukapseln oder einfach nur wegzudämmern, ist einfach sehr viel möglich an Wahrnehmung."

Die schwer zu fassende Wirkung sei ein Grund, warum viele ihrer Patienten Bedenken hätten, es auszuprobieren, sagt Maja Falckenberg, die Cannabis als Medizin verschreibt.

"Die haben Ängste vor Kontrollverlust. Gerade ältere Menschen haben von jungen Leuten gehört, die sich seltsam benehmen. Tumorpatienten hören, sie sollen das doch mal gegen Schmerzen versuchen. Die wollen das vielleicht gar nicht aus eigenem Antrieb, haben Ängste davor, dass ihnen was passiert."

Doch auch Cannabis-Nutzer, sogar regelmäßige, wissen bisweilen nicht so genau, was die Droge eigentlich mit ihnen macht. Da ist zum Beispiel Rüdiger: Der 33-Jährige baut gemeinsam mit Freunden diverse Sorten Cannabis für den Eigengebrauch an.

"Was macht es mit mir? Gute Frage, noch nie so drüber nachgedacht. Es entspannt, es sensibilisiert auch für äußere Eindrücke, aber auch für den inneren Monolog. Wenn man es alleine macht, kommt es vor, dass man sich in Tüddelkram verliert, dass man nicht dabei bleibt, einen Film zu gucken, sondern man macht nebenbei auch andere Dinge. Und am Ende stellt man fest, dass man meistens gar nichts gemacht hat. Aber auch das ist meistens ganz nett."

"Schon trägt dich der Gedankenfluss fort"

Es gäbe sehr wohl typische Merkmale, die im Verhalten und in der Psyche unter Cannabis-Einfluss bemerkbar sind, schreibt Charles Baudelaire in seinem 1860 erschienenen Essay "Die künstlichen Paradiese". Er versucht sich dort an einer Monografie des Cannabis-Rausches. An Unerfahrene gewandt, betont er zunächst, dass sie keinerlei Wunder finden werden, sondern nichts als die gesteigerte Natur.

Der Mensch kann dem Schicksal seines physischen und moralischen Temperaments nicht entschlüpfen. Der Haschisch wird für die Eindrücke und die dem Menschen eigentümlichen Gedanken zum Vergrößerungsspiegel, aber zu einem Spiegel eben nur.
 
Charles Baudelaire gehörte zum Club des Hashashins, einer Gruppe französischer Wissenschaftler, Literaten und Künstler, die zwischen 1844 bis 1849 mit Cannabis experimentierte, genauer gesagt mit Haschisch, dem harzigen Extrakt aus den Cannabis-Blüten. Sie aßen es als orientalische Süßspeise, vermengt mit Pistazien, Butter und Orangensaft. Die erste Wirkung beschreibt Baudelaire so:

Zuerst befällt dich eine gewisse lächerliche, unwiderstehliche Heiterkeit. Diese Anfälle grundloser Lustigkeit, deren du dich beinahe schämst, wiederholen sich häufig und unterbrechen die Pausen, in denen du verblüfft versuchst, dich zu sammeln. Die einfachsten Worte, die alltäglichsten Gedanken erhalten ein neues und merkwürdiges Aussehen. Du wunderst dich sogar, sie bislang so einfach gefunden zu haben.

In der Freude eine gespannte Unruhe, die Gedankenverbindungen locker, der Faden, der die Einfälle verbindet, dünn. Ein übertriebenes Interesse an allem, was einem begegnet, betrachtet von einem alsbald davon galoppierenden Geist.

Aber schon trägt dich ein anderer Gedankenfluss fort; auch er wird dich eine Minute in seinem lebendigen Wirbel forttreiben, und diese weitere Minute wird zu einer weiteren Ewigkeit werden. Denn die Begriffe der Zeit und des Daseins werden durch die Vielheit und die Intensität der Gefühle und der Ideen völlig verwirrt. Es ist, als lebte man mehrere Menschenleben in einer Stunde.

(dpa)Cannabis-Pflanze: Charles Baudelaire aß den Wirkstoff, vermengt mit Pistazien, Butter und Orangensaft. (dpa)
Zeit kann offenbar sehr flexibel wahrgenommen werden, eine Minute lang werden, eine Stunde aber auch sehr kurz. Der US-amerikanische Soziologe Howard S. Becker hat in den 60er-Jahren Cannabis-Nutzer interviewt, ein Musiker erzählt dort:

"Wir spielten das erste Stück zwei Stunden lang - das erste Stück. Stell dir das vor, man! Wir begannen um neun Uhr. Als wir zu Ende waren, schaute ich auf meine Uhr, es war viertel vor elf. Fast zwei Stunden für ein Stück und es erschien mir wie nichts. Es ist, als ob du viel mehr Zeit hättest oder so."

Eine Vertiefung in die eigene Tätigkeit und Gedankenwelt ist möglich. Was dort geschieht, wird in diesen Momenten bisweilen für sehr brillant gehalten. Ob die Zuhörer des ersten Stücks zwei Stunden lang begeistert waren - man weiß es nicht.

Vor dem Konsum, schreibt Baudelaire, sollte sichergestellt sein, dass kein Kummer oder andere Unruhe vorhanden sind. Diese würden wie eine Schiffsglocke durch die Trunkenheit gellen und das Vergnügen vergiften. So geschehen bei einem Bekannten, von dem Baudelaire berichtet, dem einfiel, dass er zu einer Tischgesellschaft geladen war. Er sah sich in seinem frisch berauschten Zustand nicht in der Lage dazu, befürchtete, Grund zum Anstoß zu geben, geriet in Verzweiflung und beschloss eine Apotheke aufzusuchen. Vor dieser, der Begegnung mit dem Apotheker entgegensehend, blieb er dann unschlüssig stehen.

Ich stellte mir vor, dass dieser Mann ebenso empfindlich wie ich selbst in diesem traurigen Augenblicke war, und da ich mir ferner einredete, dass sein Ohr und seine Seele wie die meine beim leisesten Geräusch vibrieren mussten, beschloss ich, auf Zehenspitzen bei ihm einzutreten. Ich kann, sagte ich mir, einem Manne gegenüber, dessen Mitleid ich in Anspruch nehmen will, nicht genügend Zurückhaltung üben. Auch nahm ich mir vor, den Ton meiner Stimme ebenso wie den Klang meiner Schritte zu dämpfen.

Ein typisches Merkmal im Cannabisrausch: ein Wohlwollen, selbst unbekannten Personen entgegengebracht.

"Was Baudelaire und seine Kollegen gemacht haben, ist ja, dass sie Cannabis in ziemlich hohen Dosierungen zu sich genommen und sie es auch oral aufgenommen haben. Insofern unterscheidet sich die Intensität der Erfahrung, die sie gemacht haben, schon wahrscheinlich ziemlich deutlich davon, was ein durchschnittlicher Cannabis-Raucher heutzutage so wahrnimmt. Das ist generell eigentlich so, wenn man Cannabis isst, und dann nicht so genau auf die Dosis achtet, dann sind die Wahrnehmungen, die man hat, wesentlich intensiver, als wenn es geraucht wird."

Alltägliches wird spannend

Rüdiger, der sein selbst gezogenes Gras gerne per Verdampfer zu sich nimmt, möchte auch besser nichts Spezielles vorhaben, wenn er konsumiert hat.

"Im Gegenteil, je besonderer das ist, was man gerade machen möchte, umso aufregender ist es eigentlich und das überfordert einen ganz schnell."

Alltägliches kann dagegen ein neues und spannend anzuschauendes Gewand erhalten.

"Die Dinge, die im Alltag ganz unbeachtet an einem vorbei rauschen, mit denen kann man dann mitunter viel anfangen. Sie besitzen das Potenzial, in dieser Zeit interessant zu sein. Ich mache gerne wenig, wenn ich high bin, und dieses wenige genieße ich aber umso mehr. Mit wenig Aufwand kriegt man viel."

Der Haschisch überzieht dann dein ganzes Leben wie mit magischem Lack. Er färbt es feierlich ein und hellt alle Tiefen auf. Das innere Auge verwandelt alles und verleiht jedem Ding die Schönheit, die ihm fehlte, um des Gefallens wert zu sein.

"Dadurch geht einem viel durch die Lappen"

"Ich sehe das Ganze überhaupt nicht unkritisch. Ich bin mir bewusst, dass es eine Droge ist, die auch mit Nebenwirkungen einhergehen, die nicht unbedingt das sind, was ich gerne möchte. Zuvorderst ist da zu nennen, dass ich im Großen und Ganzen weniger aktiv bin, als ich es wäre, wenn ich nicht kiffen würde. Insbesondere an den Wochenenden. Der Anlass wird immer kleiner, etwas anderes machen zu müssen, weil das, was man in dem Moment erfährt, schon hinreichend angenehm ist. Dadurch geht einem viel durch die Lappen, was so soziale Angelegenheiten angeht."

Rüdiger hat eine Partnerin und einen intakten Freundeskreis, und er raucht nur am Abend nach der Arbeit, sagt er. Es gibt Cannabis konsumierende Jugendliche und junge Erwachsene, die ihr Leben nicht mehr so im Griff haben.

"Vielleicht so etwas wie ein Zehntel oder so, die relativ häufige und intensive Konsummuster entwickeln und dann auch gefährdet sind, so etwas zu entwickeln, dass man sich immer stärker von der Gesellschaft entfernt."

Der Cannabis-Konsum vielleicht als Gegengift zur Realität: Dort der Leistungsgedanke, die Hypereffizienz, das Tempo - im Rausch alle Zeit der Welt. Dort das immer gläserne Leben, hier das Versinken in der eigenen Gedankenwelt. Dort der Leistungsdruck, hier das Lachen darüber. Dort soziale Kälte, hier das Wohlwollen den Menschen gegenüber. Menschliches, das im Alltag kaum erwünscht ist? Spannung, Entspannung; Belastung, Entlastung.

Revival mit der Hippie-Bewegung 

"Zunächst mal ist Cannabis eine alte Kulturpflanze, die über viele Jahrhunderte hinweg als Standardheilmittel eingesetzt wurde, insbesondere hier in Europa. In anderen Teilen der Welt durchaus auch als Rauschmittel oder als Mittel, um den Göttern näher zu kommen oder sowas."

Aus den robusten Fasern der Pflanze ließen sich Kleider, Seile und Papier herstellen - ein berühmtes Beispiel ist die Gutenberg-Bibel, die 1454 auf Hanfpapier gedruckt wurde. 1925 fand in Genf die internationale Opiumkonferenz statt, auf der Cannabis verboten wurde.

In den 30er-Jahren folgte in den USA eine Anti-Cannabis-Kampagne, mit der der Pflanze dann endgültig die Wurzeln gekappt wurden. Obwohl Cannabis damals zu den am häufigsten benutzten Schmerzmitteln gehörte, folgten viele Länder dem Verbot.

Woodstock, USA 1970, Regie: Michael Wadleigh, Szenenfoto (imago / IFTN UnitedArchives)Woodstock-Festival: Durch die Hippie-Bewegung erlangte Cannabis ein Revival. (imago / IFTN UnitedArchives)
"Erst mit den Sechzigerjahren, mit der Hippie-Bewegung, der Protestbewegung, ist es wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt."

Deutschland führte als Antwort darauf 1972 das Betäubungsmittelgesetz ein und erklärte darin das offizielle Verbot von Cannabis.

Mitte der 1980er-Jahre begann man zu erforschen, wie die Substanzen der Pflanze im Körper wirken. Dabei wurde entdeckt, dass der Körper über ein System verfügt, das Cannabinoide, also in Cannabis enthaltene Wirkstoffe, selbst produziert. Wie das dementsprechend benannte Endocannabinoidsystem, kurz ECS, genau funktioniert, wird immer noch erkundet, man weiß aber, dass das System wichtige körperliche Prozesse lenkt und reguliert.

Cannabis als Medizin

Docken Cannabis-Wirkstoffe an die Rezeptoren an, können Schmerzen, Muskelspastiken, epileptische Anfälle, Angststörungen und Hyperaktivität abgeschwächt werden. Die Entdeckung des ECS war die Basis dafür, dass Cannabis als Medizin zurückkehren konnte, und es ist ein weiteres Puzzleteil für die heutige Popularität von Cannabis.

"In der Pflanze ist ja die ganze Breite der Cannabinoide drin. Es gibt ja über 100 mittlerweile bekannte, davon sind höchstens zehn annähernd erforscht", weiß die Schmerztherapeutin Maja Falckenberg.

"Ich verschreibe kein Cannabis zum Rauchen, weil ich das nicht unterstützen möchte, dass jemand raucht. Ich verwende im Regelfall die Tropfenzubereitungen, aus dem Grund, dass wir damit eine sehr exakte Dosierung erreichen, die beim Rauchen ja sehr viel schwankender ist, natürlicherweise."

THC gehört zu den wichtigsten und gut erforschten Wirkstoffen in Cannabis, ihm wird der Hauptanteil der berauschenden Wirkung zugesprochen, es vermindert aber auch die Schmerzempfindlichkeit und sorgt für die Ausschüttung von Glückshormonen. Das andere wichtige und ebenfalls gut untersuchte Cannabinoid ist CBD, das kaum Rauschwirkung hat und zum Beispiel die Entzündungsreaktion bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen mindern kann. Aus diesen beiden Wirkstoffen besteht auch das Mundspray, das die Multiple-Sklerose-Patientin Bernadette Wolf auf Rezept erhalten hat.

Dosen mit aus medizinischen Gründen erlaubtem Cannabis-Präparat stehen auf einem Tisch.  (dpa/picture alliance/Swen Pförtner)Seit März 2017 kann Cannabis in Deutschland legal von Ärzten verschrieben werden. (dpa/picture alliance/Swen Pförtner)
"Auf jeden Fall wurde das dann irgendwann mit den Schmerzen immer mehr, da konnte ich nicht mehr richtig schlafen. Ich hab das blöderweise immer nachts gehabt. Da könnte ich nachts nicht schlafen, weil nachts mein Gesicht wehgetan hat. Meine Neurologin wollte ­mir das nicht verschreiben."

Es existieren zwar Belege, dass Cannabis bei MS zur Linderung der Schmerzen und zur Besserung des Allgemeinbefindens führen kann, doch es bleibt den Ärzten überlassen, ob sie sie eine Cannabis-Therapie für sinnvoll erachten.

"Dann hatte sie mir irgendwann einmal ein Morphium-Präparat verschrieben, was natürlich ziemlich wirkungsvoll ist, wovon man aber ruckzuck abhängig wird."

Opioide wie Morphium haben im Vergleich zu Cannabis ein wesentlich höheres Suchtpotenzial.

"Ich war parallel dann eben bei der Frau Doktor Falckenberg als Schmerztherapeutin und die meinte eben, dass ich das von ihr verschrieben bekäme. Aber vorher wollte ich das Morphium-Präparat absetzen, was sehr unangenehm war."

Bernadette Wolf ist 50 Jahre alt. Trotz ihrer schweren Krankheit, obwohl sie schnell ermüdet, Schwierigkeiten mit dem Sprechen hat und inzwischen einen Rollator braucht, hat sie sich eine positive Ausstrahlung bewahrt. Beipackzettel von Arzneimitteln sind ihr seit Jahren vertraut, die Packungsbeilage ihres Cannabis-Medikaments sei ungewöhnlich knapp und biete viel Raum zur Interpretation – findet Bernadette Wolf und zitiert:

"Die Anzahl der Sprühstöße, die sie jeden Tag benötigen, hängt von Ihnen persönlich ab. Das ist ein bisschen diffus."

Also hat sie mit dem Medikament experimentiert:

"Ich hatte den Eindruck, dass man da ein bisschen high wird von. Vielleicht steht deswegen in der Gebrauchsinformation, dass man immer 15 Minuten warten soll."

Doch am Ende zieht Bernadette Wolf ein positives Fazit ihrer Therapie:

"Da – toi, toi, toi - meine Schmerzen im Moment weg sind, nehme ich das auch nicht. Es hat geholfen."

Maja Falckenberg hat ihr das Medikament verschrieben, obwohl sie den Einsatz von Cannabis in der Schmerztherapie kritisch sieht.

"Ich bin in der Situation, dass der Patient eigentlich ein Anrecht darauf hat, obwohl die wissenschaftlichen Studien sagen, die Wahrscheinlichkeit, dass er davon profitiert, sind nicht groß."

Kaum medizinische Studien über Cannabis

Es gibt nicht wenige, die behaupten, die Studienlage sei deshalb nicht gut, weil die Pharma-Industrie kein Interesse habe, in substanzielle Studien zu investieren.

"Da ist mit Sicherheit etwas dran, weil: Sonst würde es viel mehr von der Pharmaindustrie finanzierte Studien geben. Aber da spielt natürlich auch eine Rolle, dass Cannabis in Blütenform kein standardisiertes Arzneimittel ist und die Medizin einfach immer noch sehr stark darauf ausgerichtet ist, es gibt den Wirkstoff XY, der in irgendeiner Dosierung dies und das bewirken soll, was man bei vielen Krankheiten oder chronischen Symptomatiken man gar nicht so genau sagen kann. Gerade Leute mit chronischen Krankheiten haben ihre speziellen Erfahrungen gemacht mit speziellen Dosierungen oder Cannabissorten, die um ein Vielfaches besser sind, als sie vorher mit allen möglichen standardisierten Medikamenten gemacht haben."

Bei den Fertig-Arzneien werden diverse in den Pflanzen enthaltene Cannabinoide außer Acht gelassen, die einen zu THC und CBD ergänzenden oder ausgleichenden Effekt haben können. Weil sie bei ihren Ärzten häufig keine Antwort auf Fragen zu dieser Thematik erhalten, wenden sich viele Patienten auf der Suche nach Rat an andere Stellen, zum Beispiel an den Deutschen Hanfverband. Dessen Geschäftsführer Georg Wurth plädiert, vielleicht nicht ganz überraschend, für den Einsatz der ganzen Blüte in der Medizin.

"Mittlerweile hat man verstanden, dass die unterschiedliche Mischung der Cannabinoide wesentliche medizinische Unterschiede machen, bis hin zu den Terpenen sogar, also den Geruchsstoffen, auch die haben Einfluss auf die medizinische Wirkung, und das ist auch einer Gründe, warum Cannabis so eine hohe Bandbreite hat und bei sehr verschiedenen Krankheiten einsetzbar ist - was gerade schwierig ist, weil Ärzte und Krankenkassen mehr Richtung Fertig-Arzneimittel gehen, die wollen weg von der Blüte, zum Beispiel nur Dronabinol verschreiben, also pures THC, aber da kriegen wir massenhaft Rückmeldungen von Patienten, die sagen, das hilft mir nicht so gut wie natürliche Blüten einer bestimmten Sorte."

Ein Schmerzmittel gegen diverse Gebrechen

In den USA wurde vor sieben Jahren mit Leafly.com eine Website gegründet, die Patienten dabei helfen will, aus den etwa 2000 existierenden Cannabis-Sorten die richtige für sie zu finden. Während die US-Seite auch Freizeit-Konsumenten anspricht, versteht sich der deutsche Ableger, Leafly.de, als reines Wissensportal über Cannabis als Medizin.

Patienten mit verschiedenen Krankheiten berichten hier über ihre vor allem positiven Erfahrungen mit Cannabis - appetitanregend, schmerzlindernd, entspannend, angstbefreiend sei es. Es helle die Stimmung auf, berichten Menschen mit Depressionen, ohne die Nebenwirkungen von Psychopharmaka. Auch bei Krebs, Asthma, ADHS, chronischen Schmerzen und Migräne könne Cannabis Symptome lindern.

Cannabis als Medikament in einer Apotheke in Berlin: Seit März 2017 ist medizinisches Cannabis auf Kassenrezept verfügbar (Imago)Der Wirkstoff kann als Blüte oder auch in Tropfenform verschrieben werden. (Imago)
Der Soziologe Bernd Werse führt gerade eine Studie durch, die sich mit einer ersten Analyse des medizinischen Einsatzes von Cannabis beschäftigt.

"Es gibt einerseits viel zu viele Ärzte, die extreme Vorbehalte haben, Leuten Cannabis zu verschreiben, selbst wenn die Indikation eigentlich ziemlich eindeutig ist. Wo Ärzte tatsächlich ziemlich viele Vorteile in sich tragen und sagen: Ja, man will sich das nur schön kiffen, und sagen, im Grunde wollen die Leute ja nur legales Cannabis haben, obwohl sie es gar nicht brauchen medizinisch."

Auch die Krankenkassen zeigten Vorbehalte, etwa 40 Prozent der Anträge werden abgelehnt.

Der medizinische Einsatz wird die Akzeptanz von Cannabis weiter steigern. Die Schmerztherapeutin Maja Falckenberg hat allerdings Bedenken, dass die Droge dadurch unterschätzt und verharmlost wird:

"Ob wir nicht da, wenn wir großzügig sind, ein falsches Signal nach draußen senden, besonders für junge Leute das Signal setzen, dann kann es auch nicht so schlimm sein, wenn es im medizinischen Bereich sogar eingesetzt wird, zum Teil sogar erfolgreich eingesetzt wird, dass die Bedenken von jungen Leuten, jetzt selber Cannabis zu sich zu nehmen, sehr viel geringer werden."

Risiken und Nebenwirkungen

Es gibt nicht wenige Ärzte, die diese Bedenken teilen, denn nicht selten erleben sie beispielsweise, dass intensive Cannabis-Nutzer dazu neigen, ihre vorhandenen Probleme größer zu machen, als sie nüchtern betrachtet sind. Und manche funktionieren gar nicht mehr ohne den beständigen Konsum. Etwa 30.000 Menschen sind wegen einer Cannabis-Abhängigkeit in ambulanter oder stationärer Therapie. Die Abhängigkeit manifestiert sich vor allem psychisch.

"Solche Fälle gibt es natürlich auch schon viele, da braucht man nur mal eine Drogenberatung oder auch Entzugsklinik zu fragen. Entzugskliniken, das ist auch so Thema, was es vor zehn, 20 Jahren noch gar nicht gegeben hat, dass man Leute einen stationären Entzug geschickt hätte wegen Cannabis."

Deshalb wäre eine vernünftige Präventionsarbeit wichtig, betont Bernd Werse, eine, die nicht ausschließlich auf Abschreckung setzt, wie manche Kampagnen der Polizei.

"Wo dann so getan wird, als würde man unvoreingenommen über das Thema Cannabis berichten, aber wenn man sich das mal genau ansieht, sieht man, dass ungefähr 99 Prozent dieser vermeintlichen Informationen, die da gegeben werden, einfach nur negative Botschaften sind. Das ist Prävention, die einfach beim Konsumenten nicht ankommt. Gerade Leute, die dann Cannabis schon ausprobiert haben, die andere Erfahrungen gemacht haben, dass Cannabis eben auch durchaus positiv sein kann, dass die negativen Wirkungen eher die Ausnahme sind, die hören dann einfach nicht mehr hin bei solchen Filmen oder Broschüren oder was auch immer."

Hinter der Forderung nach totaler Abstinenz stecke die Annahme, dass der Mensch mit psychoaktiven Drogen nicht umgehen könne, sagte die Drogenforscherin Gundula Barsch in einem Interview mit dem Hanfblatt. Das allgemein vorhandene Wissen zu psychoaktiven Substanzen sei sehr rudimentär, über kulturelle Wurzeln, Wirkungsweisen und die Möglichkeiten und Grenzen einer Umgangsweise wenig bekannt, so Barsch weiter. Und wer mehr über bestimmte Zusammenhänge wissen möchte, dem begegne immer noch Misstrauen und Kritik. In einer offen geführten Aufklärung könnten dagegen bestimmte Problematiken konkret angesprochen werden.

"Dass zum Beispiel ein Jugendlicher, der zum Beispiel regelmäßig merkt, beim Kiffen geht es mir eigentlich nicht so gut, aber meinen Freunden geht es doch eigentlich gut, also mache ich mal irgendwie weiter damit, dass das eigentlich keine gute Idee ist, dann trotzdem weiter zu kiffen, das ist vielen Jugendlichen nicht bewusst. Und das liegt auch daran, dass es bis dato immer noch keine gute gezielte Aufklärung über dieses Thema gibt."

"Ich bin mir sicher, dass Cannabis legalisiert wird"

Außerhalb des eigenen Kreises spricht in Deutschland kaum jemand über den eigenen Konsum, weiß Georg Wurth vom Hanfverband.

"Ich muss mit massiven staatlichen Repressionen rechnen, wenn ich mich als Cannabis-Konsument oute, und auch am Arbeitsplatz muss ich mit Repressionen rechnen. Ich muss mit Führerscheinverlust rechnen. Wenn der Konsum bekannt wird, muss ich damit rechnen, dass das möglicherweise mein Leben versaut. Wir haben zum Beispiel Sorgerechtsfälle, wo nach der Trennung der Konsum eines Partners zum Thema wird, weil es sich so schön eignet, ist ja illegal, man kann ja ein Kind nicht zu einem Elternteil schicken, das illegale Drogen konsumiert, während Alkohol da viel weniger ein Problem ist."

Baden-Württemberg, Stuttgart: Demonstranten laufen mit einem Banner zum Global Marijuana March durch die Innenstadt. Der Global Marijuana March 2018 findet am 05. Mai statt. (dpa / Franziska Kaufmann)Wird Cannabis bald in Deutschland legalisiert? - Die gesellschaftliche Stimmung spricht jedenfalls dafür. (dpa / Franziska Kaufmann)
Solange Cannabis illegal ist, müssen Nutzer weiter mit Diskriminierung rechnen. Doch mittlerweile nehmen einige Staaten viel Geld mit Cannabis ein - die Niederlande und Kanada durch den Export von medizinischem Cannabis, Kalifornien durch den dort mittlerweile legalen Freizeitgebrauch. Ab dem kommenden Jahr soll in Deutschland schon mal medizinisches Cannabis produziert werden. Das werde nicht das Ende sein, glaubt Georg Wurth vom Hanfverband.

"Ich bin mir sicher, dass Cannabis in Deutschland legalisiert wird. Die Frage ist nur, wie lange dauert das."

Und dann, immer mehr Menschen voll drauf? Eher nicht, das zeigen die Erfahrungen, die in den Ländern gesammelt wurden, in denen ein liberalerer Umgang mit der Droge herrscht. Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband glaubt auch nicht, dass der Konsum stark ansteigen würde.

"Dafür kenne ich zu viele Leute, die probiert haben, denen das Verbot vollkommen egal war, die einfach deswegen nicht weiter konsumiert haben, weil sie nichts damit anfangen können. Die auf der Party am Ende keinen Spaß mehr hatten, sondern nur noch auf dem Sofa lagen und die Party war vorbei."

"Alle philosophischen Probleme werden durchsichtig" 

Und für die Millionen Nutzer, die mit der Wirkung von Cannabis durchaus etwas anfangen können, für die hat Baudelaire ein paar kritische Worte parat. Am Ende seines Essays kommt er nämlich zu einer ziemlich negativen Bewertung des Cannabis-Rausches.
 
Jeder Widerspruch verschwindet, alle philosophischen Probleme werden durchsichtig oder erscheinen wenigstens so. Alles dient nur der Freude. Die Fülle seines augenblicklichen Lebens flößt ihm maßlosen Hochmut ein.

Der dauerhafte Konsument sei mit sich und seinen vom Haschisch vergoldeten Gedanken zufrieden, es käme zu einer "siegreichen Monomanie". Und für die Wirklichkeit am nächsten Tag - da bleibe nicht viel übrig:

Wir kennen im übrigen die menschliche Natur zur Genüge um zu wissen, dass ein Mensch, der sich durch einen Löffel Konfekt alsbald alle Wohltaten des Himmels und der Erde verschaffen kann, durch die Arbeit nicht den tausendsten Teil erreichen würde.
 
  

Zeitfragen

Filterblasen, Echokammern & Co.Filtern als Kulturtechnik
Vier junge Menschen mit Sonnenbrillen sitzen in einer Reihe. (imago / blickwinkel)

Seit über Filterblasen diskutiert wird, ist die Kulturtechnik des Filterns in Verruf geraten. Dabei ist Filtern - vom Ohrstöpsel bis zum Schornstein - meist eine nützliche Sache, ohne die wir nicht überleben würden. Und unser Gehirn braucht das Filtern auch.Mehr

EndometrioseWenn die Regelschmerzen unerträglich werden
Demonstration für die bessere Erkennung von Endometriose im März 2016 in Paris. (imago / starface)

Viele Frauen leiden unter extrem starken Regelschmerzen, bei denen auch Schmerzmittel kaum helfen. Dahinter kann Endometriose stecken: eine Gewebeerkrankung, von der schätzungsweise jede fünfte Frau betroffen ist, die aber häufig nicht erkannt wird. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur