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Länderreport | Beitrag vom 03.02.2021

Butterformen stechenDie letzten Handwerker ihrer Art

Von Iris Milde

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Das Foto zeigt das Ehepaar Kerstin und Michael Fischer in ihrer Werkstatt. (Deutschlandradio / Iris Milde)
Wenn sie in Rente gehen, stirbt ihr Handwerk: Kerstin und Michael Fischer in ihrer Butterformenstecherei. (Deutschlandradio / Iris Milde)

Das Erzgebirge ist für sein Handwerk berühmt: Nussknacker und Adventspyramiden kennt fast jeder. In der Region ist auch Deutschlands letzter Betrieb für Holzbutterformen beheimatet. Doch der muss bald schließen, mangels Nachwuchs und Nachfrage.

Das Erzgebirge ist tief verschneit. Die Gartenzäune entlang der engen Dorfstraße von Börnichen haben spitze Mützen aus Schnee. Die "Formstecherei Julius Martin" befindet sich in einem gewöhnlichen Wohnhaus. "Handgefertigte Butterformen" steht auf einem Schild neben dem Eingang. Julius Martin sei ihr Uropa gewesen, erzählt Kerstin Fischer, die heute den Betrieb gemeinsam mit ihrem Mann führt. 

"Das hat 1896 angefangen mit meinem Uropa. Und dann, nach dem Krieg, 1948, hat mein Opa angefangen. Und der hat das bis 1971 gemacht. Der ist dann ganz plötzlich an Herzinfarkt gestorben und da hat meine Mutter dann weiter gemacht."

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2005 habe ihr Mann das Geschäft übernommen. Sie sei nur angestellt, sagt sie bescheiden. Kerstin Fischer öffnet die Tür zur "kleinen Arbeitsstub", wie sie ihre Werkstatt nennt. 

"Die Arbeitsstub, da wird die Handarbeit gemacht, gestochen und eingepackt und so." Von nebenan dringen Sägegeräusche herüber. In der großen Werkstatt sägt ihr Mann die viereckigen Butterformen vor und fräst die groben Konturen der Tiere hinein. "So sehen die aus, wenn die draußen reinkommen aus der großen Arbeitsstub."

Täubchen und Schwäne für die Butter

Hahn oder Huhn, das ist noch nicht zu erkennen. Die feinen Details der einzelnen Tiere arbeitet Kerstin Fischer mit der Hand heraus.  "Das sind Schafe, die gibt es in dreierlei Größen", erläutert sie. "Und Hahn und Huhn, das ist der Hahn, und Kuh, Kuh Elsa, groß und klein. Tauben und Doppeltauben für Hochzeiten, wo zwei Täubchen sich so anschauen. Und einen Schwan."

Sie nimmt einen Rohling aus dem Regal und spannt ihn auf der Werkbank ein. Mit Stechbeitel und Keule, einem zylinderförmigen Holzhammer, setzt die Formstecherin routiniert eine Furche neben die andere. Nach wenigen Schlägen hat das Huhn einen kleinen Kamm und einen Schnabel: "Und jetzt kriegt es Schwanz und Federn."

Der Beruf des Formstechers, Formschnitzers oder auch Holzmodelstechers war einst weit verbreitet. Die einen stellten Druckmodelle für den Stoffdruck her, andere Holzschnitte für Buchillustrationen, wieder andere schufen Formen für Lebkuchenbäcker und Bauern. 
 
"Früher war das so, dass die jeder selber ihre Butter gemacht haben und dass die ihre eigenen Formen gehabt haben und dass die Leute erkannt haben: Ah, die Butter ist von dem und dem."

Schon als kleines Mädchen hat Kerstin Fischer viel Zeit in der Werkstatt verbracht. Sie erzählt: "Immer aufgepasst, wie die gearbeitet haben. Und meine Kinder auch, die sind auch in der Arbeitsstub groß geworden."

Vor der Wende war für hübsche Förmchen keine Zeit

Weder Kerstin Fischer noch ihr Mann sind ausgebildete Formstecher. Er ist gelernter Kfz-Schlosser, sie Köchin. "Wir hatten einen Arbeiter gehabt, der hat 1957 bei uns angefangen mit Arbeiten, 50 Jahre lang hat der bei uns gearbeitet, und der hat mir das beigebracht", sagt sie.

Kerstin Fischer denkt zurück. Vor der Wende habe sie für die schönen Butterförmchen kaum Zeit gehabt: "Zu DDR-Zeiten, da haben wir ja unsere Aufträge über die Genossenschaft bekommen, da haben wir einen Haufen Melkschemel gemacht, für die LPG. Und dann ..." - ihr Mann Michael Fischer vollendet  den Satz: "... haben wir uns etwas einfallen lassen und haben dann aus den Melkschemeln Sitzhocker gemacht", fügt Ehemann Michael Fischer hinzu. Außerdem produzierte die Firma nach 1990 vermehrt Butterformen und Stollenbretter. Typisch erzgebirgische Volkskunst eben. 

"Früher war hier in Börnichen in jedem Haus ein Handwerksbetrieb, die haben irgendwas gemacht. Manche haben Rührlöffel gemacht, manche Pyramiden. Da war einer, der hat Nussknacker gemacht. Wir sind die Letzten", erzählt die Formstecherin wehmütig. Inzwischen ist das Hühnchen fertig ausgestochen. 

Das Foto zeigt eine Werkbank mit Holzwerkzeug. Im Bildvordergrund eine Holzform für Butter. (Deutschlandradio / Iris Milde)Die Butterformen der Fischers entstehen in Handarbeit. (Deutschlandradio / Iris Milde)

"Muss noch geschliffen werden außen herum, und hier müssen noch Dübel rein, dass man die zusammenmachen kann." Nur etwa fünf Minuten braucht die Formstecherin für eine Hälfte, zwei werden dann zusammengepresst, um ein Butterstück darin zu einem Huhn zu formen. "Da kann man dann noch ein paar Pfefferkörner nehmen und kann Augen draus machen und bissl Petersilie in den Schnabel."

Kein Nachfolger unter den Kindern

Kerstin Fischer ist 63 Jahre, ihr Mann 69: "Mit fast 70 kann man ja dann langsam aufhören." 

Nun wollen sie endlich in Rente gehen - die letzten Butterformenstecher. "Die Handgestochenen – da sind wir die Einzigen, die das machen."

Ihre vier Kinder sind inzwischen erwachsen und in anderen Handwerksberufen tätig. Keiner der Jungs wollte die Werkstatt übernehmen, und sie als Eltern hätten auch nicht darauf gedrängt, sagt Kerstin Fischer.

"Das wollen wir unseren Kindern nicht antun. Das ist ein hartes Brot. Man muss ja auch dann das Zeug verkaufen, und die Leute wollen nicht groß was bezahlen - und wer stellt denn heute noch Butterformen auf den Tisch? Die Arbeit macht sich ja gar niemand mehr."

Fast die gesamte Produktion verkaufen sie über Großhändler. Ihr Onlineshop werfe kaum etwas ab. Der Preisdruck sei enorm, die Konkurrenz groß. Denn Butterformen und Stollenbretter werden heute in der Regel maschinell hergestellt und kommen aus Fernost oder dem Nachbarland Tschechien, sagt das Ehepaar Fischer: "Das sind die maschinengefrästen und die sehen nicht so schön aus wie unsere."

"Dieses Jahr machen wir noch was"

Corona habe dagegen kaum Auswirkungen auf ihren Umsatz gehabt: "Wir machen schon immer Homeoffice." Nur ein paar Händler, die auf Märkten verkaufen, hätten im vergangenen Jahr keine Ware abgeholt.

Kerstin Fischer wechselt die Werkbank. Dort liegt ein Stollenbrett. Ein Brett mit gestochenem Motiv, auf dem zu Weihnachten der Stollen serviert wird. Behände sticht sie eine Nadel nach der anderen an den Tannenzweig.

Ein Bäcker habe im neuen Jahr noch einen Schwung bestellt, denn auch Stollenbretter stelle von Hand sonst niemand mehr her außer ihnen, sagt Kerstin Fischer: "Dieses Jahr, wenn jemand was will, machen wir noch was und dann ..."
 
Und dann wird die Werkstatttür zugeschlossen. Wie es aussieht, für immer.

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