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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.09.2016

Busoni-Ausstellung in BerlinVom Wunderkind zum Popstar

Von Christiane Habermalz

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Der italienische Komponist, Klavierspieler und Dirigent Feruccio Busoni.  (picture alliance / dpa)
Der Komponist, Klavierspieler und Dirigent Feruccio Busoni (1866 - 1924) (picture alliance / dpa)

Der Mann, der die Musik befreien wollte: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz widmet Ferruccio Busoni eine Ausstellung zum 150. Geburtstag. Notenblätter, Briefe, Fotos und Gemälde zeigen viele Facetten der Persönlichkeit des Komponisten.

1909 schickte Arnold Schönberg sein Opus 11 an den Pianisten Ferruccio Busoni mit der Bitte, er möge es doch uraufführen. Busoni sandte ihm die Blätter zurück - bearbeitet, mit zahlreichen Änderungen, wie es besser klingen würde. Für Schönberg ein unglaublicher Affront. Doch aus der Episode entwickelte sich eine intensive Korrespondenz über Harmonie und Ausdruck von Musik. Auszüge daraus sind jetzt in der Kunstbibliothek Berlin zu sehen - in der Ausstellung "Freiheit für die Tonkunst!" zum 150. Geburtstag von Ferruccio Busoni.

Fast den kompletten Nachlass im Besitz

Eine Schau, die sicher keine Besuchermassen anziehen wird – aber dennoch ein kleines Schatzkästlein darstellt, in dem der Kosmos Busoni in all seinen Facetten zum Leben erweckt wird. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz besitzt fast den kompletten Nachlass Busonis, darunter fast 9000 Briefe, 600 Fotografien, zahlreiche Skizzen, Notenblättern, Libretti und Gemälde. Stiftungspräsident Hermann Parzinger:

"Was ihn ausmacht, ist die Tatsache, dass er, auch wenn er Pianist war, auch wenn er für die Musik eine ganz zentrale Rolle gespielt hat, auch für die künstlerische Moderne insgesamt ein Epizentrum eines bedeutenden Netzwerkes war. Er hatte einen reichen Briefwechsel nicht nur mit Arnold Schönberg und anderen Musikern, aber natürlich auch mit Rilke, mit Arnold Zweig, mit Bernard Shaw, mit Bruno Cassirer und vielen anderen. Das zeigt glaube ich schon diesen hochspannenden Austausch dieser Zeit damals."

Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (dpa / picture alliance / Soeren Stache)Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

Die Ausstellung zeigt keine Biografie, sondern die verschiedenen Facetten von Busonis Künstlerpersönlichkeit: Busoni, das Wunderkind, Busoni, der Bearbeiter von Bach, Mendelssohn, Mozart, Busoni als Opernkomponist, als Ästhetiker, als Kunstsammler. Und sie entwirft anhand von Briefen, Gemälden, selbstverfassten Skizzen und Zeichnungen ein Gesamtbild davon, wie Busoni die Welt seiner Zeit sah – und wie die Welt ihn.

Den Konservativen zu modern, den Modernen zu konservativ

Die Zeit damals, das war der Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu Busonis Tod 1924 – als die Moderne in allen Bereichen Althergebrachtes infrage stellte. Dennoch war Busoni nie Teil einer Strömung. Den Konservativen war er zu modern, den Modernen zu konservativ. Vielleicht hat er deswegen als Komponist nie den Widerhall gefunden, den er verdient hätte. Ferruccio Busoni wollte die Musik befreien. Von den Fesseln der musikalischen Gesetze und der Harmonielehre, von Notations- und Tonsystemen. Selbst die Töne des Klaviers reichten ihm nicht aus. Er entwarf ein Instrument, das nicht aus Halb- sondern aus Dritteltönen bestand, mit drei Tastenreihen übereinander. Ein Prototyp wurde zwar gebaut – doch das Instrument erwies sich als technisch unspielbar. Zu sehen ist es heute in der Schau leider nur noch als Foto. 1907 verfasste er eine Broschüre mit dem Titel "Neue Ästhetik der Tonkunst", mit der er die Vision einer von Konventionen befreiten Musik der Zukunft entwarf.

Doch anders als Schönberg ist Busoni heute nahezu vergessen. Vielleicht, weil ihm die Radikalität Schönbergs fehlte, meint Michael Lailach, einer von vier Kuratoren der Ausstellung:

"Schönberg ist der Avantgardist, den wir auch in der Kunst kennen, das ist der radikale Bruch mit allem Gewesenen, und den hat Busoni nie vollzogen. Er war immer der Bach-Bearbeiter, der Bach-Interpret, der List-Interpret, der Mozart-Bearbeiter. Und Busoni war nicht bereit zu sagen, alles was war, ist falsch, alles wird neu, sondern er hat immer gesagt, alles war schon da. Und alles führt weiter."

Als Pianist und als Lehrer verehrt

So wenig Anerkennung er als Komponist fand, so hochverehrt war er als Pianist und als Lehrer. Er gehörte zu den großen Virtuosen seiner Zeit, als gefeiertes Wunderkind, "ein Mozartle", wurde er herumgereicht, eindrücklich ist ein Brief des großen Franz Liszt an die Mutter, in dem er darum bittet, der Elfjährige möge ihm doch einmal vorspielen. Später füllte Busoni wie ein Popstar Konzertsäle auf der ganzen Welt.

Michael Lailach: "Busoni war nicht nur ein Virtuose, der jahrzehntelang herumgereist ist und tatsächlich Tausende von Leuten wie bei einem Popkonzert in den Bann schlug du zum Toben brachte, ob wohl er diesem Publikum keine Konzessionen machte. Er galt immer zwar als schöner Mann, aber auch als völlig unterkühlter Mann. Sodass es erstaunlich ist, wie legendär sein Ruhm war."

In der Ausstellung hängt eine Röntgenaufnahme seiner Hände, gemacht von Musikforschern seiner Zeit. Man versuchte herauszufinden, wie es möglich ist, so zu spielen. Er selber war die Konzertreisen und das Virtuosenleben bald leid. Ihn interessiert anderes mehr. Edgar Alan Poe zum Beispiel, oder die Kunst der Futuristen. Er komponierte Opern, für die er auch die Libretti schrieb – und die Skizzen für die Titelblätter entwarf. Sie wurden uraufgeführt, doch sehr erfolgreich waren sie nicht.

Ein Ende in Armut

1924 starb Busoni, nur 58-jährig, verarmt in Berlin. Bilder aus der Zeit zeigen ihn als einen vorzeitig gealterten, verbrauchten Mann.

Michael Lailach: "Vielleicht war es auch einfach er hatte ein ungeheuer intensives Leben. Vor allem in Briefen an seine Frau tritt da ein ganz sympathischer und erstaunlicher Mensch zutage. Auch sehr humorvoll, einfach sehr witzig, das sieht man so ein bisschen an seinen Karikaturen. Und er schrieb ja täglich Dutzende von Briefen, also fast täglich an seine Frau.

Heute stehen Busonis Kompositionen nur noch selten auf den Spielplänen. Zu Unrecht. Umso wichtiger, dass jetzt mit dieser kleinen feinen Ausstellung wieder die Chance besteht, den Mann, der die Musik befreien wollte, neu zu entdecken.

Die Ausstellung "Busoni - Freiheit für die Tonkunst!" ist vom 4.9.2016 bis 8.1.2017 in der Kunstbibliothek in Berlin zu sehen.

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