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Länderreport | Beitrag vom 26.11.2020

Buslinie 100Mit dem großen Gelben durch Berlin

Von Anja Nehls

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Auf dem Foto ist ein gelber Doppeldecker-Bus der Linie 100 zu sehen. Er verbindet den Westen mit dem Osten Berlins. Im Hintergrund ist die Siegessäule zu sehen. ( picture alliance / Zentralbild / Jochen Eckel)
In Berlin gilt er als Sightseeing-Linie: der Bus mit der Nummer 100. ( picture alliance / Zentralbild / Jochen Eckel)

Der Bus 100 war vor 30 Jahren das erste Verkehrsmittel, das Ost- und Westberlin direkt miteinander verband. Millionen von Touristen haben ihn seitdem für Sightseeingtouren durch die Innenstadt genutzt. Besonders begehrt: der freie Blick vom Oberdeck.

Der große gelbe Doppeldecker der BVG kommt von der Wendestelle an der Hertzallee hinter dem Zoo und hält direkt vor dem Bahnhof im Berliner Westen. Die Liniennummer 100 ist im Display über dem Fahrerhaus zu sehen und die Endhaltestelle "Alexanderplatz" im Berliner Osten.

Ein älterer Herr hat hier genau auf diesen Bus gewartet: "Weil der viele Sehenswürdigkeiten abfährt. Es gibt zwei Linien hier, den 100er und den 200er, die setzen beide hier vorne ein und fahren dann verschiedene Routen, aber bis zum Alexanderplatz hier durch, und da kann man sich dann einiges an Sehenswürdigkeiten angucken."

Und deshalb ist die Linie 100 die bekannteste und bei Touristen beliebteste Buslinie Berlins. Kurz nach der Wende, vor genau 30 Jahren, beschloss man bei der BVG, dass es dringend wieder eine Busverbindung zwischen Ost und West geben müsste.

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Dabei ging es auch darum, ein Zeichen zu setzen, erinnert sich BVG-Bus-Chef Torsten Mareck: "Das war das erste Mal in Berlin, eine Linie zu kreieren, die nicht nur den Anspruch hatte der Daseinsvorsorge, also dem klassischen Geschehen des ÖPNV vorgehalten zu werden. Sondern eben auch für Touristen, Berlin-Besucher oder auch für die Berliner, die mal ihre Stadt vielleicht erkunden wollen."

Berlin verändert sich jeden Tag

So wie der ältere Herr, der jetzt in einem der grau-blau-rot gemusterten Sitze Platz genommen hat.

"Ich bin Rentner, ich habe keinen Bock, den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen", erzählt er. "Also, laufe ich rum, laufe hier rum, manchmal bis zu fünf Stunden laufe ich durch die Stadt. Um mir was anzuschauen. Weil sich Berlin ja praktisch jeden Tag verändert. Und wenn man das nicht weiß – man läuft ja an vielen geschichtlichen Orten einfach vorbei, wo oft auch eine Gedenktafel hängt –, da kann man sich dann unterrichten, was da mal war."

Auf den Stufen vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erinnert ein goldener Riss im Boden an die Opfer des Terroranschlags auf den Weihnachtsmarkt vor vier Jahren. Die Turmruine der Kirche kann man vom Oberdeck des Busses auch noch sehen, als der Bus Richtung Kurfürstenstraße unterwegs ist.

Heute ist es ziemlich leer im Oberdeck. Wegen Corona gibt es kaum Touristen in Berlin. Drei Kinder einer Berliner Familie sitzen in der ersten Reihe des Busses, sie mussten um die beliebtesten Plätze noch nicht mal kämpfen.

Der Bus schaukelt gemütlich durch die Stadt

Normalerweise ist es in diesem Bus immer voll, versichert Torsten Mareck von der BVG: "Sodass der Insider nicht am Bahnhof Zoo eingestiegen ist, sondern an der ersten Haltestelle unter der Brücke Hertzallee – dass man auch ja einen Platz im Oberdeck bekam. Ich glaube, das ist auch eine der wenigen Linien, wo nach wie vor ein Rennen auf der Treppe um die Plätze in der ersten Reihe stattfindet, und wo man nicht das Problem hatte, den Fahrgästen im Doppeldecker zu sagen: 'Gehen Sie doch mal nach oben!'"

Der Bus schaukelt über den Lützowplatz, vorbei an den nordischen Botschaften in Richtung Tiergarten und umkreist den Großen Stern mit der Siegessäule in der Mitte.

Der Sitz des Bundespräsidenten wirkt heute ziemlich verlassen. Aber neben dem Schloss, an der Haltestelle vor dem schwarzen Neubau des Bundespräsidialamtes, stehen drei Frauen. Berlinerinnen oder Touristinnen?

"Sowohl als auch. Berlinbesucher und schon mal in Berlin gewohnt, und ich lebe in Berlin. Und ich mag das tatsächlich gerne, den 100er zu nehmen, weil man alles sieht, es ist praktisch. Ich mache immer die gleiche Tour. Ich wohne in Mitte und dann diese Schifffahrt und dann am Werderschen Markt zum Lustgarten hin und da dann in den Bus. Ist meine Empfehlung. Dann hat man ganz viel gesehen."

Zum Beispiel die ehemalige Kongresshalle, die jetzt Haus der Kulturen der Welt heißt und von den älteren Berlinern immer noch "schwangere Auster" genannt wird. Die beiden Damen finden das albern.

U- oder S-Bahn nehmen? Ist nicht das Gleiche!

Ab und an ein Blick aus dem Fenster, aber für ein Foto ist das Wetter zu schlecht - und so neu ist die Szenerie für beiden schließlich auch nicht mehr: "Nee, ich kenne Berlin ja schon, ich habe ja zehn Jahre hier gewohnt, deswegen ist es einfach nur nett. Es ist ja egal, ob ich jetzt mit U-Bahn oder S-Bahn fahre, oder mit dem Bus."

Bei Berlinern und Touristen beliebt - die Buslinie 100, die von Prenzlauer Berg bis zum Bahnhof Zoo fährt und dabei die Stadtmitte über Alexanderplatz, die Straße Unter den Linden, das Brandenburger Tor, den Reichstag und den Tiergarten passiert. Foto: Hubert Link +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa-Zentralbild / Hubert Link)Nächster Halt: Brandenburger Tor. Hindurchfahren dürfen die Busfahrer nicht mehr. So sahen die "Gelben" 1996 aus. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Hubert Link)

In der Tat: Man könnte die Strecke mit der U-Bahn zum Teil auch unterirdisch zurücklegen, mit der S-Bahn auch deutlich schneller, aber das wäre nicht das Gleiche, meint Olaf Munzert von der BVG. Er hat diesen Bus bereits vor 30 Jahren gefahren und tut es manchmal heute noch. An den Moment, als er als junger Ostberliner Busfahrer das erste Mal mit einem Doppeldecker vom Alexanderplatz kam und vor dem Brandenburger Tor nicht wenden musste, kann er sich deutlich erinnern.

"Das war Kribbeln im Bauch. Das erste Mal, als ich durchgefahren bin, war ich unglaublich überrascht, wie tief das Tor ist. Man sieht es nur von der Ostseite von der Draufsicht und hat gar keine Ahnung, was für ein mächtiges Bauwerk das ist. Das können Sie sich gar nicht vorstellen, das ist ein Gefühl gewesen wie … Wow … hätte ich mir nicht vorstellen können, dass das passiert."

Heutzutage fährt der Bus nicht mehr durch das Brandenburger Tor, sondern schlängelt sich drum herum.

Der Bus hält kurz hinter dem Souvenirshop und dicht bei den Tickethäuschen für den Eintritt zur gläsernen Reichstagskuppel. Dann schlängelt sich der große Gelbe zwischen hohen Bundestagsbauten durch die Scheidemann- und Wilhelmstraße, um in gebührendem Abstand zum Tor am Pariser Platz wieder zu halten.

Die 100 darf nicht mehr durchs Brandenburger Tor

Seit 2002 die Sanierung des denkmalgeschützten Brandenburger Tores abgeschlossen war, durften nur noch Radfahrer und Fußgänger durchs Tor, keine Autos mehr und keine Busse. Vor allem das bedauert Olaf Munzert:

"Uns hätte man alles zutrauen können: Dass wir mit äußerster Vorsicht in Schrittgeschwindigkeit am Adlon vorbei, über den Pariser Platz, in Schrittgeschwindigkeit durch das Tor fahren. Ich würde es schön finden. Und der Blick, durchs Tor zu fahren, dann den Reichstag auf der Steuerbordseite zu sehen. Oder wenn man jetzt aus dem Westen Richtung Osten fährt, durch das Tor durchzufahren und dann Unter den Linden zu sehen, das ist eine Sache, die müssen Sie aus dem Oberdeck mal sehen. Können Sie nicht ersetzen. Das ist ein echter Knaller."

Auch so ist die Linie der Knaller. Unter zehn Euro kostet ein Tagesticket, für die Touristen die mit Abstand günstigste Stadtrundfahrt. Erklärungen kommen allerdings nicht über Lautsprecher, sondern vom privaten Handy. Und wenn die App auch nicht weiter weiß, ist man als Einheimischer immer hilfsbereit, schmunzelt der Rentner.

"Man merkt ja manchmal am äußeren Erscheinungsbild, dass doch ein paar Auswärtige dabei sind. Ich habe hier schon Bayern im Janker rumfahren sehen. Oder eben auch wo man an der Sprache hört, dass sie aus dem Ausland kommen. Dann wird schon mal gefragt, ob man sagen kann, wie man da und da hinkommt."

Busfahrer mit Google-Translator

Es gebe aber auch hilfsbereite Busfahrer, versichert Buschef Torsten Mareck. Auch wenn Fremdsprachenkenntnisse keine Grundvoraussetzung seien, um bei der BVG den 100er fahren zu dürfen.

"So ein paar Grundbegriffe hat, glaube ich, auch der, der noch nicht Englisch gelernt hat, mittlerweile drin. Es gibt auch Anekdoten, dass eben Leute, die das gerne fahren, Google-Sprachassistenten drauf haben, und dann sagen die: 'Quatsch mal da rein.' Und dann übersetzt der, was der will. Die, die das gerne machen, finden eine Lücke, selbst wenn sie kein Englisch oder Französisch als Sprache beherrschen."

04.01.2019, Berlin: BVG-Buschef Torsten Mareck im Rahmen einer Testfahrt in einem elektrischen Bus. Im Frühjahr 2019 sollen die ersten Serien-E-Busse in Berlin eintreffen. Foto: Jörg Carstensen/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Buschef Torsten Mareck hat viele Geschichten über die Linie 100 zu erzählen. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Auch Busfahrer Olaf Munzert hat seine Erfahrungen mit Touristen: "Einmal bin ich durchs Tor durch und auf der anderen Seite, also auf der Westseite, wo der Tiergarten ist, da stand eine riesengroße Gruppe Touristen aus Asien und die haben alle zur selben Zeit auf den Auslöser ihrer Kameras gedrückt. Ich war völlig geflasht, geblitzt quasi. Ich habe erstmal den Bus angehalten und wow, ich kann jetzt erstmal gar nichts sehen."

Lieblingslinie der Bus-Enthusiasten

Die Aufbruchstimmung der Wendezeit ist vorbei. Ein Bus, der von Ost nach West oder West nach Ost fährt, ist zum Glück wieder Normalität. Der 100er bleibt für die BVG dennoch etwas ganz Besonderes, meint Torsten Mareck. Und deshalb werden die beiden neuesten Busse ab jetzt auch hier eingesetzt.

"Am Ende des Tages wird das natürlich immer unsere Paradelinie sein und dass deshalb vielleicht Bus-Enthusiasten und Touristen, die ja doch noch da sind ,zusammenkommen und sagen 'Mensch, nagelneue Busse', da stellt man sich dann eben hin und wartet, irgendwann wird er vorbeikommen."

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