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Zeitfragen | Beitrag vom 23.07.2019

Business im öffentlichen RaumE-Scooter und Leihräder boomen

Von Tobias Krone

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Nicht überall werden die elektronischen Tretroller so ordentlich abgestellt wie hier vor dem Brandenburger Tor.  (picture alliance / Wolfgang Kumm / dpa)
Parkende E-Tretroller in Berlin: Die Sharing-Firmen brauchen keine Genehmigung, weil ihr Angebot keine Sondernutzung darstellt. (picture alliance / Wolfgang Kumm / dpa)

Elektroroller, Fahrräder, E-Mopeds: Nicht alle Menschen befürworten, dass Sharing-Anbieter im öffentlichen Raum ein gutes Geschäft machen wollen. Die Städte haben allerdings kaum eine Möglichkeit, diese Angebote einzuschränken.

Dass E-Scooter-Fahren Spaß macht? Keine Frage, findet Monika aus München. "Das Fahrgefühl ist total geil", sagt die Mitfünfzigerin. Sie pendelt regelmäßig mit einem elektrischen Roller von zu Hause zur S-Bahn. Der Umwelt zu liebe wolle sie kein Auto mehr fahren, sagt sie.

Ein junger Mann im Sommeranzug sieht das ganz ähnlich. Er ist auf dem Radweg an der Isar unterwegs auf dem Weg zum Mittagessen. "Ich lasse mein Auto stehen, weil hier an der Isar entlang bin ich viel schneller", erzählt er. Das sei einfacher als sich mit dem Auto durch die Stadt zu quälen und bequemer als mit dem Fahrrad: Das müsste ich erst aus dem Keller rauskramen.

Hart umkämpfter Markt der E-Scooter

Etliche Sharing-Anbieter drängen derzeit auf den Markt in deutschen Großstädten. Sie sehen sich als Teil einer umweltfreundlichen Verkehrswende, so wie Bodo Braunmühl, Sprecher des Sharing-Anbieters Tier. Die Idee dazu kommt aus den USA und die Gründer des Start-ups waren so begeistert, dass sie das Konzept nach Europa brachten. "Hier machen Scooter noch viel mehr Sinn als in den USA", so Braunmühl. Die Städte hätten eine noch größere Dichte, die Überfüllung durch Autos hält er für ein noch größeres Problem.

Manche Münchner dagegen befürchten, dass künftig die Leihroller den öffentlichen Raum überfüllen. Etwa der Abiturient Samuel Grobbel. Er erinnert sich noch, wie im vergangenen Sommer vor allem ein Start-up aus Singapur namens OBike den Münchnern die Sharing-Kultur verleidete: Plötzlich tauchten in der ganzen Stadt Leihräder auf, "von nicht so guter Qualität, muss man sagen". Viele gingen schnell kaputt und landeten in der Isar. "Da hat sich der Zorn der Münchnerinnen und Münchner entladen", stellt Andreas Mickisch von der Stadtverwaltung fest.

Er hat sich viel mit den vielen gelben Leihrädern auseinandersetzen müssen, als das Unternehmen vor einem Jahr Bankrott ging. OBike hinterließ 7000 Fahrräder. Erst nach monatelangem Streit wurden die Räder eingesammelt. Bei den E-Scootern soll das besser laufen: "Wir versuchen, dass wir das geregelt auf die Straße bekommen", so Mickisch. Es gehe darum, die Stadt nicht zu überschwemmen, um die Akzeptanz der Bevölkerung zu erhalten.

Städte mit Leihrädern überschwemmt

Die war beim asiatischen Start-up gering: Auch weil OBike quasi über Nacht das Stadtgebiet mit Leihrädern vollgestellt hat. Das Gesetz lässt das zu. Denn rein rechtlich gebe es keine Grenze, sagt Mickisch. "Jeder kann im Rahmen seiner Teilhabe am Verkehr diese Roller benutzen, genauso wie beim Radlfahren auch. Und es ist eben keine Sondernutzung, die man etwa mit einer Genehmigung reglementieren könnte."

Die Stadt München setzt bei den E-Rollern deshalb auf eine Selbstverpflichtung der Anbieter. Bis jetzt hätten sie alle unterschrieben. Um die Touristenhotspots in den Gassen der Münchner Innenstadt vor einer E-Scooter-Schwemme zu schützen, gelte eine Obergrenze: Pro Anbieter innerhalb Altstadtrings nicht mehr als 100, innerhalb des Mittleren Rings nicht mehr als 1000 Roller. Es gehe darum zu vermeiden, "dass das Stadtgebiet von heute auf morgen überschwemmt wird von Rollern".

Städte können Zahl der Leihroller nicht begrenzen

Rechtlich verbindlich ist das für die Anbieter aber nicht. Und auch wenn Bodo Braunmühl vom Sharing-Dienst Tier die Begrenzung für den Moment akzeptiert – auf Dauer sei sie hinderlich. Irgendwann komme man in einen Bereich, wo die umweltfreundliche Mobilität begrenzt werde. "Wir wollen natürlich das Gegenteil. Wir wollen die Autos aus den Innenstädten verbannen und deren Zahl begrenzen", so der Sprecher des E-Roller-Anbieters.

Um zu verhindern, dass zu viele der elektrischen Scooter auf Verbotszonen parken, wenden die Sharing Dienste eine spezielle Technik an. Das sogenannte Geofencing: "Parking oder No-Parking-Zones können relativ problemlos eingerichtet werden", erklärt er. Technisch bedeutet das, dass die Miete des Scooters nicht in einer verbotenen Zone beendet werden kann – etwa einem Park. Der Nutzer muss den geliehenen Roller dazu in einem erlaubten Bereich abstellen.

Bisher kaum Beschwerden über Roller eingegangen

Insgesamt zeigt sich die Stadt München zufrieden mit dem ersten Monat, in dem die E-Roller auf der Straße fahren. Bis auf einen nicht unerheblichen Anteil an betrunkenen Fahrern habe es bisher wenige Beschwerden gegeben.

Andreas Groh, Münchner Vorsitzender des Fahrradclubs ADFC, betrachtet die Entwicklung dagegen mit einer sorgenvollen Miene. Die vorhandene Infrastruktur reiche nicht aus. An vielen Kreuzungen und Straßeneinmündungen gebe es Schwellen – eine Unfallgefahr für die E-Roller. Außerdem kämen so zusätzliche Zweiräder auf die ohnehin vollgestopften Radwege. "Das Ganze ist im Prinzip schon eine nette Idee, aber die Infrastruktur passt nicht dazu", so sein erstes Fazit.

Gerade kämpfen er und andere Aktivisten mit einem Bürgerbegehren für Radwege, die doppelt so breit sind. Auf diesen könnten E-Scooter- und Radfahrer dann gut nebeneinander fahren.

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