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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.04.2012

Burghof: "Marshall-Plan" für EU kann nicht funktionieren

Deutscher Finanzexperte hält neuen EZB-Vorschlag zur Rettung angeschlagener Banken für sinnvoll

Hans-Peter Burghof im Gespräch mit Ute Welty

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Die Europäische Zentralbank will angeschlagene Banken direkt mit Geld aus dem Europäischen Rettungsschirm (ESM) unterstützen.  (dpa / Boris Roessler)
Die Europäische Zentralbank will angeschlagene Banken direkt mit Geld aus dem Europäischen Rettungsschirm (ESM) unterstützen. (dpa / Boris Roessler)

Von einem "Marshall-Plan" zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise in Europa halte er gar nichts, sagt Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. Den Bankenapparat zu stärken sei wesentlich besser, als Geld in "irgendwelche Konjunkturprogramme zu pumpen".

Ute Welty: Das sind keine guten Nachrichten, die da aus Spanien kommen: Die dortige Notenbank hat nämlich gesagt, dass die spanischen Banken mehr Geld brauchen, und zwar viel mehr Geld. Der zusätzliche Kapitalbedarf der Geldhäuser belaufe sich auf 53,8 Milliarden Euro und könnte sich noch verdoppeln. Nur, wo soll das Geld herkommen? Die Europäische Zentralbank hat vorgeschlagen, solche Banken direkt mithilfe des Euro-Rettungsschirms ESM zu unterstützen, ohne Umweg über die jeweilige Regierung. Was davon zu halten ist, das bespreche ich jetzt mit Professor Hans-Peter Burghof, Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. Guten Morgen!

Hans-Peter Burghof: Guten Morgen!

Welty: Macht das Ihrer Meinung nach Sinn, das Geld direkt den Banken zur Verfügung zu stellen?

Burghof: Ja, wahrscheinlich ist das besser, als wenn wir das indirekt machen. Diese 50 Milliarden, die haben wir ja gerade in Griechenland investiert, wir haben sie investiert über den griechischen Bankenrettungsfonds, aber der hat ja dann gar kein Interesse an dem Geld und es ist eh das Geld der anderen, das heißt, der kümmert sich auch nicht wirklich darum, was mit dem Geld passiert. Deswegen bleiben die griechischen Banken in den Händen der alten Eigentümer. Die haben jetzt ein paar Jahre Zeit und wenn sie dann das Geld nicht zurückzahlen, dann kriegen wir die Überreste auf den Schoß geworfen. Und die sind da wahrscheinlich endgültig kaputt. Also, wenn man es überhaupt so macht, dann sollte man nicht nur sagen, wir geben das Geld, aber dann gehören die Banken auch dem europäischen Steuerzahler.

Welty: Bisher ist der Weg ja ein anderer, bisher schlüpft ein ganzes Land unter den Rettungsschirm, gegen hohe Auflagen. Und das dieser Weg ein mühsamer ist, davon kann ja auch gerade die Troika in Griechenland doch ein sehr lautes Lied singen. Will man sich denn jetzt wirklich tatsächlich Banken ans Bein binden?

Burghof: Ja, was ist die Alternative an der Stelle? Ich meine, wir sind ja nicht im Wunschkonzert, wir sind in einer Situation, wo eigentlich nur noch lauter schlechte Alternativen herumstehen und wir eine von denen, die am wenigsten schlechte wählen können. Was sicher ist, ist, dass wir mit dieser Politik der Auflagen versagen, und zwar schrittweise. Wir stellen das immer wieder fest, man gibt Geld, und in dem Augenblick, wo das Geld geflossen ist, sieht das Land diese Auflagen nicht mehr für verbindlich an. Und wir haben in Europa auch kein Zwangsmittel, das diese Länder wirklich dazu bringt, das einzuhalten. Ein Europa, das unter solchem Zwang funktioniert, wollen wir eigentlich auch gar nicht, und deswegen wird diese Politik wahrscheinlich eher scheitern.

Welty: Würden Sie eine solche Maßnahme auch als Bestandteil betrachten auf dem Weg hin zu mehr Ehrlichkeit? Dass wir es eben nämlich vor allem mit der Bankenkrise oder mit einer Bankenkrise zu tun haben, und nicht unbedingt mit einer Euro-Krise?

Burghof: Nein, das ist natürlich in diesem Fall nicht der Fall, wir haben zwei Krisen. Wir haben die Bankenkrise, die aus der alten Finanzkrise kommt, speziell Spanien leidet aber eher unter einer hausgemachten Bankenkrise, die viel auch mit Korruption und mit Fehlentwicklung in der spanischen Regulierung des Bankensystems zu tun hat. Und wir haben andererseits unverändert eine Staatsschuldenkrise. Und was unsere Politiker, Claude Juncker vorneweg, daraus machen, ist eine Euro-Krise. Man könnte also sagen, die überflüssigste Krise ist die Euro-Krise, aber die Staatsschuldenkrise und die Bankenkrise sind sehr real und im Moment auch nicht mehr wegzudiskutieren.

Welty: Dass die Banken so klamm sind, das hängt auch mit dem gegenseitigen Misstrauen zusammen, dem sogenannten Interbankenverkehr: Die Banken leihen sich untereinander kaum mehr Geld. Hilft da eine solche Maßnahme wie von der EZB vorgeschlagen?

Burghof: Ja, natürlich. In der Situation kann eine Bank zwei Dinge tun: Sie muss die Risiken runterfahren, sie muss transparenter werden für die Leute, die mehr Geld investieren wollen, und andererseits braucht sie schlichtweg Eigenkapital. Wenn man den Verdacht hat, das Haus, dem man da Geld leiht auf dem Interbankenmarkt, das ist eigentlich überschuldet und es kommt irgendwann ein Tag, wo die sagen, wir sind überschuldet, wir können nichts mehr zahlen, dann kann man auch kein Geld leihen. Das heißt also, das einzige Mittel gegen Krisen dieser Art ist tatsächlich, dass die Banken mehr Eigenkapital dann wieder besorgen. Mehr heißt, zum Ausgleich für Eigenkapital, das wir schon verloren haben.

Welty: Wäre die Unterstützung der Banken auch ein Beitrag dazu, das dringend nötige Wachstum zu generieren? Denn darüber wird ja auch gerade im Zusammenhang mit dem Fiskalpakt und dem deutsch-französischen Verhältnis sehr heftig diskutiert.

Burghof: Also, im Kabinett der schlechten Alternativen ist sicher, den Bankenapparat wieder stärker aufzustellen und mit Eigenkapital zu unterstützen, eine der besseren Möglichkeiten, wesentlich besser als in irgendwelche Konjunkturprogramme zu pumpen. Das haben wir ja schon gemacht und wir haben jetzt eigentlich alle Ausgaben, die irgendwie sinnvoll sind staatlicherseits, schon durchgezogen. Ich denke, dass wir da tatsächlich Hilfe bekommen können, wenn der Bankenapparat in diesen Ländern weiterhin gut aufgestellt ist. Allerdings, es gibt andere Krisenfelder und es ist nicht allein der Bankenapparat, also, mit dem wir das wieder in Gang kriegen.

Welty: Die da wären, die Krisenfelder?

Burghof: Ja, fehlende Reformen vor allen Dingen in diesen Ländern! Wir haben jetzt die Diskussion, was heißt eigentlich hier eine Wachstumspolitik? Da ist der Herr Draghi ein bisschen unklar gewesen, unklar, weswegen ihn jetzt alle in Anspruch nehmen. Du kannst Wachstum erzeugen, indem der Staat schlichtweg die Ausgaben erhöht, nur, das ist natürlich zunächst mal nur Wachstum in den Zahlen. Die blasen den Luftballon nur ein bisschen weiter auf und das platzt dann nachher noch viel schlimmer. Und wir können Wachstum erzeugen, indem wir halt die Kräfte des Marktes entfesseln, genau das, wovor natürlich viele jetzt im Moment Angst haben, was sie gar nicht mehr mögen, weil viele ja inzwischen der Marktwirtschaft so nicht mehr trauen. Nur, das ist wahrscheinlich der einzige Weg, den wir haben, nur, das geht in Ländern wie Spanien vor allem über Reformen des Arbeitsmarktes und über eine sauberere Politik. In Griechenland gibt es ganz viele Reformen, die die Griechen seit zwei Jahren jetzt eigentlich schon hätten machen müssen und unverändert verweigern.

Welty: Das heißt aber im Umkehrschluss, dass Sie von dem geforderten Marshall-Plan, dem sogenannten, recht wenig halten, oder?

Burghof: Nein, da halte ich eigentlich gar nichts von. Man braucht für den Marshall-Plan ja zunächst mal einen großen Bruder, der das finanziert. Den haben wir gar nicht. Deutschland als großer Bruder für ganz Europa, das ist also eher ein Alptraum an der Stelle, das funktioniert gar nicht. Und ich denke auch, dass die Konjunkturprogramme in Strukturen hinein investieren müssten, die so nicht existieren. Das ist wie mit Süditalien, Sie können auch sehr viel Geld in Süditalien vergraben, aber davon wird dort keine Struktur entstehen, die selbsttragend Wirtschaftsaufschwung erzeugt.

Welty: Bundesbankchef Jens Weidmann hat sich vehement dagegen ausgesprochen, die Banken auf dem besprochenen Weg direkt zu unterstützen. Bahnt sich da ein Konflikt an zwischen Bundesbank und EZB und können wir uns einen solchen Konflikt in diesen Zeiten überhaupt leisten?

Burghof: Also, es besteht ein permanenter Konflikt zwischen der Bundesbank und der EZB ...

Welty: ... eine neue Variante ...

Burghof: ... alle Maßnahmen ... Ja, eine neue Variante wird das, ein neues Kampffeld an der Stelle. Die Bundesbank ist eigentlich vollkommen isoliert in der EZB, ist immer in der Minderheit, wird einfach überstimmt. Wir haben da keinen Konsens mehr, nur, natürlich wird das nicht nach außen getragen, weil man da niemand verunsichern will. Aber im Grunde genommen weiß das jeder. Die Bundesbank sagt an der Stelle aber letztendlich auch, vertritt an der Stelle deutsche Interessen und sagt, wir haften mit, wenn man es realiter ansieht, haften wir vielleicht mit 80 Prozent der Kosten der Krise, aber entscheiden mit vielleicht einem Zwanzigstel der Stimmen. Das führt zu einer Asymmetrie, die sehr problematisch ist. Deswegen, könnte ich mir gut vorstellen, ist Herr Weidmann auch dagegen, dass wir da uns noch stärker engagieren. Das Problem ist nur: Wir haben, wenn tatsächlich ein Land dann ins Schleudern kommt, keine Alternative, als die Banken zu retten. Und dann bin ich hier der Ansicht, wir sollten es direkt und offen und ehrlich machen und sagen, dann sind die Banken halt Aufgabe der europäischen Notenbanken beziehungsweise des Europäischen Rettungsfonds.

Welty: Der Ökonom Hans-Peter Burghof im Interview der "Ortszeit", ich danke!

Burghof: Bitte schön!

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