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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.10.2013

Bunter Hund aus Ostberlin

Leander Haußmann: "Buh - Mein Weg zu Reichtum, Schönheit und Glück", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 272 Seiten

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Leander Haußmann, aufgenommen im März 2013 (picture alliance / dpa)
Leander Haußmann, aufgenommen im März 2013 (picture alliance / dpa)

Weil die DDR so grau und langweilig war, musste er selbst für den Spaß sorgen. Auf diese Formel bringt Regisseur Leander Haußmann, Jahrgang 1959, sein turbulentes Künstlerleben. In seiner Autobiografie läuft er sprachlich zur Form auf – glänzt mit Anekdoten und Pointen.

"Ich gebe es zu, Beleidigte pflastern meinen Weg. Dabei meine ich es gar nicht so. Ich will nur nicht langweilen. Davor graut es mir dermaßen, dass es schon ans Neurotische grenzt." So lautet eine der selbsterforschenden Vermutungen, die Leander Haußmann im einem, "Warum ich so unsympathisch bin (Ein Fragment)" überschriebenen Kapitel eines neuen Buches anstellt. Auch der Titel seiner vorläufigen Autobiografie – "BUH. Mein Weg zu Reichtum, Schönheit und Glück" – flirtet heftig mit dem Versagerimage, das einer der populärsten deutschen Film- und Theaterregisseure mit sich herumzuschleppen glaubt. Doch ein Stück weit meint der Autor es auch bitter ernst damit.

Der 1959 in Quedlinburg geborene Berliner stammt aus einer Künstlerfamilie: Seine helvetische Großmutter Ruth Wenger war in erster Ehe mit Hermann Hesse verheiratet. Ihre Nichte, die berühmte Surrealistin Meret Oppenheim, brachte Kaffee, Kognak und Zigaretten nach Ostberlin, wo sich Haußmanns Eltern, der Schauspieler Ezard und die Kostümbildnerin Doris Haußmann kurz nach dem Mauerbau endgültig niedergelassen hatten.

Enkel Leander (Namensvorschlag der Großmutter) wuchs also in Berlin-Friedrichshagen beinahe zwangsläufig in die Rolle des bunten Hundes, der sich für die Popkultur des Westens weitaus mehr interessierte als für den Aufbau des Sozialismus in seiner ganzen Drögheit.

Hier muss der Spaßreflex gegen das Einheitsgrau der DDR seinen Ursprung haben: Haußmann junior absolviert eine hochprozentige Druckerausbildung, studiert an der Ernst-Busch-Schule Schauspiel und treibt schließlich, wie einige andere Unsolider wie Frank Castorf, in der Theaterprovinz von Parchim ("Hier arbeiteten Freaks") bis Gera sein Unwesen, bis die Mauer fällt. Haußmann erinnert sich an Castings in Kneipen namens "Jägerklause", verzweifelte Intendanten, die das anarchische Künstlervolk aus der Hauptstadt zu zähmen versuchten, an selbstgefälltes Holz für Bühnenbilder und natürlich an die allgegenwärtige, nie ernstgenommene Gesellschaft der Stasi.

Mit Anfang 30 übernimmt er das Schauspiel Bochum

Nach der Wende sind es weniger seine Erfolge, die Haußmanns Erinnerungen prägen, als Fehler, Scheitern und skurrile Begegnungen. Ein missglückter "Sturm" an Peymanns BE, die Buh-Wand nach einer Münchner "Fledermaus"-Premiere, ein Flop wie die 12-Millionen-Filmproduktion "Hotel Lux": das solchen Pleiten in der Regel vorausgegangene "graue Rauschen" im Kopf des Kreativen schildert Haußmann weit plastischer als die fröhlichen Theatererfolge der 90er Jahre, wo er mit Anfang dreißig das Schauspiel Bochum übernimmt.

Seine großen Kinoerfolge «Sonnenallee» und «Herr Lehmann» kommen fast gar nicht vor – erst ganz am Schluss, vielfach ironisch gebrochen, in Form eines selbstverfassten Nekrologs, den eine befreundete Schauspielerin im Ernstfall lancieren soll: "Sein Werk", heißt es da, ist "nicht durchdrungen von Sentimentalität und Weinerlichkeit, sondern strotz vor Lebensfreude und Optimismus." Ein Satz, den man allen Selbstzweifeln und Bestätigungssehnsüchten im Haußmannschen Seelenhaushalt zum Trotz, mühelos unterschreiben kann.

Haußmanns panische Angst vor der Langweile hat sich tief in die Form des Buchs gefressen. Lineares Erzählen, von der Wiege bis zum Jetzt? Nicht mit diesem Anekdotenartisten! Fast jedes Kapitel eröffnet mit einer dramatischen Szene, deren Vorgeschichte und Nachwehen in scharf geschnittenen, mal elegant komponierten, dann wieder übertrieben verschachtelten Rückblicken aufgeschlossen wird, um in letzter Sekunde wieder auf die schon aus den Augen verlorene Eingangsszene aufzuspringen und dort noch eine sichere Pointe zu landen. Das ist gewöhnungsbedürftig, macht aber immer größeren Spaß. Bis man sich am Ende selber fragt, warum es Komödianten in der deutschen Hochkulturzone eigentlich oft so verdammt schwer haben.

Besprochen von Eva Behrendt

Leander Haußmann: Buh - Mein Weg zu Reichtum, Schönheit und Glück
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013
272 Seiten, 18,99 Euro

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