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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.05.2016

Bundeswehr-Einsatz im Mittelmeer"Man weiß nie genau, worauf man zusteuert"

Christian Clausing im Gespräch mit Ute Welty

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Ein Speedboat und ein Fast Rescue Boat begleiten am 14.05.2015 ein Schlauchboot mit schiffbrüchigen Flüchtlingen zur Fregatte Hessen. (dpa/picture-alliance/Sascha Jonack)
Seit einem Jahr ist die deutsche Marine an der Seenotrettung im Mittelmeer beteiligt. Hier begleiten ein Speedboat und ein Fast Rescue Boat ein Schlauchboot mit schiffbrüchigen Flüchtlingen. (dpa/picture-alliance/Sascha Jonack)

Die Bundeswehr ist seit einem Jahr an der Seenotrettung im Mittelmeer beteiligt. Sie konnte bisher rund 14.000 Menschen bergen. Fregattenkapitän Christian Clausing sieht durch den Einsatz auch Erfolge im Kampf gegen Schleuser: Deren Handlungsfreiheit sei erheblich eingeschränkt.

Seit dem 7. Mai 2015 ist die Bundeswehr mit 320 Soldaten an der Seenotrettung im Mittelmeer beteiligt. Diesem Einsatz verdanken bisher etwa 14.000 Menschen ihr Leben. Seit letztem September ist die Bundeswehr auch bei der Bekämpfung von Schleppern dabei. Derzeit befindet sich die Fregatte "Karlsruhe" in Gebiet vor der libyschen Küste.

Der Fregattenkapitän der "Karlsruhe", Christian Clausing, zog im Deutschlandradio Kultur eine positive Bilanz des Einsatzes:

"Die Handlungsfreiheit der Schleuser ist erheblich eingeschränkt. Sie können nicht mehr außerhalb der Territorialgewässer Libyens operieren, weil sie eben genau wissen, dass wir sie stoppen und ihnen ihr Handwerk legen können, wenn wir den begründeten Verdacht dazu haben."

Konfrontation mit schrecklichen Ereignissen

Der genaue Erfolg der Mission im Mittelmeer sei allerdings schwer zu bemessen, meinte Clausing:

"Am Ende ist es eine Vielzahl von Dingen, die alle dazu führen, dass einzelne Personen identifiziert werden, die mit diesem Geschäftsmodell zu tun haben. Und da liefern wir nur einen Beitrag zu."

Die Einsatzkräfte seien oft mit schrecklichen Bildern konfrontiert, berichtete Clausing. Eine psychologische Vorbereitung auf diese Aufgabe sei kaum möglich:

"Man weiß nie genau, worauf man zusteuert. Wir hatten letztens erst ein Boot, das mit rund 120 Menschen besetzt und teilweise schon untergegangen war. Da müssen Sie zusehen, dass Sie mit der Panik der Leute zurecht kommen und trotzdem noch alle retten,  was uns Gott sei Dank gelungen ist."


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Etwa 14.000 Menschen haben diesem Einsatz ihr Leben zu verdanken, so viele Menschen wie zum Beispiel in Füssen leben, in Ratzeburg, Langerwehe oder Templin. Seit genau einem Jahr beteiligt sich die Bundeswehr an der Seenotrettung im Mittelmeer, nachdem womöglich bis zu 900 Menschen vor der libyschen Küste ertrunken waren. Inzwischen richtet sich die Operation Sophia auch gegen Schleuser auf dem Mittelmeer. Und benannt ist diese Operation nach einem somalischen Mädchen, das auf einem der deutschen Schiffe geboren wurde. Derzeit ist die Fregatte "Karlsruhe" im Einsatz, mit deren Kapitän Christian Clausing ich vor der Sendung sprechen konnte. Guten Morgen, Herr Clausing!

Christian Clausing: Schönen guten Morgen, Frau Welty, ich grüße Sie!

Welty: Wo erreichen wir Sie gerade genau beziehungsweise von wo aus erreichen Sie uns?

Clausing: Wir befinden uns gerade etliche Meilen nördlich der libyschen Küste. Wir waren da noch zum Tanken auf Sizilien und sind jetzt wieder im Einsatzgebiet angekommen.

Welty: Ich habe es anfangs gesagt, seit einem Jahr beteiligt sich die deutsche Marine an der Seenotrettung im Mittelmeer. Sie selbst sind jetzt seit März im Einsatz und auch Kontingentführer. Verläuft der Einsatz so, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Clausing: Ich glaube, sich vorher eine Vorstellung zu machen, ist etwas vermessen, auch für uns. Natürlich sprechen wir mit denjenigen, die bereits da waren, und bereiten uns anhand derer Erfahrung so weit es geht auf diesen Einsatz vor. Aber die Bilder, die man hier teilweise sieht, die muss man erlebt haben, ansonsten begreift man sie nicht.

Die Bilder im Kopf der Einsatzkräfte

Welty: Was sind das für Bilder?

Clausing: Nun ja, das sind Bilder, Sie sehen Schlauchboote mit circa 100 bis 130, manchmal sogar 140 Menschen drin, die eben auf der Flucht sind und mit einem nicht seetüchtigen Schlauchboot versuchen, über das Mittelmeer zu fahren.

Welty: Und wie viele dieser Bilder nimmt der Kapitän dann abends mit in die Koje?

Clausing: Na ja, der Kommandant versucht, so wenig Bilder wie möglich mit in die Koje zu nehmen, sondern man versucht natürlich, auf der einen Seite unseren Auftrag und diese Aufgabe möglichst gut zu machen, und versucht darüber hinaus, seine Besatzung in Sicherheit zu behalten und gleichzeitig Menschenleben zu retten. Das ist sicherlich nicht immer ganz einfach für uns alle, aber ich glaube, das werden Ihnen alle Menschen bestätigen, die schon mal in ähnlichen Situationen waren, dass Sie natürlich auch versuchen müssen, das etwas von sich wegzuhalten. Denn das ist teilweise schon erhebliches Leid, was Sie hier sehen.

"Man muss mit der Panik der Menschen zurecht kommen"

Welty: Bei aller Professionalität, die Sie an den Tag legen, an den Tag legen müssen, gab es diese eine Geschichte, wo Sie gesagt haben: Das ist jetzt aber mal eine Nummer zu viel?

Clausing: Ich glaube, diese Chance haben Sie nicht. Denn es nützt ja nichts, selbst wenn Sie glauben, dass es eine Nummer zu viel ist. Sie müssen ja versuchen, mit einer Situation zurechtzukommen, das ist nun mal Teil unseres Berufs. Und Teil davon ist auch, dass Sie nie genau wissen, auf was Sie zusteuern.

Und wir hatten letztens erst ein Boot, was mit circa 120 Menschen besetzt war, das schon teilweise untergegangen ist. Und da müssen Sie halt auch zusehen, dass Sie mit der Panik der Leute zurechtkommen und trotzdem noch alle retten, was uns Gott sei Dank gelungen ist.

Welty: Wer jemals auf dem Mittelmeer unterwegs war, der kann ein Lied davon singen, dass es da ordentlich schwanken kann. Wie gehen Sie und die Mannschaft auch mit dieser körperlichen und mit dieser technischen Herausforderung um?

Clausing: Nun ja, da gilt es dann, relativ zügig mit dem eigenen Speedboot beziehungsweise auch mit eigenen Rettungsinseln, die wir mitgenommen haben, zu helfen und somit die Menschen erst mal in Sicherheit zu bringen, bevor wir sie dann geordnet an Bord bringen, wo wir sie registrieren, ihnen neue Kleidung geben, ihnen Nahrung geben und sie dann natürlich geschützt, so weit möglich, unterbringen, damit wir sie dann nach Italien in einen Hafen bringen können.

Abstimmung mit anderen Nationen läuft reibungslos

Welty: Die Operation Sophia, in deren Rahmen Sie arbeiten, ist eine EU-Operation. Wie läuft die Abstimmung mit den anderen beteiligten Nationen?

Clausing: Die läuft reibungslos, das kann man glaube ich uneingeschränkt sagen. Wir haben einen italienischen Admiral als sogenannten Force Commander und da gibt es keine Probleme. Die Abstimmung ist gut und die Aufträge, die wir dann vom FHQ, das sogenannte Force Headquarter, bekommen, die richten sich unabhängig von der Nationalität an die Schiffe, die ihm unterstellt sind. Da gibt es also keine großen Probleme.

Welty: Was hilft da mehr: dass Sie alle Soldaten sind oder dass Sie alle Seeleute sind?

Clausing: Ich glaube, sowohl als auch. Weil, Sie müssen ja auch bedenken: Auch wenn das eine EU-Operation ist, sind die Nationen, die hier derzeit vertreten sind – was derzeit Spanien, Großbritannien, Deutschland und Italien umfasst –, sind alles NATO-Mitglieder und wir haben natürlich schon seit Jahren Erfahrung in der Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von NATO-Manövern und anderen Manövern, die wir gemeinsam gefahren haben. Und deswegen sind auch Verfahren eingespielt und uns ist das nicht fremd.

Kampf gegen Schleuser

Welty: Menschen aus Seenot retten ist das eine, die Schleuser zu bekämpfen das andere. Ist dieses Unterfangen von Erfolg gekrönt und kann das überhaupt gelingen, so wie Sie ausgestattet und ausgerüstet sind?

Clausing: Der Erfolg ist schwer zu messen. Aber ich kann auf jeden Fall sagen, dass wir die Handlungsfreiheit der Schleuser erheblich eingeschränkt haben. Sie können nicht mehr außerhalb der Territorialgewässer Libyens operieren, weil sie eben genau wissen, dass, wenn sie das tun, wir sie eben stoppen können und ihnen ihr Handwerk legen können, wenn wir den begründeten Verdacht dazu haben.

Inwieweit der Erfolg gemessen werden kann, das ist sehr schwer zu sagen. Denn am Ende sind es eine Vielzahl von Dingen, die dazu führen, dass einzelne Personen identifiziert werden, die mit diesem Geschäftsmodell zu tun haben, und da liefern wir nur einen Beitrag.

Welty: Fregattenkapitän Christian Clausing ist mit der "Karlsruhe" im Mittelmeer unterwegs, oder auf dem Mittelmeer unterwegs, und dafür danke ich Ihnen und der Mannschaft, und zwar für den Einsatz und natürlich auch für dieses "Studio 9"-Gespräch, das wir aufgezeichnet haben.

Clausing: Ich danke Ihnen, Frau Welty!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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