Samstag, 16.02.2019
 

Rang I | Beitrag vom 09.02.2019

Bundeskongress Freies Theater in KölnMit Flausen gegen den Populismus

Gerhard Seidel im Gespräch mit Janis El-Bira

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Der "flausen"-Bundeskongress zu "the politics of art", der am Freien Werkstatt Theater Köln vom 05. bis 07.02.2019 stattfand (Robin Junicke)
Der zweite Flausen-Bundeskongress fand am Freien Werkstatt Theater in Köln statt. (Robin Junicke)

Ein Großereignis der Freien Szene: "The Politics of Art" stand über dem Flausen-Bundeskongress in Köln. Wie rechtsnationale, populistische Kreise die Freiheit der Kunst "anknabberten", war dort ein großes Thema, erzählt der Gastgeber Gerhard Seidel.

"Habt Flausen im Kopf" – unter diesem Motto vergibt das Modellprojekt "flausen – young artists in residence" seit 2010 Stipendien für freie Forschung in den darstellenden Künsten. Freie Theaterschaffende sollen so zumindest eine Zeit lang ohne Finanzierungsdruck arbeiten können. Seit 2011 ist daraus ein Netzwerk gewachsen, dem mittlerweile 24 Theaterhäuser angehören. Mitte der Woche traf man sich nun in Köln zum zweiten flausen-Bundeskongress – einer Veranstaltung von inzwischen internationaler Strahlkraft für die Freie Theaterszene.

Kongress-Motto mit doppeltem Politik-Bezug

"The Politics of Art" war das Thema des diesjährigen Kongresses. Im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur erklärt Gerhard Seidel, Leiter des Kölner Werkstatt Theaters und Gastgeber der Tagung, den titelgebenden Politik-Bezug auf doppelte Weise.

"Mein Empfinden ist, dass in den letzten Jahren durchaus eine stärkere Politisierung in dem Sinne stattgefunden hat in der freien Theater-, Performance- und Tanzszene, dass mehrere neue Netzwerke entstanden sind, die bundesweit agieren – auch das Flausen-Netzwerk gehört dazu. Das heißt also, da ist eine größere Diversität bei den Organisationen entstanden", stellt Gerhard Seidel fest. "Gleichzeitig sind wir in einer Situation, wo teilweise frisches Geld in die Szene gepumpt wird, während das an anderen Stellen nicht so ist."

Der Theaterleiter ergänzt: "Das Dritte ist, und darüber haben wir sehr viel gesprochen, dass wir im Moment in einer Situation stecken, wo die Freiheit der Künste tatsächlich angeknabbert wird. Das heißt dort, wo in der Gesellschaft ein Grundkonsens im Moment angefressen wird von rechtsnationalen, populistischen Kreisen, ist auch die Kunst mitbedroht. Wir hatten auch Kollegen aus europäischen Ländern und sogar aus Kanada da, die Ähnliches berichtet haben. Also von Eingriffen über die Kunstförderung, über den Hebel der Kunstförderung in die Wege, Ziele und Visionen von Kunst."

Was tun bei Störungen und Drohungen?

Vor allem der konkrete Umgang der Theater- und Kulturinstitutionen mit Störungen, Strafanzeigen und Übergriffen waren Thema beim Kongress. Was kann getan werden, wenn Aufführungen gestört oder Künstler bedroht werden?

"Eine Idee ist, den Vorgang intern zu behalten", so Gerhard Seidel." Also es nicht an die große Glocke zu hängen, denn dadurch entsteht ja erst Öffentlichkeit, die provoziert werden soll. Auf der anderen Seite muss man natürlich abwägen: "Was ist der Inhalt der Störung", wäre etwa ein wichtiger Punkt, sagt Gerhard Seidel." Muss man da nicht eben doch die Öffentlichkeit suchen? Also wann ist das Wertefundament so verletzt, dass man eine Öffentlichkeit herstellen muss?"

Gleichzeitig findet Gerhard Seidel nicht, dass die Kunst es sich leisten kann, trotz zunehmenden Politisierungsdrucks die eigene Freiheit dreinzugeben: "Wir haben ein Thema aufgegriffen und haben gesagt: Was ist eigentlich die Aufgabe der Kunst? Ist sie dazu da, die richtigen Fragen zu stellen – also wie die Philosophie zum Beispiel. Und ist es gerade die Kunst der Kunst, die richtigen Fragen zu stellen? Ich bin auf dieser Seite."

Dazu passe auch ein Wort des Dramatikers Samuel Beckett: "'Ich mache weiter. Ich werde scheitern, aber ich werde auf jeden Fall besser, sprich auf höherem Niveau scheitern.' Ich glaube, das ist ein Weg, dem ich mich sehr anschließen würde."

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