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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 07.08.2015

BundesfreiwilligendienstEin Bufdi statt acht Zivis

Von Susanne Arlt

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(Patrick Pleul dpa/lbn)
"Bufdi", also Bundesfreiwilligendienstler, kann jeder werden. (Patrick Pleul dpa/lbn)

Essen auf Rädern, Behindertenwerkstätten, Krankenhäuser: Viele Sozialeinrichtungen leiden unter Personalnot, seit der Zivildienst ausgesetzt wurde. Bundesfreiwilligendienstler können das kaum abfangen.

"Nadine, willst mir dein Tablett schon rübergeben?" 

Nadine nickt, mit Bedacht steckt sie das letzte Einzelteil für den Dämpfer einer Kühlschranktür zusammen, legt ihn auf das Tablett und reicht es mit einem Lächeln Kerstin Bratvogel herüber. 

"Dankeschön! Reinwerfen." 

Nadine ist leicht geistig und körperlich behindert. Mit sechs anderen Männern und Frauen montiert sie die Dämpfer oder steckt Belüftungselemente für Automobilzulieferer zusammen. Damit die Arbeit nicht eintönig wird, darf jeder selber wählen, welchen Arbeitsschritt er heute machen möchte, erzählt Kerstin Bratvogel. Seit drei Jahren betreut sie die Gruppe, hilft ihnen, wenn sie nicht weiter wissen oder mal die Geduld verlieren, unterhält sich mit ihnen.  

"Wisst ihr schon, was es zum Mittag gibt? Na hoffentlich gibt es was, was ich auch esse. Spaghetti Bolognese. Oh lecker." 

Mit Anfang 40 hatte Kerstin Bratvogel die Nase voll von ihrem alten Beruf. 20 Jahre lang war sie Arzthelferin. Aber das Zwischenmenschliche sei immer mehr auf der Strecke geblieben, erzählt sie. Darum nahm sie sich ein Jahr Auszeit, bewarb sich beim Bundesfreiwilligendienst und half ein Jahr lang in der Behindertenwerkstätte Mosaik in Berlin-Reinickendorf aus. 

Eine Gelegenheit, einen neune Job kennenzulernen

"Ich wollte einfach was anderes machen und mich hatte schon immer Arbeit mit beeinträchtigten Leuten sehr, sehr interessiert. Und der Bundesfreiwilligendienst war für mich dann die Gelegenheit zu gucken, ob das Berufsbild wirklich so ist, wie man sich das vorstellt."

Inzwischen ist Kerstin Bratvogel in der Mosaik-Werkstätte angestellt. Ein Glücksfall, sagt Betriebsstättenleiter Johannes Wiedenhus, denn immer seltener wollen Freiwillige ein Jahr lang in dem Betrieb für Menschen mit Beeinträchtigungen aushelfen. Vor elf Jahren hat Johannes Wiedenhus hier seinen Zivildienst geleistet. Damals habe er noch sieben weitere Mitstreiter gehabt, die den Festangestellten bei der Arbeit ausgeholfen hätten. 

Ein Bundesfreiwilligendienstler für acht Zivis

"Wenn man denkt, dass früher in der Spitze bis zu acht Zivil-dienstleistende hier in der Einrichtung waren und jetzt ist es ein Bundesfreiwilligendienstler, das ist natürlich ne ganz große Diskrepanz zwischen dem, was man nach außen geben konnte früher über diesen Weg, und dem, was man heute geben kann."

Die Angestellten vernachlässigten deshalb natürlich nicht ihre Aufgaben, aber die Arbeitsbelastung habe zugenommen, sagt Wiedenhus. Aufgaben, für die früher Zivis eingesprungen sind, müssen nun Gruppenleiter übernehmen. Dazu gehören zum Beispiel einfache Toilettengänge oder das Ausliefern von Ware, die die Menschen in der Behindertenwerkstatt hergestellt haben. Nur ab und an könne man mithilfe von Praktikanten diese Löcher stopfen. 

"In dem Zusammenhang ist es natürlich eine höhere Arbeitsbelastung für die einzelnen Mitarbeiter. Das heißt, um tatsächlich im Einzelfall eine intensivere Begleitung zu gewährleisten, also mit Unterstützung, das fehlt dann natürlich schon. Diese ganzen unterstützenden Sachen, die fallen halt weg. Das heißt, dass ein Gruppenleiter sich gefühlt zerteilen muss." 

Nur 35.000 Plätze werden jedes Jahr ausgeschrieben

Doch nicht nur die erhöhte Arbeitsbelastung sei ein Problem, sagt Johannes Wiedenhus. Es gebe auch ein gesellschaftliches. Da immer weniger Freiwillige in der Behindertenwerkstätte aushelfen, kommen sie auch immer seltener mit ihnen in Kontakt. In Sachen Inklusion habe der Bundesfreiwilligendienst den Behinderteneinrichtungen einen Bärendienst erwiesen.  

"Letztendlich sind die Zivildienstleistenden in Jobs gegangen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt und haben die Aspekte, die sie hier gelernt haben, mitgenommen. Also Umgang mit Menschen mit Behinderung; was es heißt, dass es was ganz Reguläres ist und nichts Besonderes sein muss, sondern dass Menschen mit Behinderung zur Gesellschaft dazugehören, dieser Weg fehlt jetzt."

Der Grund für dieses Missverhältnis liegt zum einem an dem staatlich verhängten Kontingent. Nur 35.000 Bufdi-Plätze werden jedes Jahr ausgeschrieben. Zum anderen wurden die Einsatzbereiche für die Freiwilligen deutlich ausgeweitet. Vor allem jüngere Bewerber wollen lieber im Sucht- und Drogenbereich arbeiten. Oder sich in soziokulturelle Einrichtungen engagieren wie einem Nachbarschaftsheim oder Mehrgenerationenhaus, sagt Klaudia Kopka. Die Bildungsreferentin ist beim Verein "Internationale Jugendgemeinschaftsdienste", kurz IJGD, für den Bundesfreiwilligendienst zuständig. 

"Unsere Erfahrung ist, dass unter den Jüngeren die Nachfrage für  Werkstätten für behinderte Menschen nicht so stark ist. Bei den Älteren ist die Bereitschaft relativ groß, sich das erst einmal anzugucken. Aber auch da gibt es viele andere Möglichkeiten, die dann gerne wahrgenommen werden."   

Die meisten Freiwilligen sind zwischen 50 und 60 Jahre alt

Der Verein IJGD kooperiert ausschließlich mit Einrichtungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und kann 240 Freiwilligenplätze im Jahr vergeben. 720 Einrichtungen haben bislang ihr Interesse bekundet. Ein Großteil von ihnen gehe leider jedes Jahr leer aus. Der BFD soll einen Beitrag zum sozialen Gemeinwohl leisten und ist der erste Freiwilligendienst, der keiner Altersbegrenzung unterliegt – im Gegensatz zum Freiwilligen Sozialen Jahr. Das sei an sich zwar positiv, sagt Klaudia Kopka. Habe aber zur Folge, dass die meisten Freiwilligen des IJGD zwischen 50 und 60 Jahre alt seien. Aus diesem Grund würden typische Zivi-Aufgaben immer seltener übernommen. 

"Vieles kann in dem Maß irgendwie nicht abgedeckt werden, weil, klar, viele ältere Menschen können die Arbeit in Kranken-häusern nicht verrichten, wollen es auch gar nicht, melden sich erst gar nicht für diese Stellen. Ein anderes Beispiel, Fahrdienste, fahrbarerer Mittagstisch, das haben ja auch ganz viele Zivildienstleistende gemacht, ist ja auch eine sehr schwere körperliche Arbeit, da haben die Einsatzstellen auch große Probleme, das abzudecken." 

Zurück in die Behindertenwerkstätte Mosaik in Berlin-Reinickendorf. Gruppenleiterin Kerstin Bratvogel schaut ihren sieben Schützlingen bei der Arbeit zu. Die ehemalige Arzthelferin wirkt sehr zufrieden in ihrem neuen Job. Der einjährige Bundesfreiwilligendienst hat ihr eine neue Arbeitsperspektive geboten. Darum lässt sie auch keinen Zweifel daran:  Sie würde es jederzeit wieder tun.

 

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