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Konzert / Archiv | Beitrag vom 21.07.2021

Bulgarisches Radio-SinfonieorchesterRhapsodien vom Balkan

Moderation: Volker Michael

Berge und Täler des Balkan im Sonnenuntergangslicht. (imago / Cavan Images)
Sehnsucht nach Natur: Sie spiegelt sich musikalisch in ganz unterschiedlichen Rhapsodien wider. (imago / Cavan Images)

Fünf Orchesterstücke mit dem selben Titel, aber ganz unterschiedlichem Inhalt: Rhapsodien von Stojanov, Debussy, Liszt, Enescu und Wladigerow. Gespielt wird dieses besondere Musikprogramm vom Bulgarischen Radio-Sinfonieorchester unter Mark Kadin.

Fünf Werke - alle mit "Rhapsodie" betitelt - und doch verbergen sich dahinter fünf ganz unterschiedliche Welten. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Griechischen. In der Antike waren es die sogenannten Rhapsoden, die von Ort zu Ort zogen, um ihre Lieder und Geschichten vorzustellen. Da sie zu Fuß Berg und Tal durchschritten, der Natur immer sehr nahe waren, verband sich der Naturbegriff mit dem der Rhapsoden.

Sehnsucht nach dem einfachen Leben

In der Romantik erwachte eine große Sehnsucht nach dem Natürlichen, dem ungebundenen und scheinbar freien Leben auf dem Lande. Erste sogenannte "Rhapsodien" entstanden – sie hatten einen verlockenden Beigeschmack von Freiheit und Nähe zur Musik der sogenannten einfachen Menschen.

Denn anders als die strengen Formen aus Barock und Klassik schreibt die Rhapsodie nichts weiter vor, als dass musikalische Gedanken frei artikuliert werden und sich frei aneinander reihen können.

Freiheit in der Komposition

Keine Regel zwängt ein: Wann und wie oft welches Thema erscheint, wieviel Töne es umfasst, wie oft es wiederkehrt und wie lang das Stück ist, bleibt der Komponistin oder dem Komponisten überlassen. Und so kam es, dass die Epoche, welche die Volksmusik neu entdeckte, die Romantik, auch die rhapsodische Form kreierte.

Das Bulgarische Nationale Sinfonie-Orchester in der Bulgaria-Halle in Sofia mit seinem Chefdirigenten Mark Kadin während des Konzertes. (BNR / Ani Petrova)Mark Kadin ist seit vier Jahren Chefdirigent des Bulgarischen Nationalen Sinfonie-Orchesters. (BNR / Ani Petrova)

Das Konzert, das wir hier präsentieren, wird bulgarisch mit der Rhapsodie von Wesselin Stojanow eröffnet. Sie entstand Mitte der 1950er-Jahre für den Rundfunk. Stojanov wurde Anfang des Jahrhunderts in der Stadt Schumen geboren, studierte in Sofia und später auch in Wien. Zurück in Bulgarien setzte er sich für zeitgenössische Musik und für eine verbesserte akademische Lehre ein. Und so hat das Bulgarische Nationale Radio-Sinfonieorchester eine enge Beziehung zu diesem Stück, das besonders farbig und fantasievoll ist.

Französisches Raffinement

Claude Debussys Rhapsodie für Klarinette und Orchester war eine Gelegenheitskomposition für seinen neuen Arbeitgeber, das Pariser Konservatorium. Er war dort 1909 ins Direktorium aufgenommen worden und erhielt sogleich den Auftrag, für den hauseigenen Klarinettenwettbewerb ein Werk vorzulegen. Ihm gelang ein strahlendes, raffiniertes, kurzes Stück, das nicht allein auf Virtuosität setzt, sondern auch dem Duktus der Gesanglichkeit folgt.

Im Zentrum des Konzertes steht Musik von Franz Liszt, der als Erfinder des Genres gilt. Der gebürtige Ungar war Europäer der ersten Stunde und fühlte sich in Paris, Weimar und in Südosteuropa zu Hause. Es beschäftigte sich ein Leben lang mit seinen ungarischen Wurzeln. Manche der Themen aus Liszts Rhapsodien sind bis heute bekannte Melodien in Ungarn. Insgesamt hinterließ der Komponist 15 Ungarische Rhapsodien.

Besonders prägnant übernahm George Enescu Stil und Technik verschiedener Tanz- und Volksmelodien in seiner "Rumänischen Rhapsodie". Er variiert intime Bläserpassagen und feurig-rasante Tutti-Ausbrüche auf fantasievolle Weise, ergänzt mit lyrischen Naturszenen - und schafft somit ein musikalisches Gemälde von Land und Leuten in seiner Heimat, die er in seinen langen Pariser Jahren neu entdeckte.

Hymnischer Schluss

Die Schluss-Rhapsodie stammt erneut von einem bulgarischen Komponisten, einem der wichtigsten des Landes im 20. Jahrhundert: von Pantscho Wladigerow. Sein Vater war ein bulgarischer Anwalt in Zürich, wo Pantscho geboren wurde. Als der Vater jung starb, ging die Familie nach Sofia, wo Pantscho aufwuchs und studierte. Nach einem Aufbaustudium in Berlin blieb er viele Jahre in der Stadt und feierte zahlreiche Erfolge: Die Berliner Philharmoniker spielten seine Musik, er war der Hauskomponist von Max Reinhardts Deutschem Theater.

Wladigeroffs Rhapsodie trägt den Titel "Vardar". Das ist ein Fluss, der im heutigen Nordmazedonien fließt und bei Thessaloniki in die Ägäis mündet. Damals lebten im Gebiet des Flusses viele Bulgaren. Eine Melodie liebten diese mazedonischen Bulgarien besonders - ein Thema von Wladigeroffs Lehrer Dobri Christof. Es erscheint in der Rhapsodie pathetisch und hymnisch und sorgte für eine große Beliebtheit des Werks.

Aufzeichnung vom 18. Juni 2021 in der Bulgaria Halle, Sofia

Wesselin Stojanov
Rhapsodie für Symphonie-Orchester

Claude Debussy
Rhapsodie Nr. 1 für Klarinette und Orchester

Franz Liszt
Ungarische Rhapsodie Nr. 14 f-Moll S. 244/14

George Enescu
Rumänische Rhapsodie Nr. 1 A-Dur op. 11/1

Pantscho Wladigeroff
Bulgarische Rhapsodie "Vardar" op. 16

Kristiyan Kaloyanov, Klarinette
Bulgarisches Nationales Radio-Symphonieorchester
Leitung: Mark Kadin

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