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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 30.10.2014

Bürgerkrieg in SyrienVertrieben und verzweifelt

Wie syrische Flüchtlinge in die Illegalität gedrängt werden

Von Nicole Graaf

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Syrische Kurden überqueren die Grenze zur Türkei. (AFP / Ilyas Akegin)
Syrische Flüchtlinge überqueren die Grenze zur Türkei. (AFP / Ilyas Akegin)

Fast zwei Millionen Syrer sind inzwischen vor dem Bürgerkrieg in die Türkei geflüchtet. Sie haben es schwer, dort eine Wohnung zu finden, zahlen horrende Preise dafür und müssen schwarzarbeiten. Ein Teil von ihnen versucht, die Grenze zur EU zu überwinden. Was die Flüchtlinge dabei erleben, ist oftmals völkerrechtswidrig.

Man sieht Abu Omar und seiner Familie nicht an, dass sie Flüchtlinge aus Syrien sind. Als syrische Kurden fallen sie kaum auf in der kurdisch dominierten Kreisstadt Cizre im äußersten Südosten der Türkei. Die Stadt erstreckt sich entlang des Tigris zwischen kargen Hügeln gleich an der syrisch-türkischen Grenze; jeden Tag kommen neue Flüchtlinge hier an.

Die Familie sitzt im Hof eines dreistöckigen Altstadthauses auf ausgebreiteten Bastmatten.
Abu Omar und sein Bruder Yusuf, 27 und 23 Jahre alt, tragen dunkle lange Hemden, die zu weit an ihren hageren Körpern herunterschlackern. Abu Omars Frau Rohalat hat ihre Haare unter einem schwarzen Kopftuch mit Borte und kleinen bunten Blumen versteckt, so wie es viele Frauen in der Region tragen. Die schüchterne 18-jährige wiegt ihre acht Monate alte Tochter im Arm, die andere Tochter, knapp zwei Jahre, spielt zwischen den Erwachsenen. Die Familie ist wie Millionen andere vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflohen und lebt seit knapp einem Jahr in der Türkei.

Abu Omar: "Als wir in Cizre ankamen, konnten wir erst keine Bleibe finden, und auch keine Arbeit. Es hat fast zwei Wochen gedauert, bis Anwohner uns diese Wohnung und eine Arbeitsstelle vermittelt haben."

Die Unterkunft von Abu Omars Familie: zwei dunkle, fast leere Räume, die im Erdgeschoss des Hauses einer kurdischen Großfamilie liegen. In einer Ecke im hinteren Raum stapeln sich dicke Wolldecken, aus denen die Familie nachts ihr Schlaflager bereitet. Neben der Tür steht eine Gasflasche mit Brenneraufsatz zum Kochen, daneben lehnt ein kleiner Sack Mehl und ein Fünf-Liter Kanister billiges Speiseöl. Die Familie hat Mühe, über die Runden zu kommen. Weil Syrer offiziell nicht arbeiten dürfen, verdingen Abu Omar und sein Bruder sich schwarz auf dem Bau.

Die Zahl der Flüchtlinge steigt unaufhörlich

"Alle schlechten Jobs hier machen Flüchtlinge. Ich bin eigentlich Maschinenführer. Früher in Aleppo konnte ich mir die Jobs aussuchen. Aber hier arbeiten wir illegal, deswegen müssen wir die härtesten Arbeiten machen und bekommen ganz wenig Geld dafür, nur etwa 15 Euro pro Tag, und wir finden im Durchschnitt nur jeden zweiten Tag Arbeit. Manchmal weiß ich nicht, was ich meinen Töchtern zu Essen geben soll."

Angesichts der aktuell immer weiter steigenden Zahl von Flüchtlingen, die aus Syrien und seit kurzem auch aus dem Irak in die Türkei kommen, hat die Familie noch Glück, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Die Arbeitslosigkeit in der Grenzregion ist sehr hoch. Selbst viele Einheimische gehen als Saisonarbeiter in reichere Landesteile. Auch viele Syrer zieht es deshalb weiter in die Großstädte im Westen der Türkei, wo sie sich bessere Jobaussichten erhoffen.

In Istanbul sind die meisten von ihnen gestrandet. Nach Angaben der türkischen Regierung leben in der 14 Millionen-Metropole rund 300.000 Syrer. Wahrscheinlich sind es aber sehr viel mehr. Türkische Anwohner beschweren sich zunehmend über Dreck, Diebstähle und Bettler. Neuankömmlinge kampieren in Parks oder baufälligen Häusern der Altstadt. Auf Fußgängerbrücken und vor Moscheen sitzen Frauen mit Babys im Arm und hoffen auf Almosen. In den Ausgehvierteln verkaufen Sechsjährige Wasser und Kaugummis an die Nachtschwärmer. Und junge Männer bereiten sich nach Ladenschluss vor den Eingängen von Geschäften auf Pappkartons ihr Nachtlager.

Nicht weit vom zentralen Taksimplatz arbeitet der 26-jährige Muhammed in einem kleinen türkischen Restaurant. Muhammed ist ebenfalls ein Kurde aus Aleppo. Er ist geflohen, weil er zum Militärdienst eingezogen werden sollte. So ergeht es vielen jungen Syrern. Die Gasse voller Cafés und Lokale wird hauptsächlich von arabischen und europäischen Touristen frequentiert. Muhammed hat dort leicht einen Job gefunden, weil er gut Englisch spricht. Aber er arbeitet auch schwarz. Als Kellneruniform trägt er ein weißes Hemd mit Krawatte, dazu eine dunkle Hose, die Haare mit Gel nach oben gestylt. In Syrien hat er neben dem Studium der Agrarwissenschaften ebenfalls in einem Restaurant gearbeitet – allerdings als Geschäftsführer.

Das Viertel ist berüchtigt für seine Kriminalität

"Wenn ich darüber nachdenke, was ich früher hatte und wie es mir jetzt geht.... Ich hatte das Sagen über zehn, fünfzehn Angestellte. Jetzt wische ich hier Tische ab und putze den Boden. Ich habe eine Stunde Pause am Tag, ansonsten gibt es nur Arbeiten, Schlafen gehen und morgens wieder aufstehen und arbeiten gehen. Ich fühle mich nicht mehr wie ein Mensch."

Für die Pause hat er sich in ein kleines Café in Sichtweite des Restaurant gesetzt. Sein Chef schaut immer wieder hoch zu der Veranda, auf der er einen Kaffee trinkt. Er verdient etwa 330 Euro und teilt sich mit fünf anderen Syrern ein kleines heruntergekommenes Zimmer für rund 470 Euro im Monat. Es liegt im Viertel Kurtuluş, das berüchtigt ist für Waffen- und Drogenhandel und illegale Einwanderer.

Flüchtlinge zahlen in türkischen Großstädten Mondpreise für Wohnungen, weil kaum jemand an sie vermieten will. In der Türkei gibt es für Muhammed keine Perspektive. Denn nur Flüchtlinge aus Europa erhalten dort Asyl, ein Gesetz noch aus der Zeit des zweiten Weltkriegs. Asylsuchende aus anderen Ländern werden über ein spezielles UN-Programm in einem Drittland angesiedelt, meist in Europa oder Nordamerika. Allerdings übersteigt die Zahl der Bewerber bei Weitem die Zahl der Plätze. Die meisten Flüchtlinge in der Türkei verharren daher über Jahre in einem Schwebezustand aus Ausbeutung und Schwarzarbeit. Muhammed ist wütend, dass auch nach drei Jahren Krieg in Syrien noch keine Lösung für die vielen Flüchtlinge gefunden wurde.

"Wo sind die Menschenrechte, wo ist die UN? Es gibt keine Menschrechte, das ist alles eine Lüge. Niemand kümmert sich. Obama, Merkel, Putin oder Erdogan hier, alle reden nur: Wir werden.... Wir werden... Wir werden das machen und jenes machen.

Schert sich vielleicht niemand um uns, weil wir Muslime sind? Es tut mir leid, das zu sagen, aber die Europäer und Amerikaner sind doch froh, denn die Terroristen von dort sind alle nach Syrien gegangen. Und da sterben jeden Tag 100, 200 unschuldige Menschen."

Muhammed will versuchen, zu seinem Bruder zu reisen, der in Berlin lebt. Auch er ist vor gut einem Jahr aus Syrien geflohen.

Immer wieder Flucht

"Er hat einem Schleuser 1500 Euro bezahlt und ist mit einem Boot über den Grenzfluss nach Griechenland gebracht worden. Dort hat er sich einen falschen Pass besorgt, einen norwegischen, damit ist er abgefangen worden. Dann hat er es mit einem schwedischen Pass versucht, ist wieder abgefangen worden, und mit einem italienischen Pass hat er es dann nach Deutschland geschafft. Ich werde es genauso versuchen, über Griechenland oder Bulgarien. Aber inzwischen kostet das sechs bis siebentausend Euro."

Der illegale Landweg in die EU führt durch Edirne, über 200 Kilometer nordwestlich von Istanbul gelegen, eine gemütliche Stadt mit griechisch anmutender Architektur. Ohne die beeindruckende große Moschee aus der Zeit des Osmanischen Reiches im Stadtzentrum könnte man sich bereits im Nachbarland wähnen. Die Grenzen zu den EU-Staaten Griechenland und Bulgarien liegen keine zehn Kilometer entfernt. In Edirne sammeln sich die Flüchtlinge, die versuchen, in die EU zu gelangen. Die meisten sind Syrer.

Der 22-jährige Ahmed aus Damaskus ist seit neun Monaten hier: Mit seiner Mutter und vier Brüdern hat er ein kleines altes Haus am Stadtrand bezogen. Außen bröckelt der Putz von den Wänden. Innen haben die Brüder versucht, es so wohnlich wie möglich zu gestalten. Ahmed sitzt im Wohnzimmer auf einer alten lilafarbenen Sofagarnitur, die Nachbarn gespendet haben. Nachts dient sie zum Schlafen. Er trägt einen neuen schwarz-roten Trainingsanzug. Auch seine Brüder sind modern gekleidet, in Sporthosen und T-Shirts, der Jüngste ist 17, der Älteste 29. Der Art wie Ahmed redet merkt man an, dass er gebildet ist. Er hat Medizin studiert, die Mutter ist Hebamme, einer der Brüder Architekt. Sie sind Palästinenser und lebten seit drei Generationen in Damaskus. Nach dem israelischen Unahängigkeitskrieg 1948 hatte Syrien Hunderttausende Palästinenser aufgenommen. Nun musste die Familie erneut fliehen, nachdem ihr Haus von einer Granate zerstört wurde. Der Vater, der zu der Zeit allein daheim war, starb bei dem Angriff.

Auf einem abgewetzten Teppich mit Persermuster breiten die Brüder eine Decke aus und stellen dampfende Töpfe mit Bulgur und Hühnchen darauf. Die Töpfe sind ruck zuck leergegessen. Die Familie hat bereits mehr als zwanzig Mal versucht, die Grenze nach Bulgarien zu überwinden. Jedes Mal wurde sie gefasst und zurückgeschickt, sagt Ahmed.

"Die längste Zeit, die wir in Bulgarien verbracht haben, waren vier Tage. Zwei Tage sind wir von der Grenze aus zu Fuß gelaufen. Dann hat uns eine bulgarische Familie für zwei Tage aufgenommen. Sie haben uns versorgt und dann die Polizei gerufen, damit sie uns ins Flüchtlingslager bringen. Die Polizisten sagten immer wieder: 'Camp, Camp.' Aber stattdessen sind sie zurück zur Grenze gefahren und haben uns den Türken übergeben. Jedes Mal, wenn die bulgarische Polizei uns erwischt hat, haben sie uns geschlagen. Einmal haben sie meiner Mutter das Bein gebrochen. Türkische Polizisten haben sie anschließend in ein Krankenhaus hier in Edirne gebracht, wo das Bein dann eingegipst wurde. Uns bleiben noch 26 Tage, die wir dieses Haus gemietet haben, dann haben wir kein Geld mehr und stehen auf der Straße."

Die Mutter, eine mollige, resolute Frau Anfang fünfzig, die trotz der misslichen Lage viel lacht, hat bisher geschwiegen und ihrem Sohn das Reden überlassen. Aber nun kann sie nicht mehr an sich halten.

Die Rückführung verstößt gegen EU-Recht

"Warum diese Gewalt? Sie bringen uns zurück in die Türkei, aber warum müssen sie uns schlagen? Als ich etwas trinken wollte, hat mir einer die Flasche aus der Hand gehauen. Sie haben meinen jüngsten Sohn geschlagen und ihm eine Pistole an den Kopf gehalten. Sie kennen kein Mitleid. Ich hab es so satt."

Ganz abgesehen von der Gewalt: Allein die Rückführung in die Türkei ist nach EU-Recht illegal. Wenn ein Flüchtling in einem EU-Land aufgegriffen wird, muss er dort zunächst registriert werden und sein Anspruch auf Asyl muss geprüft werden, und zwar einzeln. So lange darf er nicht abgeschoben werden.

Eines ist paradox: Hat ein Syrer es erst nach Deutschland geschafft, wird sein Asylantrag in 95 Prozent der Fälle anerkannt. Doch an ihren Außengrenzen tut die Europäische Union alles, um die Menschen abzuwehren. Fast jeder Flüchtling in Edirne kann von den so genannten Push-Backs berichten, also der völkerrechtswidrigen Zurückweisung von Flüchtlingen. Ahmeds Familie hat einen weiteren Syrer namens Muhammed bei sich aufgenommen. Er hat kürzlich versucht, durch den Grenzfluss nahe Edirne nach Griechenland zu gelangen und wurde ebenfalls gefasst. Er sagt, die Grenzsoldaten, die ihn zurückbrachten, seien Deutsche gewesen.

"Sie schlagen die Leute und bringen sie zurück in die Türkei. Das sind Kommandos aus Deutschland. Die EU schickt sie an die Grenze. Sie haben ein Abzeichen, auf dem 'Deutschland' steht und eine Flagge."

Seine Beschreibungen und auch die anderer Flüchtlinge, die Push-Backs erlebt haben, lassen darauf schließen, dass es sich um Mitglieder der EU-Grenzschutzbehörde Frontex handeln könnte. Frontex-Personal wird in gemeinsamen Operationen mit nationalen Grenzschützern an den Außengrenzen der EU eingesetzt. Auf Anfrage bei Frontex bestreitet die Pressesprecherin, dass ihre Mitarbeiter an Push-Backs beteiligt sein könnten und verweist auf die nationalen Kräfte aus Bulgarien und Griechenland. Sie bestätigt jedoch, dass Frontex häufig Deutsche an den Grenzen zur Türkei einsetzt. Ahmed will sich von den Push-Backs nicht entmutigen lassen und es weiter versuchen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Beim nächsten Mal will er allein gehen und die Familie nachholen, sobald er kann.

"Ich habe ein Recht auf Asyl, ich habe mein Land verloren, meinen Vater, und mein Haus. Soll ich vielleicht zurück nach Syrien gehen? Und nenn mir mal ein arabisches Land, dass uns aufnehmen würde. Warum können wir nicht in Bulgarien Asyl bekommen? Wir haben ein Recht darauf."

 

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