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Religionen / Archiv | Beitrag vom 07.06.2014

BürgerkriegFrieden schaffen – mit oder ohne Religion?

Die Bedeutung konfessioneller Unterschiede in der Arbeit mit syrischen Jugendlichen

Von Anne Françoise Weber

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Flüchtlingskinder aus Syrien, die in der Provinz Antakya untergebracht sind. (picture alliance / dpa)
Flüchtlingskinder aus Syrien, die in der Provinz Antakya untergebracht sind. (picture alliance / dpa)

In der vergangenen Woche wurde Syriens Präsident Assad in seinem Amt bestätigt, doch der Bürgerkrieg geht weiter und humanitäre Organisationen setzen ihre Arbeit fort. Ein Beitrag darüber, welche Rolle religöse Unterschiede in der Friedensarbeit spielen sollten.

Die Videoaufnahmen zeigen einen Konferenzraum irgendwo in der Türkei. Junge Syrer reden, albern herum und stimmen schließlich ein Lied an – für die Freiheit und gegen Syriens Präsident Bashar al-Assad.

Kurze Zeit später sind sie alle wieder in eine ernste Diskussion vertieft. Einer der Teilnehmer erklärt:

"Ich habe mich in die Familie eines Opfers hineinversetzt. Mein Vater wurde getötet, oder mein Bruder gefoltert, oder ich selbst. Vielleicht versöhne ich mich mit dem Mörder, weil ich schwach bin, weil ich arm bin, weil ich erschöpft bin, überdrüssig von diesem langen Morden. Aber das hält nicht ewig, denn ich bin nicht mit mir selbst versöhnt. Auch wenn ich mich vor den Leuten mit dem Mörder versöhnt habe."

Gerechtigkeit, Aufarbeitung und Versöhnung sind nur einige der schwierigen Konzepte, mit denen sich die jungen Leute beschäftigen. Für sie sind diese Fragen erschreckend konkret, die Beispiele furchtbar bekannt: Sie sind alle nur für ein kurzes Training der Organisation Bada'il – zu deutsch "Alternativen" - in die Türkei gekommen. Danach fahren sie zurück nach Syrien, in die von den Aufständischen gehaltenen Gebiete, und versuchen, in Aktionen und eigenen Trainings etwas davon weiterzugeben. Die Projektverantwortliche Oula Ramadan zeigt die Videoaufnahmen des Trainings auf ihrem Computer und erklärt:

"Das Misstrauen in der syrischen Gesellschaft ist momentan ein großes Problem. Es ist eines der Themen, an denen wir in unserem Projekt arbeiten, indem wir versuchen, verschiedene Gruppen aus der Zivilgesellschaft in der Friedensarbeit zusammenzubringen und Vertrauen zu schaffen. Ein gutes Beispiel: 80 Leute unserer Zielgruppe haben ein Training für Gewaltfreiheit in der Region von Idlib besucht. Sie haben alle zusammen gearbeitet und eine gemeinsame Kampagne gestartet, damit bewaffnete Gruppen ihre Waffen nicht ständig mit sich herumtragen, sondern nur im Gefecht benutzen. Einer der Sprüche wurde zum Beispiel an den Eingang eines Krankenhauses gehängt: Besucht euren Patient mit Blumen, nicht mit Waffen."

Erklären, worum es eigentlich geht

Die Arbeit von Bada'il wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt. Neben der Ausbildung von Trainern geht es auch darum, den Konflikt in Syrien besser zu verstehen und der betroffenen Bevölkerung zu vermitteln, worum es eigentlich geht – denn längst haben sich über die ursprüngliche Konfrontation zwischen dem Regime von Präsident Assad und den Revolutionären andere, internationale und lokale Konflikte gelegt.

Oula Ramadan ist es wichtig, das Ganze nicht als einen Krieg zwischen der Glaubensgemeinschaft der Alawiten, der Präsident Assad angehört, und anderen Religionsgruppen zu sehen – selbst wenn das Regime es so darstellt und sich als Beschützer der Minderheiten gegen extremistische Sunniten präsentiert. In den Trainings von Bada'il steht Religion nicht auf dem Programm – aber Oula Ramadan kann schon verstehen, warum andere Organisationen stärker darauf abheben:

"Wenn man eine religiöse Person vor sich hat, muss man diesen religiösen Ansatz wählen. Nichtreligiöse Menschen dahin zu bringen, ist problematisch. Aber weil Leute viel über das Thema reden, bringt dich das immer wieder zu der Frage, wer du bist. Manchmal passiert das sogar Atheisten, die sich nie um Religion gekümmert haben. Denn es geht nicht um die Religion selbst, sondern es ist Teil deiner Identität, wo du aufwächst. Es geht darum, was du gelernt hast, in welcher Gemeinschaft, mit welchen Leuten du zusammen gelebt hast. Ich finde es manchmal riskant, das zu diskutieren, aber es scheint nötig. Ich hoffe, es wird nicht so weit kommen wie im Libanon, wo man ins Sammeltaxi steigt und die Leute fragen, wo man her kommt, um zu erraten, welcher Religion oder welcher Konfession man angehört."

Maroniten, Griechisch-Orthodoxe, Sunniten und Alawiten

Tatsächlich ist im Libanon auch über 20 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs das Zusammenleben der zahlreichen christlichen und muslimischen Konfessionen immer noch ein großes Thema. Im Norden des Landes, dort wo besonders viele syrische Flüchtlinge stranden, wohnen christliche Maroniten und Griechisch-Orthodoxe sowie muslimische Sunniten und Alawiten nah beieinander. Doch die Grenzen bleiben spürbar, auch für Friedrich Bokern von der Organisation Relief and Reconciliation for Syria.

Knapp zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt hat die Organisation ein Friedenszentrum eröffnet, in dem vor allem jugendliche Flüchtlinge Unterstützung und Schulbildung erhalten sollen. Ganz anders als Bada'il versucht Bokerns Organisation, Friedensarbeit und humanitäre Hilfe gerade unter Einbindung der Religionsführer zu leisten. Die lokalen spirituellen Oberhäupter sind Teil des Steuerungsausschusses für das Friedenszentrum. Sie wurden im vergangenen Jahr im Ramadan zu einem gemeinsamen Fastenbrechen eingeladen.

"Es war zum ersten Mal, dass hier in dieser Gegend Sunniten und Alawiten gemeinsam gebetet haben erstens und in Gegenwart der beiden christlichen Bischöfe danach das Fasten gebrochen haben. Das war schon ein schönes Erlebnis, was durchaus mit Spannung geladen war. Als der alawitische Scheich, und die Alawiten sind eben die muslimische Konfession, die mit dem syrischen Regime assoziiert wird, gesprochen hat, wurde er natürlich etwas politisch und hat Widerspruch aus dem Raum bekommen, und hat sehr gut reagiert. Ich meine der Raum war gefüllt mit 180 Flüchtlingen, zum Teil schwer verletzte Kämpfer der Freien Syrischen Armee. Und am Ende, trotz des Widerspruchs, trotz der Kontroverse, standen alle auf und gaben standing ovations. Da ist mir auch ein Stein vom Herzen gefallen, denn in dem Moment dachte man schon: huch, jetzt wird es ernst."

Intolerante Haltung auch in den Flüchtlingslagern

Einer der syrischen Religionsgelehrten, mit denen Relief and Reconcilation zusammenarbeitet, ist der sunnitische Sheikh Abduh, der selbst vor einiger Zeit aus dem schwer umkämpften Dorf Quseir geflohen ist. Ähnlich wie Oula Ramadan von Bada'il hält er die erstarkenden Spannungen zwischen den Konfessionsgemeinschaften in Syrien für ein Instrument des Regimes – früher habe es das nicht gegeben, jetzt breite sich die intolerante Haltung auch in den Flüchtlingslagern aus.

"Das größte Problem heute ist die Unwissenheit. Wenn die Kinder heute in den Flüchtlingslagern keine Schulbildung bekommen und nichts über die Wahrheit des Islam erfahren und lernen, wie diese Religion sich zu anderen Religionsgemeinschaften stellt, dann werden sie in Zukunft unwissend sein, und vielleicht auch extremistisch. Wir können den Extremismus nur durch Wissen bekämpfen. Die Kinder müssen lernen, dass ihnen der islamische Glaube nicht befiehlt und nicht erlaubt, ihren christlichen, alawitischen oder schiitischen Bruder zu töten. Das wird von allen Organisationen völlig vernachlässigt, die im Bereich der Schulbildung arbeiten."

Im nahe gelegenen Flüchtlingslager ist mithilfe von Relief and Reconciliation eine kleine Schule entstanden – auch Religion wird hier unterrichtet. Das Konzept der Camp-Schule soll jetzt mit Unterstützung der UN auf andere Flüchtlingslager im Libanon ausgedehnt werden. Doch für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen ist klar: Religion gehört hier nicht auf den Stundenplan. Die Mitarbeiter von Relief and Reconciliation denken deswegen darüber nach, Religionsunterricht außerhalb der Regelstunden anzubieten – denn für sie ist er wichtiger Teil ihrer Friedensarbeit.

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