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Rang I | Beitrag vom 31.08.2019

Bürgerbühne Dresden mit neuer LeitungNoch näher am Leben

Tobias Rausch im Gespräch mit Janis El-Bira

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T(SCH)OLL WAR’S! Das Staatsschauspiel Dresden verabschiedet sich mit Konfetti von der Leiterin der Bürgerbühne Miriam Tscholl. Ferner auf dem Bild: Philipp Lux, Christiane Lehmann und der neuer Leiter Tobias Rausch. (Sebastian Hoppe)
T(sch)oll war's! Das Staatsschauspiel Dresden verabschiedet die Gründerin der Bürgerbühne Miriam Tscholl (l.), ihr Nachfolger Tobias Rausch bekommt das Konfetti ab. (Sebastian Hoppe)

Neuanfang an der Bürgerbühne am Dresdner Staatsschauspiel: Der Regisseur Tobias Rausch übernimmt von der bisherigen Leiterin Miriam Tscholl. Er will nach neuen Formen suchen, wie man den Bürgerinnen und Bürgern im Theater das Wort geben kann.

Die Bürgerbühne am Dresdner Staatsschauspiel gilt als Trendsetterin für professionelles Theater mit Laien. Seit zehn Jahren schon werden hier Modelle entwickelt, wie eine Theaterbühne städtischer Begegnungsraum und Ort der Kunst zugleich sein könnte. Von, mit und für die Bürger Dresdens.

Nachfolger von Gründerin Miriam Tscholl

Und nun steht an der Bürgerbühne ein Neuanfang an. Der Regisseur Tobias Rausch, der als Experte für dokumentarische Theaterformen gilt, wird mit Beginn dieser Spielzeit die Nachfolge der Gründerin Miriam Tscholl übernehmen. Und die erste kleine Änderung sieht man auch direkt im Namen, denn zwischen "Bürger" und "Bühne" prangt jetzt ein modischer Doppelpunkt. Wofür er steht, erklärt Tobias Rausch im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur folgendermaßen:

"Der Doppelpunkt, das ist immer ein Zeichen, wonach jemand anfängt zu sprechen. Man gibt jemandem das Wort. Das ist für uns das Motto der Bürgerbühne: Jetzt haben die Bürgerinnen und Bürger das Wort. Das war auch unter Miriam Tscholl schon so. Wir suchen jetzt auch nach neuen Formen, wie man den Bürgerinnen und Bürgern das Wort geben kann. Das muss auch nicht unbedingt das gesprochene Wort sein, sondern auch das Wort, das der Körper gibt."

Das Bedürfnis, selbst vorzukommen

Mit der Bürgerbühne, die in den vergangenen zehn Jahren europaweit Vorbild für zahlreiche ähnliche Projekte war, sieht Tobias Rausch eine der Grundsatzfragen des Theaters angesprochen:

"Ich glaube, es ist grundsätzlich die Frage an das Theater, vor allen Dingen an die Stadttheater in Deutschland, in welcher Art und Weise sie in die Stadtgesellschaft, in unsere Demokratie, eingebunden sind. Und vor allem umgekehrt auch, wie die Bürgerinnen und Bürger eingebunden sind in die Theater. Mein Eindruck ist, dass es eben nicht mehr nur genügt zu sagen: 'Wir machen Aufführungen, kommt und schaut es euch an.' Sondern es gibt, glaube ich, ein sehr großes Bedürfnis danach, selbst gehört zu werden, selbst vorzukommen. Das ist, glaube ich, die große Qualität von Bürgerbühnen, dass dort eben die Geschichten, die Stoffe und auch die Menschen in Erscheinung treten, die ganz nah am Leben dran sind."

Wichtigere Themen als die Migrationsdebatte

Deshalb gehört es auch zu Rauschs Konzept der Bürgerbühne, dass die Laien nicht mehr nur als Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne stehen, sondern auch als Recherchierende oder sogar als Dramaturgen von Anfang an in die Projekte mit eingebunden werden. "Bürgerdramaturgie" nennt er das.

Tobias Rausch (picture alliance/dpa/Bernd Wüstneck)Kennt die Bürgerbühne bereits aus Rostock: Tobias Rausch. (picture alliance/dpa/Bernd Wüstneck)

Tobias Rausch hofft, dass auf diese Weise langfristig auch die tiefen Gräben, die sich gerade durch eine Stadt wie Dresden ziehen, auf der Bürgerbühne überbrückt werden können:

"Mit Rechten reden? Die Gefahr ist immer, dass man der Agenda der Rechten, dem Framing, der Themensetzung aufsitzt und immer hinterherläuft. Deswegen ist es, glaube ich, wichtig zu sagen: Wir setzen andere Themen. Dann kann es natürlich auch sein, dass in einer Inszenierung jemand als Mitwirkender dabei ist, der vielleicht die AfD wählt. Wir fragen nicht eine politische Gesinnung ab, bevor die Leute bei uns mitmachen. Aber das heißt nicht, dass man sich in einem anderen Kontext vielleicht trotzdem begegnen kann und man dann feststellt: Okay, vielleicht fällt unsere Gesellschaft doch nicht auseinander, wenn wir uns darauf besinnen, dass es wichtigere Themen gibt als die Migrationsdebatte."

Erste Premiere an der Bürgerbühne unter Leitung von Tobias Rausch ist am 15. September die Inszenierung "Schuldenmädchen-Report" in der Regie von Vanessa Stern.

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