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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.03.2017

Bühnenstück über US-PräsidentenTheater Dortmund seziert das Phänomen "Trump"

Von Stefan Keim

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Die Schauspieler Bettina Lieder und Andreas Beck bei "The Trump Card" in Dortmund. (picture alliance/Birgit Hupfeld/Theater Dortmund/dpa)
Die Schauspieler Bettina Lieder und Andreas Beck bei "The Trump Card" in Dortmund. (picture alliance/Birgit Hupfeld/Theater Dortmund/dpa)

Kabarett, Gruselgroteske und Plädoyer gegen das Wegsehen: Das Theater Dortmund zeigt das Bühnenstück "Trump" des US-Autors Mike Daisey als deutschsprachige Erstaufführung. Der Abend wird ständig aktualisiert: Was in den Nachrichten kommt, fließt in die Inszenierung ein.

Trump? Och nee. Oder wie die Schauspielerin Bettina Lieder sagt: "Ich möchte so einem Arschloch einfach nicht zuhören." Da gibt es nur ein Problem, wendet ihr Kollege Andreas Beck ein: "Vor ein paar Jahrzehnten gab es hier auch Leute, die sagten, ich will dem nicht zu hören, mit seinem unmöglichen Seitenscheitel und dieser Rotzbremse". Die beiden einigen sich: Es besteht die große Gefahr, dass sich alle an Trump gewöhnen. An den mächtigsten Betrüger der Welt.

Der US-Amerikaner Mike Daisey ist Aktivist, Autor und Perfomer. Wenn er seine  Stücke spielt, sitzt er hinter einem Schreibtisch und nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Republikaner sind für ihn "fucking assholes", die nicht über Trump diskutieren sondern ihn einfach abknallen sollen. Diese Passage fehlt in der deutschen Fassung, die Anne-Kathrin Schulz und Matthias Seier geschrieben haben. Was nachvollziehbar ist, denn hier begibt sich Daisey auf das gleiche Level wie sein Hassobjekt.

Trumps Lehrmeister war Kommunistenjäger unter McCarthy

Daisey hat schon über Trump recherchiert, als er noch nicht Präsidentschaftskandidat war. Er hat sich in seine Lebensgeschichte hinein gewühlt, wie er es vorher schon unter anderem mit Steve Jobs und dem Konzern Apple getan hat. "Agonie und Ekstase Steve Jobs" war Daiseys größter Erfolg. Vor "Trump". Nun erzählt er über den aus Deutschland eingewanderten Vater des heutigen Präsidenten, Fred Trump. Der hat sich zum Multimillionär hochgearbeitet, durch – so Daisey – Geiz und Betrug. Er hat zum Beispiel sogar die Nägel doppelt verwertet. "Und dann sind sie" – Andreas Beck sucht nach dem richtigen Fachbegriff und findet ihn – "einfach kacke."

Trump wurde trumpesk, als er den Anwalt Roy Cohn engagierte. Der war damals berühmt, weil er in den Fünfzigerjahren zusammen mit dem berüchtigten Senator Joseph McCarthy Kommunisten jagte. Cohn brachte Trump bei, bei aussichtlosen Prozessen waghalsige Behauptungen aufzustellen und riesigen Medientrubel zu veranstalten. All diese Geschichten erzählen die  beiden Schauspieler im direkten Kontakt mit dem Publikum. Die Zuschauer stehen an Biertischen, auf denen US-Fähnchen und Salzstangen platziert sind. Wer will, kann sich am Beginn des Abends einen Hot Dog holen. Bettina Lieder und Andreas Beck verlassen oft ihre kleine Bühne, laufen zwischen den Besuchern herum, sprechen einige direkt an, binden andere sogar in kleine Szenen ein.

Plädoyer gegen das Wegsehen

Der Abend soll ständig aktualisiert werden. Was in den Nachrichten kommt, fließt direkt in die Inszenierung von Marcus Lobbes ein. Die beiden Schauspieler haben eine große Selbstständigkeit, sie improvisieren, diskutieren, finden wieder zum Grundtext zurück. Eine Gratwanderung zwischen Kabarett und Gruselgroteske.  Wie soll man sich auch sonst mit Trump auseinandersetzen? Mit Donald Trump, der wirklich US-Präsident ist. Die Aufführung will dafür plädieren, trotz aller Irritationen den Kopf nicht nur zum Schütteln zu verwenden.

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