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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.02.2014

BühneStringente Filmerzählung

Peter Handkes "Wunschloses Unglück" im Kasino des Wiener Burgtheaters

Von Christoph Leibold

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Der Schriftsteller Peter Handke (picture alliance / dpa / Hans Klaus Techt)
Der Schriftsteller Peter Handke (picture alliance / dpa / Hans Klaus Techt)

Die Regisseurin Katie Mitchell inszeniert das Stück "Wunschloses Unglück" von Peter Handke als minutiöse Beobachtung. Ihre Arbeit ist eine Art live-produzierter Spielfilm - in perfekter Einheit von Bild und Ton.

Es gibt Unglück, das so unverrückbar ist, dass jeder Wunsch nach Veränderung zwecklos erscheint. Von solch wunschlosem Unglück erzählt Peter Handke. Es ist die Geschichte seiner Mutter. Hineingeboren im frühen 20. Jahrhundert in eine ländliche Gesellschaft, die Frauen die Entfaltung ihrer Talente und Träume rigoros verwehrte, blieb ihr nur der Freitod, der hier seinen Namen einmal verdient hat: tatsächlich ein Akt der Befreiung, allerdings auch die einzig autonome Handlung am Ende eines fremdbestimmten Lebens.

Katie Mitchell zeigt diesen Selbstmord in aller Ausführlichkeit, lässt die Schauspielerin Dorothee Hartinger in der Rolle der Mutter langsam den tödlichen Tabletten-Cocktail austrinken; beobachtet wie sie den Hausmantel ordentlich in den Kleiderschrank hängt, um sich schließlich mit gefalteten Händen aufs Bett zu legen, nicht ohne sich zuvor eine Kinnbinde umgeschnürt zu haben, damit sie das Schlafmittel nicht erbricht. In dieser minutiösen Beobachtung erinnert "Wunschloses Unglück" an die Inszenierung, mit der Katie Mitchell im deutschsprachigen Raum vor einigen Jahren berühmt wurde: "Wunschkonzert" von Franz Xaver Kroetz.

Auch darin geht es um den Selbstmord einer Frau, vor allem aber führte die englische Regisseurin damit erstmals den Inszenierungsstil vor, der mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden ist: Mitchell-Arbeiten, das sind meist Live-produzierte Spielfilme - so auch an diesem Abend im Kasino am Schwarzeberplatz, einer Nebenspielstätte des Wiener Burgtheaters.

Handwerkliche Könnerschaft

Unter einer Kinoleinwand sieht man ein Film-Set: eine altmodische Einbauküche, schmucklose Wohn- und Schlafräume. Die darin agierenden Schauspieler, darunter Dorothee Hartinger als verhärmte Hausfrau und Handke-Mutter und Daniel Sträßer als Dichter-Double mit 70er-Jahre Schnauzer und verzweiflungsschreck-geweiteten Augen hinter getönter Brille, werden von mehreren Kameraleuten umschwirrt, die ihre Verrichtungen abfilmen, mal in der Totalen, mal in Close-Ups.

Hinter Glas in einem Studio rechts ist außerdem eine Geräusche-Macherin postiert. Rührt ein Darsteller in einer Tasse, tut sie es ihm gleich und produziert so den entsprechenden Sound. Genauso macht sie es mit dem Öffnen von Schubladen, Anknipsen von Lichtschaltern und so weiter. Ganz links schließlich, ebenfalls in einem Studio: zwei weitere Schauspieler, die Texte aus Handkes Erzählung sprechen.

Und über allem, auf der Leinwand und aus Lautsprecherboxen: der komplette Film als perfekte Einheit aus Bild und Ton. Oben Großes Kino, unten das Making-of. Dafür müssen alle liefern: die Schauspieler die Gefühle, die Kameraleute die Bilder, die Geräuschemacherin die Tonspur. Erfüllungsgehilfen eines Regiemasterplans, der vorgibt, Handkes tastende Erzählweise in eine adäquate Bühnenform zu übersetzen: So wie Handke aus Gedankensplittern eine schlüssige Lebensgeschichte zusammen zu puzzeln versucht, montiert Mitchell aus Einzelelementen eine stringente Filmerzählung. Doch während sich bei Handke darin Zweifel ausdrückt, weil Biografien nur Konstrukte und somit fragwürdig sind, stellt Mitchell vor allem ihre über jeden Zweifel erhabene handwerkliche Könnerschaft aus.

Verbunden mit den in Großaufnahmen überdeutlich ausgestellten Emotionen der Figuren, die durch gefühlskraftverstärkende Filmmusik noch unterstrichen wird, verrät dieser Theaterabend einen Willen zur Wirkung, der an Gefallsucht grenzt. Man kann Katie Mitchells virtuoser Effektsicherheit die Bewunderung tatsächlich nicht rundweg versagen. Und doch: Man erkennt die Absicht, und ist verstimmt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Mitchells Kunstfertigkeit davon ablenkt, dass die Geschichte, die sie erzählt, mit der Gegenwart nicht mehr viel zu tun hat.

Ihre Filmbastelarbeit ist auch Rekonstruktion von Vergangenem. Trotz allem, was es für die Frauenbewegung noch zu tun gibt: In derart wunschlosem Unglück sind Frauen heute - zumindest in unserer Gesellschaft - kaum mehr gefangen.

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