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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.01.2014

Bühne"Einer der interessantesten wiederaufgetauchten Nachlässe"

Archiv des legendären Theaterdirektors Iffland entdeckt

Conrad Wiedemann im Gespräch mit Susanne Führer

Zeitgenössische Darstellung des deutschen Schriftstellers und Dramatikers August Wilhelm Iffland (1777-1814). (picture-alliance / dpa / Bifab)
Zeitgenössische Darstellung des deutschen Schriftstellers und Dramatikers August Wilhelm Iffland (picture-alliance / dpa / Bifab)

Als eine Sensation bezeichnet Literaturwissenschaftler Conrad Wiedemann die Wiederentdeckung des Korrespondenzarchivs des Theaterdirektors August Wilhelm Iffland (1759-1814) im Antiquariatshandel. Ob der Nachlass öffentlicher oder privater Besitz ist, bleibt zu klären.

Susanne Führer: August Wilhelm Iffland lebte von 1759 bis 1814 und war schon zu Lebzeiten eine Legende. Denn er war Schauspieler, einer der berühmtesten seiner Zeit, er war Autor, Regisseur und 18 Jahre lang Intendant des Königlichen Nationaltheaters. Und in all diesen Funktionen hat er viele, viele Briefe geschrieben und erhalten, die galten jahrzehntelang als verschollen, sind aber nun wieder aufgetaucht in einem Katalog für eine Antiquariatsmesse. Professor Conrad Wiedemann hat zehn Jahre lang an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften das Forschungsprojekt Berliner Klassik geleitet und ist hier nun zu Gast im Studio. Herzlich willkommen, Herr Wiedemann!

Conrad Wiedemann: Danke!

Führer: Ja, die Rede ist hier von 7.000 Briefen in 34 Bänden. Bevor wir auf diese verwickelte Eigentumsgeschichte kommen, Herr Wiedemann, die Frage, welchen Wert hätte dieser Nachlass für die Forschung?

Wiedemann: Es ist wirklich so, wie die Zeitungen heute schreiben, es ist eine Sensation und es ist sicher eine der interessantesten wiederaufgetauchten Nachlässe nach dem Kriege, denn es gab ja mehrere, die weg waren, auch die, die verlorengegangen sind. Und ich würde ihn so hoch einschätzen wie den vor zehn Jahren aus Kiew zurückgekehrten Archivnachlass der Singakademie von Berlin, der einer der wichtigsten Musiknachlässe Deutschlands und Europas ist.

Führer: Warum, was ist da genauer enthalten in diesem Iffland-Nachlass?

Wiedemann: Der Nachlass betrifft nicht das Gesamtleben von Iffland. Der Nachlass betrifft nur seine Berliner Zeit, als er das erste deutsche Großstadttheater aufbaute mit einem großstädtischen Publikum, also mit vier verschiedenen Schichten, von den Schiller-Festspielen …

Führer: Das Königliche Nationaltheater.

Wiedemann: … bis zum Donauweibchen, also bis zu operettenartigen Stücken. Und er hatte großen Erfolg. Das Theater hatte 2.000 Plätze, spielte jeden Tag, und es gab so was bereits wie Szenenzeichnungen, die dann verkauft wurden, und es gab, ja, alles andere, was zum modernen Theater gehört, zum Beispiel die tägliche Kritik, die es heute nicht mehr gibt, aber die es damals gab. Und es gab ein unerhört leidenschaftliches Publikum, aus allen Schichten. Und …

Führer: Das Kino seiner Zeit sozusagen.

Wiedemann: So könnte man es sagen, ja. Der Inhalt sind 6.000 Briefe an ihn. Das war damals ein Problem, damals hat man Briefe noch nicht archiviert, jedenfalls viele Einzelempfänger von Briefen, also, er hat es getan. Und etwa 1.000 Antwortentwürfe, 1.000 Antwortentwürfe. Das ist alles sehr selten, so was. Das herauszugeben, zu sichten, zu ordnen, auszuwerten, kostet zehn Jahre. Das ist die Arbeit einer Forschungsgruppe. Und diese Forschungsgruppe oder diese Forschungsstelle existiert schon seit längerer Zeit an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, nämlich in dem von Ihnen genannten Forschungsprojekt, in dem von Ihnen genannten Forschungsprojekt, in dem einer der Mitarbeiter, nämlich Dr. Klaus Gerlach, das Iffland-Theater rekonstruiert hat und fünf Bücher darüber veröffentlicht hat bisher und auch 5.000 Theaterzettel, das sind die damaligen Programme, ins Netz gestellt hat. Also, jeder Hörer kann sich informieren, kann schauen, was täglich an diesem Theater gespielt worden ist, er muss nur das richtige Link aufrufen.

Führer: Also, wenn dieser Nachlass der Wissenschaft dann mal zur Verfügung stünde, dann wäre das sozusagen theaterhistorisch, kulturpolitikhistorisch gesehen ein sensationeller Fund!

Wiedemann: Genau. Bisher war unsere Arbeit oder die Arbeit von Dr. Gerlach auf einer schmalen Quellenbasis, weil eben der Nachlass weg war, die Akten und die Briefe, die Akten, die Korrespondenz. Aber jetzt geht gewissermaßen die zweite Phase los, jetzt können wir noch mal neu ansetzen und können ganz andere Fragen an den Gegenstand stellen!

"Der Nachlass stammt ja aus einer Sammlung Fetting"

Führer: Da gucken wir jetzt mal. Denn also, war weg, also seit Jahrzehnten, so seit dem Zweiten Weltkrieg, und jetzt sind die eben ganz plötzlich in einem Katalog zur Ludwigsburger Antiquariatsmesse aufgetaucht! Diese Antiquariatsmesse wird in gut zwei Wochen stattfinden. Und ein Wiener Antiquariat annonciert darin diesen Nachlass Ifflands für 450.000 Euro. Man fragt sich ja, wie ist nun das Antiquariat an diesen Nachlass gekommen, der jahrzehntelang als verschollen galt?

Wiedemann: Also, der Nachlass stammt ja aus einer Sammlung Fetting. Wer Fetting ist, wissen die Fachleute. Fetting war ein Theaterwissenschaftler, der viel publiziert hat, vor allen Dingen über das Berliner Theater, und auch eine Doktorarbeit geschrieben hat über das Iffland-Theater.

Führer: Hugo Fetting, heute 90.

Wiedemann: Über 90, ja, über 90. Und der hat das, wie er selber sagt – denn er wird heute natürlich darüber befragt –, aus den Trümmern geborgen oder, wie er sagt, gerettet. Das glauben viele nicht, aber vielleicht ist es doch nicht ganz unsinnig, diese Formulierung.

Führer: Also, er hat es durch Zufall gefunden?

Wiedemann: Wir müssen uns klarmachen, späte 40er-Jahre oder 50, ungefähr um 50 herum, Berlin liegt in Trümmern, irgendwelche alte Museen werden abgerissen, weil sie nicht mehr aufgebaut werden und so weiter, die Sachen werden hin- und hertransportiert und, nun ja. So sind sie zu Herrn Fetting gekommen, einem Wissenschaftler oder einem Gelehrten und später Angestellten der Akademie der Künste – 30 oder 25 Jahre war er da –, der sie an sich genommen hat und sie für seine Doktorarbeit später ausgewertet hat in den 70er-Jahren erst.

Führer: Aber immer bei sich behalten hat, also in seiner Privatwohnung!

Wiedemann: Natürlich.

Führer: Nicht der Akademie gegeben hat!

Wiedemann: Die Einwände, die in der Tageszeitung geäußert werden, heißen, Rettung heißt nicht, dass man in Besitz der Sache gerät!

Führer: Also, Hugo Fetting hat, sagt er selbst, das gefunden, gerettet vor Zerstörung und hat es dann jetzt, Jahrzehnte später, an das Wiener Antiquariat verkauft.

Wiedemann: Ja.

Führer: Nun ist ja die spannende Frage: War er denn jemals der rechtmäßige Eigentümer? Also, kann man Eigentum erwerben durch Ersitzen, indem man 50 Jahre lang einfach drauf sitzt?

Wiedemann: Das ist die komplizierte Frage.

Führer: Sonst hat sich ja keiner gemeldet!

"Das kann man nicht mehr guten Stil nennen"

Wiedemann: In extremen Fällen, so sagen Juristen, wäre das schon denkbar, in extremen Fällen wäre so etwas denkbar. Aber in diesem Fall … Die Stadt selber, Berlin, das Kulturamt hat ja Strafanzeige gestellt. Das heißt, sie glauben, das gehört der Stadt. Und Museumsinhalte gehören der Stadt oder dem Land oder der Stiftung.

Führer: Genau, wir müssen einen kleinen Schritt zurückmachen, denn die Frage ist ja: Wem gehörte dieser Nachlass Ifflands, bevor Herr Fetting ihn gefunden hat?

Wiedemann: Ja, immer der Stadt, nehme ich an, also Stadt Berlin oder Land Berlin oder Land Preußen.

Führer: Es war öffentlicher Besitz.

Wiedemann: Darüber sollten wir jetzt nicht reden, das ist kompliziert.

Führer: Aber war in öffentlicher Hand, das ist ja das Entscheidende.

Wiedemann: Er war in einem 1929 gegründeten Theatermuseum, das an die Linden-Oper angeschlossen war. Und dieses Theatermuseum wurde nach dem Krieg in der DDR nicht weitergeführt, aufgelöst und auf andere Museen verteilt, zum Beispiel auf das Märkische Museum, also das Stadtmuseum Berlin. Und es fehlt dieses Kernstück, also eins der wichtigsten Einzelteile dieses Museums.

Führer: Gut, und deswegen hat der Berliner Kultursenat da Anzeige erstattet, deswegen ist der Verkauf auf der Messe auch erst mal gestoppt. Nun hat ja aber das Wiener Antiquariat diesen Nachlass im guten Glauben erworben von Herrn Fetting. Und das erinnert ein bisschen, wenn er das jahrzehntelang in seiner Privatwohnung gehortet hat, das erinnert erst mal so ein bisschen an den Fall Gurlitt. Ist das jetzt sozusagen ein Fall Fetting für die Theaterwelt?

Wiedemann: Ja, natürlich. Diese Parallele hat ja auch dazu geführt, dass die Presse so darauf angesprungen ist, dass heute drei sehr große Artikel in den wichtigen Tageszeitungen sind. Und es wird weitergehen, denn die Sache ist ja offen und die muss jetzt ausgehandelt werden. Entweder als juristischer Fall, als Strafbestand, oder aber als eine Verhandlung, als eine Einigung mit dem jetzigen Besitzer.

Führer: Das hieße, mit dem Antiquariat? Das hat ja aber dem Herrn Fetting eine ganze Stange Geld bezahlt für den Nachlass!

Wiedemann: Nein, also, ich habe das erst heute früh erfahren: Wenn die "Süddeutsche", also Lothar Müller recht hat, dann hat das Antiquariat für den Gesamtnachlass von Fetting 50.000 Euro bezahlt, dann alles andere, was sie nicht interessiert, als Rückschenkung an die Akademie der Künste zurückgegeben und das Kernstück für 450.000 Euro angeboten. Das kann man nicht mehr guten Stil nennen.

Führer: Herr Wiedemann, wagen Sie einen Tipp, wie das ausgehen wird?

Wiedemann: Ja, ich bin in dem Fall Optimist. Für unsere Arbeitsstelle ist dieser Nachlass ganz, ganz wichtig, er wird nach Berlin zurückkommen, alles andere wäre ein Desaster.

Führer: Das sagt Professor Conrad Wiedemann von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Danke für Ihren Besuch im Studio, Herr Wiedemann!

Wiedemann: Bitte!

Führer: Und ich will noch darauf hinweisen, dass der Iffland-Nachlass auch Thema heute Abend in unserem Kulturmagazin "Fazit" nach 23:00 Uhr ist, und dann mit der Theaterhistorikerin Ruth Freydank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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