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Fazit | Beitrag vom 09.07.2019

Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss"Meine Leidenschaft ist auf das nächste Buch gerichtet"

Lukas Bärfuss im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Der Autor Lukas Bärfuss (Christian Kleiner / Nationaltheater Mannheim)
Politisch und provokant: Der Autor Lukas Bärfuss löst mit seinen Schriften Kontroversen aus. (Christian Kleiner / Nationaltheater Mannheim)

Lukas Bärfuss erhält den Georg-Büchner-Preis 2019. Vergleiche mit Autoren wie Max Frisch lassen Bärfuss jedoch kalt. Der Autor richtet seine Aufmerksamkeit lieber auf sein "wichtigstes Werk" – das nächste, noch ungeschriebene Buch.

Für den Dichter Durs Grünbein ist Darmstadt der Ort, wo noch die größten Gegensätze der deutschsprachigen Literatur eines Tages zusammen finden. Hier hat die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihren Sitz, die seit 1951 jährlich den Georg-Büchner-Preis verleiht.

In diesem Jahr geht der renommierte Preis an den Schweizer Lukas Bärfuss. Der Romancier, Essayist und Dramatiker ist der derzeit wichtigste Schweizer Gegenwartsautor. Erfolge feierte er unter anderem mit den Romanen "Koala" und "Hagard", dem Essayband "Stil und Moral" sowie vielen Theaterstücken. Am Nationaltheater Mannheim wurde zuletzt sein Drama "Der Elefantengeist" uraufgeführt, in dem der Politiker Helmut Kohl komplett demontiert wird.

Übergänge vom Privaten ins Politische

Bärfuss ist ein explizit politischer Autor. Während andere ihn schon als Nachfolger von Max Frisch handeln, vermeidet er selbst es, nach eigenen Aussagen, in solchen Kategorien zu denken. Bärfuss sagte im Deutschlandfunk Kultur, er versuche lieber "einem Impuls zu folgen, einer Stimme, einer Sehnsucht, einem Empfinden für Schönheit oder für Grausamkeit." Die Einschätzungen anderer Menschen seien ihm wichtig, aber er glaube nicht, dass irgendein Mensch in solchen Sätzen zusammengefasst werden könne. Auch wenn er natürlich politisch sei, habe er das niemals als getrennt vom Privaten verstanden. "Das eine wirkt in das andere hinein. Was mich interessiert, sind die Übergänge", so Bärfuss.

Zurzeit erlebe man, wie sich ein Gefühl der Machtlosigkeit verbreite, in der Schweiz wie anderswo. Das habe etwas zu tun mit dem Verlust der Durchsetzungsfähigkeit der demokratischen Instanzen, sagte Bärfuss. "Die Finanzkrise hat deutlich gemacht, dass Interessen der Mehrheit nicht durchgesetzt werden können gegen die Interessen einer Minderheit. Das haben wir alle erfahren. Wenn man diese Kränkung erfährt, dann ist eine der Folgen, dass man sich kompensatorisch ein bisschen aufplustert."

Jäger der verborgenen Möglichkeiten

Auf die Frage, welches sein wichtigstes Werk sei, vermochte der Autor keine Antwort zu geben. "Das wäre so, wie zu fragen, welches meiner Kinder ich am liebsten mag." Grundsätzlich könne er nur sagen, dass sein wichtigstes Buch sein nächstes sei, das, was er noch nicht geschrieben habe. Bärfuss: "Dort liegen alle Möglichkeiten verborgen, und ich kann nochmal zu einem Ausdruck finden, den ich noch nicht gefunden habe. Deswegen ist meine Leidenschaft und mein ganzes Streben auf das nächste Buch gerichtet."

Selbstverständlich sei Literatur auch eine Flucht. Doch wovor, und wohin eigentlich? Nach Bärfuss' Verständnis ist das die entscheidende Frage. Jeder Text sei ein anderer Reiseweg, eine andere Passage. Gleichzeitig sei Literatur aber auch ein Ankommen, ein Hingehen, also das Gegenteil von Flucht: eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, den existenziellen Fragen. "Ich glaube, diese Doppeldeutigkeiten und doppelten Bewegungen sind eine der Gründe, weshalb wir überhaupt lesen und erzählen."

(rod)

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