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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.12.2012

Bücherei eines Lebens

Audrey Niffenegger: "Die Nachtbibliothek", Graf Verlag

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Audrey Niffenegger (dpa / picture alliance / Vesa Moilanen)
Audrey Niffenegger (dpa / picture alliance / Vesa Moilanen)

Lexi entdeckt bei einem nächtlichen Spaziergang durch Chicago die Nachtbibliothek. Dort sammelt Mr. Openshaw alle Bücher, die sie selbst gelesen hat. Aus dieser Idee entfacht diese Graphic Novel eine Mischung aus Pop-Literatur und Roadmovie, ein magisches und sehr zugängliches Buch.

Über die Magie des Lesens ist schon viel geschrieben worden. Neu aber ist, wie Audrey Niffenegger die imaginäre Kraft von Büchern in ihrer Graphic Novel "Die Nachtbibliothek" in Bild und Wort übersetzt. Den Sinn und die Fantasie dafür hat sie 2003 bewiesen mit ihrem Bestseller-Roman "Die Frau des Zeitreisenden" - und auch die nun vorliegende Graphic Novel, wiederum mit einem Bibliothekar als Protagonisten und stark inspiriert von H. G. Wells' Erzählung "Die Tür in der Mauer", wurde 2004 zunächst als Kurzgeschichte veröffentlicht. Die daraus entstandene Graphic Novel ist in Fortsetzungen im Londoner Guardian erschienen – und jetzt als wunderschöne Buchausgabe in deutscher Übersetzung.

Die Protagonistin Lexi trifft bei einem nächtlichen Spaziergang durch Chicago auf ein parkendes Wohnmobil, das eine Nachtbibliothek beherbergt. Alle Bücher darin sind ihr merkwürdig vertraut, alle haben mit ihr selbst zu tun, bis hin zum eigenen Tagebuch, das genau wie die von ihr gelesenen Krimis, Romane und Schulbücher mit dem Stempel der Nachtbibliothek versehen ist.

Lexi befindet sich in der Bibliothek ihres Lebens, zusammengetragen von magischer Hand, aber nicht einzigartig, denn: "Die Bibliothek in ihrer Gesamtheit enthält alles Gedruckte, das jeder Mensch zu seinen Lebzeiten einmal gelesen hat." Das erklärt ihr der seriöse Bibliothekar Openshaw und verschwindet bald darauf samt Wohnmobil.

Lexi bleibt auch in den folgenden Jahren geprägt von dieser Begegnung. Sie trennt sich von ihrem ratlosen Freund, liest wie besessen - getragen von dem Gedanken, wie wohl Mr. Openshaw ihre Auswahl kommentieren würde, und voller Vorfreude darauf, bald das nächste Destillat ihres Lebens in der Nachtbibliothek zu treffen.

Doch der Wunsch erfüllt sich erst neun Jahre später, und wieder ändert die Begegnung ihr Leben. Lexi sattelt um zur Bibliothekarin, sie macht Karriere in der Bibliothek von Chicago, um eines Tages selbst in der Nachtbibliothek arbeiten zu können. Kein Opfer ist ihr dafür zu groß, auch das eigene Leben nicht. Denn nichts ist größer als die Sehnsucht und der unbändige Wunsch, wieder zurück ins Paradies der eigenen Bücher flüchten zu können. Es gibt ein Happy-End der besonderen Art.

Mit prächtigen, bunten, aber nie grellen Bildern erzählt Audrey Niffenegger diese spannungsgeladene Geschichte. Sie mutet an wie eine Mischung aus Pop-Literatur und amerikanischem Roadmovie: der fantastische Ausschnitt eines Lebens, das von Büchern bestimmt ist. Das umherfahrende Wohnmobil transportiert diese Bewegung ähnlich wie die wechselnden Musiktitel, die aus seinem Inneren dröhnen: Bob Marley, Joni Mitchell, Jimi Hendrix oder B52 markieren den Soundtrack einer konkreten Biografie. Allesamt Titel, die Lexi gehört hat.

Auch formal erinnert das Buch an Pop und Film. Neben Einzelszenen in der Totalen – im ganzseitigen Buchformat – stehen kleinteilige Sequenzen mit bis zu 16 Bildern auf einer Seite. Sprechblasen ergänzen längere Wortuntertitel und auch längere Textabschnitte. Ein magisches und dabei sehr zugängliches Buch, sowohl inhaltlich als auch in seiner visuellen Umsetzung.

Besprochen von Olga Hochweis

Audrey Niffenegger: Die Nachtbibliothek
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit
Graf Verlag, München 2012
48 Seiten, 14,99 Euro

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