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Tonart | Beitrag vom 23.08.2018

Bücher zum 100. Geburtstag von Leonard BernsteinDer musikalische Tausendsassa

Von Rainer Pöllmann

Leonard Bernstein im Mai 1977 in Paris (dpa picture-alliance / Horst Ossinger)
Leonard Bernstein - auch 18 Jahre nach seinem Tod bleibt er ein Faszinosum. (dpa picture-alliance / Horst Ossinger)

Extrovertiert und charismatisch: Am 25. August wäre Leonard Bernstein 100 Jahre alt geworden. Zwei neue Bücher beleuchten das Leben des begnadeten Künstlers, sein musikalisches Werk, seine Leidenschaften - und seine Marotten.

Überwältigend viele Neuerscheinungen und Wiederveröffentlichungen von CDs gibt es zum Bernstein-Jubiläum 2018, aber verblüffend wenig tut sich auf dem Buchmarkt. Hat die 800-seitige, in jeder Hinsicht monumentale Bernstein-Biografie von Humphrey Burton, die auf Deutsch 1994 erschien, alle potenziellen Nachfolger abgeschreckt? Ist über Bernstein alles gesagt?

Zwei Neuerscheinungen – die eine schon aus dem letzten Jahr, die andere vom Frühjahr – zeigen deutlich, dass Bernstein auch 18 Jahre nach seinem Tod ein Faszinosum ist. Und sie zeigen auf beinahe exemplarische Weise, wie unterschiedlich man sich diesem Tausendsassa und Musikextremisten annähern kann.

"Der Charismatiker" nennt der Tübinger Historiker Sven-Oliver Müller sehr lakonisch sein Buch zu Leonard Bernstein. Und versucht dann, in zehn nicht chronologisch, sondern eher systematisch geordneten Kapiteln diesem Charisma nachzuspüren, auf den Grund zu gehen. Da steht – wenig überraschend – "Der Dirigent" oder "Der Komponist" im Zentrum, aber dann auch "Der Pädagoge", "Der Amerikaner" oder – ganz entscheidend für dieses Buch – "Der Privatmann" und "Der Gefühlsmensch".

Leonard Bernstein als junger Dirigent (imago stock&people)Leonard Bernstein als junger Dirigent (imago stock&people)
Bernstein war ein extrem extrovertierter Künstler, er lebte sein Leben und je älter er wurde, desto mehr auch seine Leidenschaften öffentlich. Auch seine Marotten sind oft beschrieben worden. Müller fügt dem wenig Neues hinzu, aber er bündelt die Anekdoten auf sinnvolle Weise und versucht, ihnen tiefere Einsichten zu entlocken. Da gibt es Bernstein, den Medien-Magier, der Öffentlichkeitsarbeit auf allen nur denkbaren Wegen betrieb. (Interessant wäre es, wie er sich in der entfesselten Medien-Öffentlichkeit von Internet und Social Media heute schlagen würde.) Aber auch Bernstein, den Geschäftsmann. Und auch Bernstein als Zentrum eines Hofstaats, der ihn sonnenkönigsartig umhegte und bediente, bis zum Anrauchen der Zigaretten, das ein Mitarbeiter für den Kettenraucher Bernstein erledigte.

Egomanie und Leidenschaft

Müller beleuchtet das Existenzielle, das Bernstein auszeichnete, sein Leben in Extremen, seine Energie, aber auch die Egomanie, die Rücksichtslosigkeit, mit der Bernsteins künstlerische und persönliche Unbedingtheit gepaart war, wenn er etwa durch zahllose bisexuelle Affären seiner Frau erhebliche Schmerzen bereitete. Müller spart die Ambivalenzen eines so leidenschaftlichen Charakters nicht aus, und das hebt sein Buch deutlich ab von der Anekdotensammlung, mit der Michael Horowitz in vergangenen Jahr auf den Markt kam, ein ziemlich unsortiertes Klatsch-und-Tratsch-Buch. Müller geht dagegen sehr zurückhaltend vor, wahrt eine grundsätzliche Seriosität. Nur wenn er von "Fehlern" Bernsteins, wie dessen Eitelkeit und Selbstbezogenheit spricht, kommt ein unnötig moralisierender Ton in sein Buch.

Leonard Bernstein 1984 (imago stock&people)Der Kettenraucher Bernstein ließ sich seine Zigaretten sogar anrauchen. (imago stock&people)
Auf die Musik selbst, auf Bernsteins Kompositionen und sein Dirigieren, lässt sich Müller nur bedingt ein. Er ist Historiker, kein Musikwissenschaftler oder Musikkritiker. Er nähert sich Bernstein gewissermaßen phänotypisch, über dessen Wirken und Wirkung. Die Faszination, die Bernstein auf seine Zeitgenossen und auch noch auf uns posthum entfaltete und entfaltet, beschreibt er sehr gut. Dem Spezifischen des Musikers Bernstein – und es ist ja eben die Musik, aus der die ganze Künstlerexistenz Bernsteins erwächst und auf der sie gründet – diesem spezifisch Musikalischen kommt Müller aber nicht wirklich nahe. Da bleibt er oft bei pauschalen Beschreibungen, denen das Analytische fehlt.

Mehr als "West Side Story"

Wesentlich stärker steht das Musikalische bei Bernstein im Zentrum eines Bandes, der bereits im letzten Jahr erschienen ist: "Leonard Bernstein und seine Zeit", herausgegeben von Andreas Eichhorn. Eigentlich ein Fachbuch, eine Sammlung musikwissenschaftlicher Aufsätze zu verschiedenen Aspekten von Bernsteins künstlerischer Persönlichkeit. Aber selbst in dieser eher nüchternen Darstellung und Bewertung historischer und ästhetischer Erkenntnisse scheint auf jeder Seite die Faszination und Anziehungskraft durch, die Bernstein selbst auf Wissenschaftler ausübt.

Thematisch gibt es durchaus Parallelen: "Bernstein in Film und Fernsehen" spielt auch hier eine Rolle – oder auch der Politiker. Bernsteins Engagement für Israel im Gründungsjahr 1948, sein Wirken beim Israel Philharmonic Orchestra, die Konzerte, die er 1948 im besetzten Deutschland gab, bis hin zum Konzert, mit dem er in West- und Ost-Berlin 1989 mit Beethovens Neunter eine "Ode an die Freiheit" sang – all das macht deutlich, wie stark sich in diesem Musiker "Zeit- und Musikgeschichte" verschränken. Und von da aus führt dann in diesem Band der Weg auch direkt in die musikalische Analyse. Seine Sinfonien, die Weltanschauungsmusik sind, nicht weniger als die Sinfonien des von ihm so unendlich geliebten Gustav Mahler. Aber auch Bernsteins Skepsis der musikalischen Moderne gegenüber, seine Suche nach einer "amerikanischen Musik", die in der "West Side Story" ihren größten Erfolg feiert, aber auch bis heute unterschätzte Musiktheaterwerke und Songs hervorbrachte. All das wird in engem Bezug auf die Musik detailliert dargestellt, dazu gibt es fünf ausführliche Werkporträts. Ein Bildteil gibt auf leider nur 25 Seiten einen optischen Eindruck von der Überwältigung, die von Bernstein ausging.

Rita Moreno (M) in einer Szene aus dem Film "West Side Story" nach dem gleichnamigen Musical von Leonard Bernstein aus dem Jahr 1961. (picture-alliance / dpa)Rita Moreno in einem Film nach Bernsteins "West Side Story" im Jahr 1961. (picture-alliance / dpa)
All das ist anspruchsvolle Lektüre. Sie setzt musikalische und auch historische Kenntnisse voraus. Auf den Effekt, auf den Boulevard schielt von den Autoren niemand, jeder Beitrag geht von der Musik aus und führt auf die Musik zurück. Das erfordert ein gewisses Basiswissen, aber dann belohnt die Lektüre mit substanziellen Einblicken in das komplexe und manchmal auch widersprüchliche Denken und Schaffen eines Komponisten, Dirigenten, Pianisten und Vermittlers.

Zwei denkbar unterschiedliche Bände also, die sich an potenziell unterschiedliches Publikum richten, die einander aber auch gut ergänzen. Und die auch dem Musikbuch in diesem Bernstein-Jahr 2018 eine quantitativ zwar nicht riesige, aber doch sehr respektable Präsenz verschaffen. Dass die Bernstein-Biografie von Humphrey Burton nur mehr antiquarisch erhältlich ist, bleibt trotzdem ein Ärgernis.

Sven Oliver Müller: Leonard Bernstein. Der Charismatiker
Reclam-Verlag, 302 Seiten, 28 Euro
Andreas Eichhorn: Leonard Bernstein und seine Zeit
Laaber Verlag, 407 Seiten; 37,80 Euro

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