Seit 17:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 09.04.2020
 
Seit 17:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.05.2013

Bücher vom Scheiterhaufen

Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin zur NS-Bücherverbrennung

Von Jochen Stöckmann

Podcast abonnieren
Opfer der Bücherverbrennung der Nazis: der Physiker Albert Einstein (AP)
Opfer der Bücherverbrennung der Nazis: der Physiker Albert Einstein (AP)

Einsteins "Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie" fiel ihr ebenso zum Opfer wie das Kinderbuch "Bambi": der Bücherverbrennung der Nazis vom Mai 1933 . Eine Ausstellung zeigt nun rund 400 der betroffenen Titel. Eine Schau, die inspiriert, zurück in die Geschichte zu blicken.

<p>&quot;Wir befinden uns auf dem Opernplatz Unter den Linden in Berlin. Die deutsche Studentenschaft verbrennt zur Stunde auf einem riesigen Scheiterhaufen Schriften und Bücher der Unmoral und Zersetzung.&quot;<br /><br />Achtzig Jahre nach der Bücherverbrennung sind die verfemten und vor allem vergessenen Autoren, wie Alexander Moritz Frey und Arthur Holitscher, Hans Natonek oder Gina Kaus im Jüdischen Museum Berlin wieder präsent – und zwar mit den Büchern von damals: Rund 400 antiquarische Titel in den Originalausgaben, darunter "Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie" von Albert Einstein und "Bambi" von Felix Salten hat George Warburg zusammengetragen, ein pensionierter Bankier.<br /><br />Ulrike Sonnemann: &quot;Er ist nicht der Kenner der gesamten Literaturgeschichte, einzelne Nuancen sind ihm entgangen. Selbst bei 'Bambi' ist das keine ganz einfache Geschichte, weil der Felix Salten als Präsident des österreichischen Schriftstellerverbandes noch nach der Bücherverbrennung sich sehr unkritisch verhielt. Wahrscheinlich, weil er annahm, dass ihn dieses Verbot nicht treffen würde.&quot;<br /><br />Ulrike Sonnemann hat als Bibliothekarin die Schenkung aus den USA katalogisiert – und dabei den Spürsinn dieses Sammlers schätzen gelernt: George Warburg stützt sich nur selten auf das akademische Wissen aus seinem im Seniorenalter absolvierten literaturhistorischen Studium, er folgt eher seiner Intuition. So stieß er etwa auf ein Exemplar des "Miracle Boy" von Louis Golding mit der Widmung des Schriftstellers an seine, Warburgs Mutter. Der spektakulär inszenierten Bücherverbrennung im Mai 1933 war Golding entgangen, aber sein Name tauchte erst später in einem jener Verzeichnisse verbotener Autoren auf, mit denen der NS-Staat die Leser reglementierte und die Literatur lenkte. Als Ausgeburt der Nazibürokratie aber kamen diese Listen als Grundlage für Warburgs Sammlung nicht infrage:<br /><br />Sonnemann: &quot;Er hat sich über diese Listen informiert – und dann ist es der Zufall: es ist mal eine Auktion, es ist die Empfehlung eines Antiquars, den er gut kannte, aus seiner Zeit in London. Es ist der Zufall, der ihm die Dinge zuführt. Und zu der Zeit, wo er anfängt, vor 25 Jahren, ist das schon wieder ein sogenannter gefragter Markt.&quot;<br /><br />Das ist so ein paradoxer, deshalb aber auch erhellender Aspekt des Büchersammelns. Wer Auktionskataloge und damit auch den Markt im Blick behält, dem wird schnell klar, worin die eigentliche Gefährdung der ab 1933 verfolgten Autoren bestand: weniger im eher symbolischen Verbrennen einzelner Exemplare als vielmehr im Ausverkauf, im Verramschen kompletter Auflagen im Ausland:<br /><br />Sonnemann: &quot;Sie hatten ihre Existenz verloren und mussten gleichzeitig erleben, dass ihre Bücher nichts mehr wert waren, weil sie massenhaft ausgeführt wurden. Das ist so ein Moment, das man nicht bedenkt, wenn man an das Vernichten, Verbieten und Verbrennen denkt.&quot;<br /><br />George Warburg dagegen spannt den geistigen Horizont mit seiner Rekonstruktion einer Bibliothek der verbrannten Bücher sehr viel weiter, seine subjektive Auswahl öffnet eine Art Denkraum. Zwischen den ausgestellten, in Vitrinen präsentierten Sammlerexemplaren entstehen irritierende Korrespondenzen, jedes Buch für sich inspiriert den Betrachter, zurück in die Geschichte zu schauen. Da blitzen Umschläge im Bauhaus-Stil neben erlesen dekorierten Einbänden auf, avantgardistisch karge Schriften stoßen auf überbordende Illustrationen.<br /><br />Margret Kampmeyer-Käding: &quot;Er ist ein Bibliophiler. Für ihn ist das Buch etwas Physisches, ein Objekt. Es ist nicht nur der Text wichtig. Da kommen wir wieder auf die Vielfalt zurück, die zerstört wurde. Er macht als Sammler diese Vielfalt auf: die Typographie dieser Zeit, die ganze Variationsbreite. Das erstaunt uns, und das ist auch für junge Menschen, die Bücherverbrennung nur als Schlagwort kennen, interessant.&quot; <br /><br />Für Margret Kampmeyer-Käding, Kuratorin und Kunsthistorikerin, liegt der Reiz, aber eben auch die aufklärerische Kraft der relativ kleinen Bibliothek in dieser Verknüpfung von Ästhetik und Buchkultur. Und die ist einem Amateur im besten Sinne, einem Liebhaber zu verdanken, der sich nur deshalb von seinen Büchern trennen mochte, weil er, wie Ulrike Sonnemann berichtet, Genuss, Gewinn und vor allem den erhellenden Geist des Sammelns gerne teilt: <br /><br />&quot;Er will weiter sein Projekt vervollkommnen. Und da es sein Projekt ist, wird seine Art der Sammlung wachsen, nach seinen Intentionen, nach seinen Kriterien. In einem Brief hat er vor zwei, drei Wochen von einem Werk von Mascha Kaléko erzählt, das er bekommen hat. Er ist 86, und das hat ihn gefangen genommen. Denn er hat darüber etwas erfahren, das er, glaube ich, nicht so gern aus der Hand legt.&quot;<br /><br /><strong>Mehr zum Thema:</strong><br /><br /><papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="99108" text="Verfeuert, verfemt, vergessen" alternative_text="Verfeuert, verfemt, vergessen" /><br />Die Bücherverbrennung an deutschen Universitäten<br /><br /><papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="54620" text="&quot;Syndrom der Kränkung und Dauer-Beleidigtsein&quot;" alternative_text="&quot;Syndrom der Kränkung und Dauer-Beleidigtsein&quot;" /><br />Reaktionen auf die geplante Koran-Verbrennung</LI_1268153></p>

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsKörperlos im digitalen Vakuum
Chinesische Schauspieler tragen Mund-Nasen-Schutz bei einer gestreamten Probe in der Jin Opera in Taiyuan. (Cao Yang / Xinhua / imago-images)

Im Wiener "Falter" plädiert Uwe Mattheiß gegen das Streaming von Kultur: "Digitale Parallelaktionen" würden im schlimmsten Fall die Ausbeutung der Kunst vorantreiben. Gerade die Darstellenden Künste bräuchten die körperliche Anwesenheit der Akteure.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur