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Lesart | Beitrag vom 17.02.2021

Bücher über FaschismusWarum die Analysen von früher so aktuell sind

Arno Orzossek im Gespräch mit Andrea Gerk

Theodor Adorno an einem Rednerpult (Picture Alliance/ dpa / Manfred Rehm)
Theodor Adornos Vorlesung „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ landete 60 Jahre nach Erscheinen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. (Picture Alliance/ dpa / Manfred Rehm)

Faschismus und Populismus bedrohen die Demokratie: Das ist kein neues Phänomen. Wie es aber möglich ist, dass die Analysen aus jahrzehntealter politischer Literatur immer noch gültig sind, hat sich der Autor Arno Orzessek genauer angesehen.

Andrea Gerk: Auch wenn Donald Trump nicht mehr im Amt ist, der Rechtspopulismus ist weit verbreitet. Überall in der Welt driften Demokratien in autoritäre Regime ab. Um besser zu verstehen, was da genau und warum passiert, wollen wir uns heute mal einige aktuelle Bücher zu diesem Thema ansehen. Wobei es eigentlich weniger Neuerscheinungen sind als vielmehr Werke, die schon vor Jahrzehnten geschrieben wurden und auf einmal erschreckend aktuell sind.

Arno Orzessek hat sich da einen ganzen Stapel von Büchern angesehen, eines davon war ein echter Überraschungserfolg. 60 Jahre nach Erscheinen landete Adornos Vorlesung "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. Wie erklären Sie sich das, was macht dieses Buch so aktuell?

Ähnliche politische Konstellationen damals und heute

Arno Orzessek: Ein wichtiger Grund ist bestimmt, dass die politischen Konstellationen damals und heute ähnlich sind. Adorno hat den Vortrag 1967 gehalten, das war die große Zeit der rechtsextremen NPD. Wir haben heute AfD, wir haben Pegida, wir haben Neonazis, wir haben die Identitäre Bewegung. Und Adorno legt nun keine dichte Theorie vor – und übrigens moralisiert er auch nicht, so wie das heute oft üblich ist – er benennt die ökonomischen, die sozialen, die psychologischen Gründe dafür, warum es die äußerste Rechte eigentlich gibt.

Das ist bei Adorno immer folgendes Konzept: Rechtsradikalismus ist ein Krisensymptom des Kapitalismus, weil der nämlich viele Menschen ausgrenzt und deklassiert. Diese Deklassierten, die wenden sich dann nicht gegen den Kapitalismus, sondern typischerweise gegen links. Damals war alles Sozialistische verdächtig, heute wissen wir, dass Herr Meuthen auf das "rot-grün-versiffte Milieu" schimpft.

Viele Rechte machen natürlich auch, das ist eher ein heutiges Phänomen, Migranten dafür verantwortlich, dass es ihnen nicht so gut geht. Und nun kann man sagen, dass Adornos Vortrag kein Vulkan ganz neuer Erkenntnisse ist. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, findet viele Argumente heute wieder. Aber gerade das bedeutet, dass der Clou ist: Mit einer ordentlichen Redigierung könnte der Vortrag auch von 2020 sein.

US-Agitatoren der 1940er als "Falsche Propheten"

Gerk: Das ist wirklich erstaunlich. Und der Suhrkamp Verlag hat ja noch ein Buch aus der Frankfurter Schule wieder aufgelegt: Leo Löwenthals "Falsche Propheten". Wen meint er denn mit diesen falschen Propheten?

Orzessek: Löwenthal ist ja wie Adorno auch in den 30er-Jahren in die USA emigriert, wo das Frankfurter Institut für Sozialforschung in New York eine Weile gearbeitet hat. Löwenthal ist allerdings dort geblieben und in Berkeley später Professor geworden. Und die falschen Propheten, die er sich hier vorknöpft, das sind die antidemokratischen, amerikanischen Agitatoren der 40er-Jahre.

Löwenthal untersucht ihre Themen, ihre Sprache, ihre Rituale. Er verfolgt, wie sie Feindbilder verschaffen, er analysiert die psychologischen Mechanismen, mit denen sie ihr Publikum einwickeln. Und das Buch von 1948 beginnt mit einer kurzen Hetzrede, die kursiv gedruckt ist, über mehrere Seiten.

Man ist dann verwirrt, bis dann die Auflösung kommt: Das sind alles Originalzitate von diesen Agitatoren, und sie tun das, was Agitatoren tun. Sie verfälschen Tatsachen, verdrehen Ursachen, beschwören die Apokalypse. Wenn man sie nicht beachtet, versprechen das Paradies, wenn man ihren Forderungen folgt.

Ich will jetzt keine historischen Unterschiede verwischen, aber wer dieses Buch liest und kein einziges Mal an Donald Trump denkt, der hat einen Preis verdient. Im Übrigen setzt Löwenthal auch einen sehr starken Akzent auf den damaligen Antisemitismus. Und so muss man sagen, der Sieger des Zweiten Weltkriegs, die USA, das Land der Freiheit, auf die fällt in diesem Buch ein ganz schön dunkler Schatten.

"Er verzichtet auf diese ungezügelte Komplexität"

Gerk: Frankfurter Schule, so erinnere ich mich aus dem Studium, ist jetzt nicht gerade eingängige Lektüre. Wie erklären Sie sich das, dass diese Bücher trotzdem so einen Erfolg jetzt haben?

Orzessek: Ich selbst habe früher mal Philosophie studiert und versuche, auch komplexe Texte eher sportlich zu nehmen. Aber das ist hier jetzt gar nicht nötig.

Adornos "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" ist wie gesagt die Verschriftung eines offenbar weitgehend mündlich gehaltenen Vortrags. Und natürlich bleibt es immer Theodor Adorno, der da performt. Aber er verzichtet auf diese ungezügelte Komplexität, für die viele seiner Texte berühmt oder – wie Sie vielleicht meinten – berüchtigt sind, also würde ich sagen: Nur zu!

Schon eher für den kleinen Kreis ist das Buch "Bemerkung zu The Authoritaritan Personality" geeignet, das ist von Eva Maria Ziegler übersetzt. Das ist das ursprüngliche Schlusskapitel von Adornos Arbeit über den autoritären Charakter. Und da würde ich sagen, akademisches Interesse erleichtert die Lektüre immens.

Was wiederum Leo Löwenthal angeht: Das ist richtig flott geschrieben, teils mit literarischer Verve. Ich habe nur wenig Jargon herausgehört, der ältlich oder überholt klingen würde. Man muss allerdings sagen, das Buch hat er in Englisch geschrieben. Das mag dazu beigetragen haben, dass es eher einfach ist.

Das grundlegende Buch zum Thema von einer Wienerin

Gerk: Sie haben sich da ja durch so einen richtig dicken Stapel geackert und gesichtet. Das ist alles Lektüre, die von Männern verfasst ist. Bis auf ein Buch, "Die Macht des Scharlatans", von einer Frau, nämlich von Grete de Francesco. Wer war das?

Orzessek: Grete de Francesco wurde in Wien geboren und hieß ursprünglich Margarete Weißenstein. Der italienische Name kommt zustande, weil sie später nach Italien geheiratet hat. De Francesco war eine jüdische Journalistin und eine Schriftstellerin, die in den 20er-Jahren in den Intellektuellen-Kreisen in Wien, in Berlin, später auch in Paris und Norditalien bekannt war. Sie wurde 1945 in Ravensbrück von den Nazis ermordet.

De Francesco verehrte und schätzte Thomas Mann – sowohl ihn als auch seine Bücher. Und allen voran "Mario und der Zauberer". Falls jemand dieses Buch nicht gerade neu gelesen hat: Im Mittelpunkt dieser Novelle steht der zwielichtige Show-Hypnotiseur Cavaliere Cipolla. Und von dem war de Francesco so angesprochen, dass sie mit der "Macht des Scharlatans" quasi das bis heute grundlegende Buch zu diesem Thema vorgelegt hat.

Und ihre Studie erschien dann 1937, Walter Benjamin gehörte zu den Rezensenten. Und de Francesco, das ist vielleicht für unser Thema wichtig, lässt nicht einmal in Nebenbemerkungen anklingen, wie leicht man die Züge des Scharlatans natürlich auf Typen wie Mussolini und Hitler übertragen könnte.

Das ist eine Parallele zu Thomas Mann, denn der hat gesagt, dass "Mario und der Zauberer" eigentlich intentional gar nicht so politisch gemünzt ist, also keine Faschismus-Parabel, als die es auch gelesen werden kann, oder jedenfalls mehr als das. 

Parallelen zu heute nicht unbegrenzt belastbar

Gerk: Und worin liegt jetzt die Macht des Scharlatans?

Orzessek: Um die Macht des Scharlatans ganz zu begreifen, muss man dieses Buch ganz lesen. Das Buch ist sehr bunt, vorne und hinten auf dem Buch ist "Der Gaukler" von Hieronymus Bosch zu sehen. Das macht dieses Buch besonders. Wir sind mit de Francesco auf den Jahrmärkten, in den Werkstätten der Alchimisten, wir gucken den Quacksalbern und den Kurpfuschern zu.

Die Stärke von de Francescos Buch liegt in der Breite der historischen Untersuchung. Und diese abgeleiteten substanziellen Bestimmungen, auf die Sie jetzt hinauswollen, die steht da nirgendwo an einer Stelle knapp zusammengefasst.

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Natürlich, der Scharlatan spricht im Publikum den Durchschnittstypen an, um also Masse zu gewinnen, das sichert ihm dann die große Gefolgschaft. Der Scharlatan erfindet windige Feinde, damals und heute, um etwaigen Misserfolg zu erklären. Er ist oft ein Propagandagenie, aber eine konsumierbare Zusammenfassung von all diesen Merkmalen gibt es nicht, das würde dem Charakter des Buches widersprechen.

Gerk: Trotzdem ist ja interessant, wie das auch auf heutige Populisten zutrifft, von Trump bis Beppe Grillo.

Orzessek: Ich habe ja vorhin gesagt, bei Löwenthal musste ich oft an Trump denken, weit öfter als bei de Francesco. Der simple Grund ist, dass es im Scharlatan-Buch eben nicht um das Politische geht, sondern wenn, dann um das Gesellschaftliche. Aber so und so muss man sagen, irgendwann sind diese Erkenntnisse über diese Parallele und Analogien dann auch erschöpft.

Grillo hat etwas von einem mittelalterlichen Gaukler in bestimmten Performances, aber je mehr man wiederzuerkennen glaubt, desto genauer sollte man hinschauen. Und Trump hat nicht bei de Francesco nachgelesen, wie er seine Show machen muss, sondern das hat er getan aus Ruchlosigkeit, aus Ignoranz, aus Talent, aus Dummheit, vielleicht aus Instinkt.

Und das Gefährliche war, dass er dieses Wissen aus sich selbst sozusagen geschöpft hat und eine Scharlatanerie 2.0, wie man vielleicht sagen könnte, hervorgebracht hat, ohne den Begriff auch nur zu kennen. Und im Übrigen muss man natürlich sagen, das Weiße Haus ist auch noch etwas anderes als eine Jahrmarktbude, insofern sind die Parallelen auch nicht unbegrenzt belastbar.

"Ein bisschen Boulevard ist auch dabei"

Gerk: Gibt es denn aus den vielen, die Sie sich jetzt angesehen haben, noch eines, das Sie besonders überzeugt hat?

Orzessek: Mit viel Interesse habe ich Heinrich Blüchers "Versuche über den Nationalsozialismus" gelesen aus mehreren Gründen: Erst mal fällt überdeutlich auf, warum Hannah Arendt, das ist nämlich die Ehefrau von Blücher gewesen, schriftlich doch um Klassen besser ist, während Blücher angeblich in der mündlichen Performance sehr stark gewesen ist.

Aber es gibt etwas Interessantes, im Nachwort von Ringo Rösener und Eick Markus Wendt. Da erfährt man, der Weißstein-Verlag hat das Buch gar nicht aufgelegt, weil es intellektuell so brillant ist, sondern weil darin sehr stark die unmittelbare Betroffenheit Blüchers vom Nationalsozialismus durchklingt.

Und dann gibt es ein sehr, sehr langes Nachwort, das handelt halt sehr viel von der Ehegemeinschaft zwischen Blücher und Arendt. Und das ist natürlich für mich als alten Arendt-Leser interessant. Und ein bisschen Boulevard ist auch dabei.

"Man kann ablesen, was eine klare argumentative Kante ist"

Gerk: Und die entscheidende Frage, was haben Sie gelernt, was kann man aus diesen alten, klugen Texten mitnehmen?

Orzessek: Auf jeden Fall ein bisschen Demut, denn so viel schlauer sind wir heute wohl auch noch nicht geworden in vielen Fragen. Aber es gibt natürlich eine wichtige Differenz. All diese Texte, von denen ich rede, die sind entweder vor oder nach oder unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, des Faschismus, der Naziherrschaft und des Holocaust geschrieben worden.

Wir stehen nicht mehr unter dem unmittelbaren Eindruck dieses Fürchterlichen und wir müssen auch nicht so tun, als stünde das jetzt unmittelbar wieder bevor. Zugleich sind natürlich unsere Ansprüche an die pluralistische Demokratie groß geworden – gut so! Und wenn nun rechts wieder so ein bräunliches Gebräu angerührt wird, dann kann man bei den Alten wie Adorno und Löwenthal immer noch ablesen, was eine klare argumentative Kante ist, diesseits von Hysterie und auch diesseits von kostenloser Hypermoral.

De Francesco aber lehrt uns, dass die Scharlatane immer unter uns waren. Es kommt im Politischen darauf an, sie zu entlarven, obwohl auch das nicht immer nützt. Ich würde sagen, auch die Gegenwart lehrt, dass die Menschen verführt werden wollen – viele jedenfalls.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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