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Lesart | Beitrag vom 12.10.2019

Bücher über die WendezeitProblematische Schönzeichnungen

Von Rolf Schneider

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Menschenmassen auf dem Berliner Alexanderplatz während der Demonstration am 4. November 1989 für Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie eine reformierte DDR. (imago images / Stana)
Menschenmassen auf dem Berliner Alexanderplatz während der Demonstration am 4. November 1989 für Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie eine reformierte DDR. (imago images / Stana)

War der 4. November 1989 der Höhepunkt des Wendeherbstes? Diesen Eindruck erweckt das Buch "Der Traum ist aus". Das sei falsch, meint der Schriftsteller Rolf Schneider. Die Interviewsammlung "Kein Land in Sicht" sei dagegen schon aufschlussreicher.

Über die Ereignisse des ostdeutschen Herbstes 1989, die zum Untergang des Staates DDR und zur deutschen Wiedervereinigung führten, ist alles gesagt. Es gibt ausführlichste historische Gesamtdarstellungen, es gibt detaillierte Chroniken, biografische Lexika und eine Fülle von Einzelanalysen. Nun, da die Vorgänge 30 Jahre zurückliegen, sucht und findet der auf runden Daten abonnierte Buchmarkt gleichwohl ein paar Themen, die sich als Novität anpreisen lassen.

"Kein Land in Sicht – Gespräche mit Liedermachern und Kabarettisten der DDR" von Michael Kleff und Hans-Eckardt Wenzel (Ch. Links Verlag)"Kein Land in Sicht – Gespräche mit Liedermachern und Kabarettisten der DDR" von Michael Kleff und Hans-Eckardt Wenzel (Ch. Links Verlag)
Eine ist eine Sammlung von Interviews. Sie wurden in den Jahren 1990 bis 1992 geführt, mit ostdeutschen Liedermachern und Kabarettisten, und zwar für unseren Sender, also den Deutschlandfunk. Unternommen hat dies der westdeutsche, ehedem freidemokratische Journalist Michael Kleff. Gemeinsam mit dem ostdeutschen Liedermacher Hans-Eckart Wenzel gibt er die Texte nun als Buch heraus.

Man fragt sich, woher der Autor das alles wissen will

Die Liedermacher sind deutlich stärker vertreten als die Kabarettleute, auch zwei Schauspielerinnen sind dabei. Die Antworten der Befragten zeigen enttäuschte Hoffnungen, die DDR betreffend, und allgemeine Ratlosigkeit, die gesamtdeutsche Zukunft betreffend. Überraschend ist daran wenig. Aufschlussreicher sind die Einleitungstexte, die ausführlich Ursprünge, Milieus und Tendenzen des Liedermachens in der DDR schildern.

Michael Kleff und Hans-Eckardt Wenzel: "Kein Land in Sicht – Gespräche mit Liedermachern und Kabarettisten der DDR"
Ch. Links Verlag
250 Seiten, 15 Euro

Einige der Interviewten kommen auch in dem Buch "Der Traum ist aus" vor. Es widmet sich den Umständen und Akteuren der Massendemonstration vom 4. November 1989 auf Ostberlins Alexanderplatz. Dort traten 26 Redner und sechs Musiker auf. Unter den Rednern waren Angehörige der obwaltenden DDR-Elite ebenso wie kritische Geister.

Das Buch setzt ein mit dem 6. Oktober 1989. Es beschreibt die Anläufe, wesentlich betrieben von Schauspielern des Deutschen Theaters in Berlin, und es endet, nach großen Zeitsprüngen, im Sommer 2019. Erzählt wird ausschließlich von den Rednern und deren Schicksalen, was in einer romanhaft literarisierten Form geschieht, viel Privates findet statt, Gedanken und Seelenzustände werden reichlich ausgebreitet. Das liest sich eingängig, doch es beschädigt die dokumentarische Essenz. Man stellt sich die Frage, wieso der Autor das alles so genau weiß, schon da viele der Protagonisten längst nicht mehr am Leben sind.

Etliche Wertungen sind anfechtbar

Patrick Bauer ist Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. 1989 war er gerade sechs Jahre alt. Den geschilderten Ereignissen hat er sich über Recherchen genähert. Etliche seiner Wertungen sind anfechtbar, so die problematische Schönzeichnung des DDR-Spionagechefs Markus Wolf.

"Der Traum ist aus. Aber wir werden alles geben, dass er Wirklichkeit wird" von Patrick Bauer (Rowohlt)"Der Traum ist aus. Aber wir werden alles geben, dass er Wirklichkeit wird“ von Patrick Bauer (Rowohlt)
Erheblicher aber ist, dass der 4. November fast ausschließlich aus der Perspektive der Redner erzählt wird. Die Teilnehmer, Schätzungen reichen von 200.000 bis zu einer Million, haben die Ansprachen gar nicht wahrgenommen, wahrnehmen können, da sie in fortwährender Bewegung waren und sich den zahlreichen Installationen und Inszenierungen am Rande zuwandten. Dies alles kommt bei Bauer nicht vor.

Wichtiger noch: Sein Buch vermittelt den Eindruck, die Demonstration am 4. November sei der Höhepunkt des sogenannten Wendeherbstes 1989 gewesen. Genau das war sie nicht. Die Leipziger Demonstration von 9. Oktober (die immerhin erwähnt wird) war sehr viel erheblicher. Patrick Bauer rettet sich in die salvatorische Erklärung: "Es war so, wie es hier steht, aber es war eben auch ganz anders."

Patrick Bauer: "Der Traum ist aus. Aber wir werden alles geben, dass er Wirklichkeit wird"
Rowohlt, 2019
368 Seiten, 20 Euro

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