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Lesart | Beitrag vom 05.10.2018

BuchpreisWieso kostet ein Buch so viel, wie es kostet?

Von Alexander Moritz

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Gestapelte Bücher an einem Verlagsstand auf der Leipziger Buchmesse. (dpa-Zentralbild)
"Was aus Büchern gebaut werden kann, darüber wird viel zu selten gesprochen", findet ein Buch-Macher aus Berlin. (dpa-Zentralbild)

Die Buchpreisbindung ist in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben und soll Bücher als Kulturgut besonders schützen. Es ist aber gar nicht so einfach zu verstehen, wie ein Buchpreis zustande kommt.

20 Euro – so viel kostet "Neujahr", der aktuelle Roman von Juli Zeh. 192 gebundene Seiten für 20 Euro – ist das viel? Oder wenig?

Der Wert eines Buches ist schwer zu ermessen. Der Materialwert ist gering, der ideelle Wert von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Und die meisten Bücher sind für die Verlage ohnehin ein Verlustgeschäft.

Beim Verlag kommt knapp die Hälfte des Betrags an

Fragt man die Buchwirtschaft, bekommt man schnell den Eindruck: Bücher sind viel zu billig! Denn von den 20 Euro fließt nur etwas über die Hälfte überhaupt an den Verlag, erklärt Gunnar Cynybulk vom Verlagshaus Ullstein:

"Der größte Anteil, der weggeht vom Ladenpreis, ist der Rabatt, den wir dem Händler einräumen."

Gunnar Cynybulk ist seit Oktober 2017 Leiter der Ullstein Buchverlage in Berlin. Zuvor war er 18 Jahre beim Aufbau Verlag tätig. (dpa / picture alliance / Jörg Carstensen)Gunnar Cynybulk ist seit Oktober 2017 Leiter der Ullstein Buchverlage in Berlin. Zuvor war er 18 Jahre beim Aufbau Verlag tätig. (dpa / picture alliance / Jörg Carstensen)

Rabatt meint den verminderten Preis, zu dem die Buchhändler Bücher von den Verlagen kaufen. Von der Differenz zum festgesetzten Verkaufspreis bestreiten sie ihr Geschäft:

"Das sind zwischen 30 und 50 Prozent. Bleiben zehn Euro übrig, mit denen der Verlag die Gestehung des Buches finanzieren muss."

Ein paar Euro bleiben übrig

Die Produktionskosten bestehen aus vielen Einzelposten, erläutert Constanze Neumann, Leiterin des Aufbau Verlags:

"Da sind erstmal Kosten für Drucken, Bindung, Papier. Dann kommen die Autorenhonorare dazu. Und dann kommt natürlich die ganze Arbeit, die der Verlag leistet: Vertriebskosten, Marketingkosten, die Kosten für ein Lektorat, Kosten für Pressearbeit."

Von den 20 Euro Ladenpreis bleiben dann nur noch ein paar Euro übrig.

"Dieser gesamte Prozess der kostet natürlich Geld. Da kommt dann noch ein Gewinnaufschlag drauf. Daraus könnte man jetzt sagen: so entsteht der Preis des Buches", sagt Ernst-Peter Biesalski, Professor für Buchhandel und Verlagswirtschaft an der HTWK Leipzig. Doch der Buchpreis hängt schon lange nicht mehr nur von den Produktionskosten ab:

"Heute findet eine Konkurrenzpreisbildung statt. Das heißt, der Verlag schaut auch auf den Markt und orientiert sich auch im Preis daran. Bücher sind ja in gewisser Weise auch austauschbar. Wenn ich sage: Ich möchte spannende Unterhaltung haben: Da gibt’s ein vielfältiges Angebot."

Umsatz ist stark zurückgegangen

Noch vielfältiger sind neue Unterhaltungsangebote, etwa Youtube-Videos oder Netflix-Serien, die dem Lesen den Rang ablaufen. Der Wettbewerb auf dem Buchmarkt wird härter. In den vergangenen fünf Jahren ist der Umsatz in Deutschland um acht Prozent zurückgegangen.

Eine Folge: Es werden weniger Bücher veröffentlicht. Zu spüren bekommen das die Autorinnen und Autoren. Bei einem Treffen kleiner Verlage in Berlin ist das Stimmungsbild bei den Autoren eindeutig:

"Also es ist fast unmöglich, vom Schreiben zu leben. Ich kenne niemanden, der das kann. Kehlmann, ja. Kehlmann kann’s, aber der ist eine große Ausnahme."

"Das ist quasi for free. Das ist so wie in der Musik eigentlich mittlerweile. Konzerte bringen das Geld, aber das Produkt an sich, da kommt für den Künstler nicht mehr viel rum."

Vom Preis eines Buches kommt also kaum etwas bei denen an, die es geschrieben haben.

Jedes Buch ist ein finanzielles Risiko. Damit zu spekulieren, ist das Geschäft der Verleger, erklärt Andreas Rötzer vom Berliner Verlag Matthes und Seitz.

"Die klassische Verlagskalkulation ist eigentlich eine Mischkalkulation. Das heißt, man weiß, dass von den zehn Büchern, die man macht, sechs oder sieben defizitär sind und die drei, die das nicht sind, müssen praktisch diese anderen Titel mittragen."

Kritiker der Buchpreisbindung sagen: Die Verlage nutzen den fixen Preis, um Bücher zu finanzieren, die niemand lesen will. Eine schwer erträgliche Bevormundung der Leser sei das, lästerte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Constanze Neumann vom Aufbau Verlag sieht das anders:

"Das verlegerische Geschäft lebt von dieser Querfinanzierung. Ein Autor, an den man glaubt, den man literarisch für sehr gewichtig hält, auch wenn sich die Bücher nicht gut verkaufen, sagt man: Wir machen damit weiter. Aber das geht natürlich nur, wenn andere Dinge dann das Geld in die Kasse spielen."

Solidarbeitrag für künftige Bücher

Mischkalkulation bedeutet auch: Der Preis des einzelnen Buches spiegelt nicht nur die Herstellungskosten eben dieses Exemplars wider. Mit jedem Buch zahlt man in den Verlag ein – eine Art Solidarbeitrag zur Produktion künftiger Bücher.

Die Herausforderung für die Verleger: einen angemessenen Preis festzulegen.

Neumann: "Das sind eigentlich Erfahrungswerte. Das anspruchsvolle Sachbuch, aufwendig gestaltet − das Publikum, was diese Art von Büchern kauft, ist in einem bestimmten Rahmen nicht preissensibel. Die möchten das dann haben, die kaufen das auch für 34 Euro, da muss ich nicht bei 28 bleiben."

Biesalski: "Das ist viel auch Bauchgefühl. Häufig liegen Verlage auch ein bisschen daneben. Man tastet sich an den Preis ran, den der Kunde bereit ist zu zahlen und von dem der Verlag auch gut leben kann, das heißt, womit er auch noch einen Gewinn erwirtschaftet."

Der Wert eines Buches ist schwer zu ermessen − und höchst unbeständig. Irgendwann landet doch so gut wie jedes Buch für einen Euro auf dem Flohmarkt – oder wird gar als unverkäuflich wieder eingestampft. Eine Geldanlage sind Bücher wohl nicht.

Aber für manche zählt vielleicht auch etwas ganz anderes, philosophiert Ullstein-Verleger Gunnar Cynybulk:

"Die Inhalte bleiben ja wertvoll, nur die Darreichungsform verliert an Wert. Sie können damit machen, was Sie wollen: Sie können damit auch Türme bauen oder Fensterstopper. Das ist vielleicht auch ein Wert, über den viel zu selten gesprochen wird: Was aus Büchern gebaut werden kann."

Und für ein so vielseitiges Produkt scheinen 20 Euro wohl angemessen.

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