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Lesart | Beitrag vom 12.11.2020

Buchpreis-Gewinnerin Anna Stern über "das alles hier, jetzt."Von der Neugier getrieben

Moderation: Andrea Gerk

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Die Autorin Anna Stern (Florian Bachmann)
Anna Sterns nächster Roman sollte von einer Pandemie handeln – wurde aus offensichtlichen Gründen aber erst mal auf Eis gelegt. (Florian Bachmann)

Anna Stern ist Romanautorin. Für ihr neuestes Werk wurde sie mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Sie ist aber auch Wissenschaftlerin. Beide Felder liegen näher beieinander, als man auf den ersten Blick vermuten würde, meint sie.

Als Ananke stirbt, hinterlässt das beim ehemaligen Nachbarskind Ichor einen schweren Sog voller Trauer. Erst nach dem Tod merkt Ichor, wie eng die Verbindung mit Ananke tatsächlich war. Für ihren 288 Seiten langen Roman hat die Autorin Anna Stern vergangene Woche den Schweizer Buchpreis erhalten.

Für sie seien ihre Texte eine Motivation, sich mit einem Sachverhalt in Sprache zu fassen, für den ihr im ersten Moment die Worte fehlen. Dadurch werde das Schreiben über ein so schwieriges Thema wie Trauer eher zur Erlösung, als zur Herausforderung.

Das Geschlecht spielt keine Rolle

Dabei hat Stern auch eine ganz besondere Form der Beschreibung gewählt: "das alles hier, jetzt" ist komplett in der zweiten Person geschrieben – es wird ausschließlich geduzt. Dadurch ist auch völlig unklar, welches Geschlecht die beiden Hauptpersonen haben. Stern beschreibt diese ungewöhnliche Entscheidung so:

"Die Wahl für die Erzählung kam deshalb zustande, weil 'du' eine gewisse Distanz erlaubt. Trotzdem ist die Nähe zur erzählenden Person größer, als wenn es eine Erzählung in der dritten Person wäre. Und die Wahl der Namen hat zwei Motivationen. Einerseits ging es mir darum, die Geschlechtszuweisung durch den Text zu verunmöglichen und dadurch aufzuzeigen, dass es auch in unserem Alltag eben nicht die primäre Motivation sein sollte, das Gegenüber als Mann oder Frau zu definieren, sondern als Mensch."

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Der zweite Hintergedanke war, den Lesenden so die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Erfahrungen in die Figuren hineinzutragen. Ohnehin mag Stern es, wenn ihre Bücher Interpretationsspielraum für das Publikum lassen und dieses selbst Arbeit leisten muss. Auch in früheren Texten habe sie schon versucht, diese zusätzlichen Ebenen einzuarbeiten.

Es geht ums Entdecken

Neben ihrer Tätigkeit als Autorin promoviert Anna Stern momentan als Umweltwissenschaftlerin an der ETH Zürich – zwei Berufe, die erst einmal weit voneinander entfernt scheinen, aber doch Gemeinsamkeiten hätten:

"Was mich bei beiden Leidenschaften motiviert, ist die Neugier auf die Welt. Ich kann bei meiner Forschung im Labor Dinge herausfinden, die noch niemand so beobachtet hat. Das Schreiben ist für mich auch ein Prozess des Entdeckens und des Verstehens. Wenn ich etwas beobachte oder erlebt habe, was ich nicht verstehe, versuche ich das im Text zu ergründen. Die größte Gemeinsamkeit dahinter ist die Motivation und die Neugier."

Anna Stern: "das alles hier, jetzt."
Salis Verlag, Zürich 2020
288 Seiten, 24 Euro

(hte)

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