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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.05.2014

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Margret Franzlik: "Erinnerungen an Wolfgang Hilbig"

Von Jörg Magenau

Wolfgang Hilbig (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
Wolfgang Hilbig (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

Wolfgang Hilbig war ein beliebter Autor: Produktiv, mit Preisen überhäuft, aber auch eine problematische Natur. Jetzt erinnert sich seine langjährige Partnerin Margret Franzlik an die gemeinsame Zeit.

Sie lernten sich 1969 in dem Ausflugslokal "Nonnenmühle" am Tollensesee kennen. Wolfgang Hilbig arbeitete dort als Abräumer, Margret Franzlik als Küchenhilfe. Sie hatte gerade das Abitur gemacht und begann dann ein Studium der Journalistik; er war der Arbeiterdichter aus Meuselwitz, der wegen seiner Sympathien für den Prager Frühling aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen worden war und mit Veröffentlichungen in der DDR nicht mehr rechnen konnte. Bis 1982 waren Franzlik und Hilbig ein Paar, lebten zunächst in Leipzig, bis er ihr nach Berlin folgte. 1980 kam ihre Tochter zur Welt.

So funktioniert Erinnerung

Nun hat Margret Franzlik ihre "Erinnerung an Wolfgang Hilbig" vorgelegt, einen schmalen Band mit kleinen Szenen und Gedächtnissplittern, vielen Fotos und Dokumenten, Briefen und so manchen Details aus Hilbigs Kindheit und Familie, zu der sie bis zuletzt gehörte - so pflegte sie Hilbigs sterbende Mutter. Sie verrät, welche Landschaft Hilbig zu dem Gedicht "Windmühlen, Wassermühlen" angeregt hat, sie kennt den Briefkasten, der in einem seiner Prosatexte eine Rolle spielt, weil der Erzähler jede Nacht dorthin geht, um einen Brief an die Geliebte einzuwerfen, den er sich in einsamen Stunden abgerungen hat. All das muss man nicht wissen, weil gute Literatur derartiger Belege durch biografische Verankerung nicht bedarf, aber es ist ein schöner Zeitvertreib und eine freundliche Geste: ein Puzzlespiel, ein Poesiealbum. So funktioniert Erinnerung.

Franzlik ist keine Erzählerin. Ihre Erinnerungen sind weder chronologisch geordnet, noch gibt es einen roten Faden und einen durchlaufenden Strang. Sie ist nicht "objektiv" und will das auch gar nicht sein, dafür ist sie viel zu sehr involviert in die Geschichte. Ihre Erinnerungen treten gewissermaßen unbearbeitet und naiv ins Buch, so wie die Bilder ins Gedächtnis getreten sind. Ungebrochene Naivität ist ihre Stärke. Da wird nicht psychologisiert und nicht in Frage gestellt, da wird auch keine schmutzige Wäsche gewaschen oder sonstige Rechnungen beglichen. Was entsteht ist das liebevolle Porträt eines Mannes, der überraschend sanft und fürsorglich war. Bei allem, was man von Hilbig weiß, von seiner entsetzlichen Alkoholsucht vor allem und seinem düsteren, zerstörerischen Schweigen, ist das ein mehr als überraschender Befund.

Ein liebender Blick

Man kann Franzliks Erinnerungen als Gegenbild zu Natascha Wodins Roman "Nachtgeschwister" lesen. Wodin war mit Hilbig in seinen Anfangsjahren im Westen liiert, Mitte der 80er-Jahre, und erlebte ihn dort in den finstersten Abgründen seiner Existenz. Wodin bietet sicher das tiefere, verstörendere Hilbig-Bild, als die recht harmlosen Erinnerungen von Margret Franzlik. Und doch ist Franzliks rührendes Buch wichtig als Korrektur und als Dokument fortgesetzter Liebe: Man sieht daran, welche Kraft ein liebender Blick besitzt: dass er einen Menschen verwandeln und verzaubern kann und entschlossen das Gute in ihm entdeckt.

Margret Franzlik: Erinnerung an Wolfgang Hilbig
Transit, Berlin 2014
104 Seiten, 16,80 Euro

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