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Lesart | Beitrag vom 09.03.2019

Buch von Marc J.M. van den BroekWar da Vinci ein gerissener Plagiator?

Von Michael Schornstheimer

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Skizze von Leonardo da Vinci: Sie zeigt eine in Einzelteile zerlegte Getriebevorrichtung; ca. 1500 (picture alliance/Everett Collection)
Skizze von Leonardo da Vinci: Sie zeigt eine in Einzelteile zerlegte Getriebevorrichtung; ca. 1500 (picture alliance/Everett Collection)

Viele Erfindungen, die Leonardo zugeschrieben werden, seien schon früher oder woanders gemacht worden. Das behauptet der belgische Autor Marc J.M. van den Broek in dem Band "Leonardo da Vincis Erfindungsgeister".

War Leonardo ein gerissener Plagiator, der sich heute vor Gericht verantworten müsste? Soweit geht van den Broeck nicht. Keineswegs spricht er ihm Genialität ab. Leonardo habe technisches Gerät und seine Funktionsweisen dramatisch inszeniert und poetisch dargestellt.

Vier, manchmal sogar fünf Entwürfe produzierte er an einem einzigen Tag. Dafür bewundert van den Broek Leonardo. Im Übrigen betrachtet er sich selbst als seelenverwandten Kollegen. Ob das unbescheiden ist oder nicht, sei dahingestellt. Bereits als Vierjähriger habe der Autor ein Kinderfahrrad auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Seine Eltern lobten ihn, er werde einmal Ingenieur. Er selbst aber sah sich, schreibt er, immer als "Künstler".

Leonardos Stärken waren seine Fantasie und Kreativität

Was ist Genie? - fragt der Autor. Wie entsteht Genie? Gilt Leonardo deshalb als Genie, weil ihn anscheinend aus dem puren Nichts wunderbare Geistesblitze trafen? Das hält van den Broek für eine romantische Idealisierung. Bei seinen Recherchen stieß er bei vielen angeblichen Erfindungen auf Vorgängermodelle. Leonardo besaß das Traktat über Architektur von Martini und war vertraut mit den Werken Vitruvs.

Leonardo habe sich also mit den Erfindungen seiner Vorgänger kreativ auseinandersetzt. Dabei sei er auf Zusammenhänge, Details und Verwendungsmöglichkeiten gestoßen, die andere übersehen hatten. Seine Stärken waren nicht Intellekt und Technologie, schreibt der Autor, sondern Fantasie und Kreativität.

Leonardos Zeitgenosse Francesco di Giorgio Martini hatte mehr als tausend Zeichnungen über Schaufelräder als Antrieb gezeichnet. Wie eine Bauanleitung. Da Vinci kannte diese Skizzen. Davon ist van den Broek überzeugt. Allerdings gelang es Leonardo, seine Zeichnung von einem Schaufelradboot so anmutig auf das Papier zu werfen, dass im Kopf des Betrachters eine ganze Geschichte entstehen konnte. Das Bildnis, das aus nur wenigen dahingeworfenen Linien besteht, lädt zum Verweilen und Träumen ein.

Cover des Buchs "Leonardo da Vincis Erfindungsgeister" von Marc J.M. van den Broek (Nünnerich-Asmus)Buchcover: "Leonardo da Vincis Erfindungsgeister" (Nünnerich-Asmus)Vielleicht gilt hierzulande erst etwas als erfunden, wenn es in Europa erfunden wurde, wendet van den Broek ein. So gilt ja auch Johannes Gutenberg als der Erfinder des Buchdrucks. Obwohl in China buddhistische Schriften schon vierhundert Jahre früher mit geschnitzten Holzstöcken und Tinte auf Papier gedruckt wurden.

Erfindungen sind in China früher gemacht worden

Ebenfalls in China fand wohl der erste Fallschirmsprung der Geschichte statt. Die Geschichte geht so: Kaiser Shun stand auf dem Dach eines Getreidespeichers, als sein mordlüsterner Vater das Gebäude in Brand setzte. 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung versuchte sich Shun zu retten, indem er mehrere kegelförmige Stohhüte zusammenband und sich damit in die Tiefe stürzte. Ob er überlebte, berichtet der Chronist Quian leider nicht. Im Westen entstand die erste bekannte Zeichnung eines Fallschirmspringers von einem anonymen Künstler aus Siena um 1470.

Die Idee, sich Tücher an die Arme zu schnallen, um einen Sturz in die Tiefe mit wehenden Stoffbahnen abzubremsen, hatte jedoch ein weiterer chinesischer Maler viel anmutiger in einem Fresco dargestellt. Farbig und fein zisiliert, in den Tausend-Buddha Höhlen bei der Oasenstadt Dunhuan an der Seidenstrasse. 700 Jahre vor Leonardo.

Wenn er kein Erfinder, sondern eher eine kreative Hochbegabung war, was für eine Künstlerpersönlichkeit war er dann? Van den Broek vermutet: Ein Fetischist und Pedant. Ein Kontrollfreak und Zauberer. Ein Eventmanager und Entertainer. Seine Fantasiewesen seien bestimmt unter viel Gelächter und Wein entstanden. Die perspektivischen Zeichnungen erinnerten hingegen an die heutigen plastischen "Explosionszeichnungen" aus Ingenieurplänen und Bauzeichnungen. Dafür benötige man nicht weniger als ein fotografisches Gedächtnis. Ein "fotographisches Gedächtnis" attestiert sich der Autor übrigens auch selbst.

Seine Texte sind mitunter sprunghaft und manchmal redundant. Trotzdem ist sein Buch ein wunderschönes anregendes Bilderbuch. Man kann sich darin verlieren, vor- und zurückblättern. Es lädt ein zu einer Zeitreise. Man gerät ins Nachdenken und ins Träumen.

Marc J.M. van den Broek: Leonardo da Vincis Erfindungsgeister
Eine Spurensuche
Verlag Nünnerich-Asmus
280 bebilderte Seiten, 39,50 Euro

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