Seit 10:05 Uhr Lesart

Freitag, 13.12.2019
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Lesart | Beitrag vom 15.11.2019

Buch über SchleimGlitscht, rotzt, wabbelt und hat Luft

Susanne Wedlich im Gespräch mit Andrea Gerk

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Schauspieler Louisde Funes versucht in einer Filmszene, ganz bedeckt von grünem Schleim, zu telefonieren. (imago images/ Mary Evans)
Vollkommen in Schleim gehüllt, Louis De Funes im Film "Die Abenteuer des Rabbi Jacob", 1973. (imago images/ Mary Evans)

Schleim ist eklig, ob er aus der Nase läuft oder als Film-Monster durch die Gassen glitscht. Allein das Wort lässt viele zusammenzucken. Dabei könnten wir ohne die zähfließende Masse nicht existieren. Susanne Wedlich hat "Das Buch vom Schleim" geschrieben.

Andrea Gerk: Bei uns im Kinderzimmer ist er türkis, lila oder gelb – und wird stundenlang mit verzücktem Gesichtsausdruck geknetet und gehätschelt. Die Rede ist von Schleim, der schön und lustig sein kann. Aber wenn er wie jetzt in der Erkältungszeit aus der Nase läuft, ist er ziemlich ekelhaft. Die Biologin und Wissenschaftsautorin Susanne Wedlich hat sich davon nicht abschrecken lassen und dem Schleim ein ganzes Buch gewidmet. Quietschgrün und silbern ist sein wunderschöner Umschlag in der Naturkundenreihe von Matthes & Seitz.

Frau Wedlich, Sie sind Biologin, da hatte ich eigentlich erwartet, wenn ich das Buch aufschlage, erst mal in die Materie wissenschaftlich eingeführt zu werden. Aber Sie beginnen Ihr sehr schönes, anekdotenreiches Buch mit der Film- und Literaturgeschichte. Warum haben Sie sich für diesen Einstieg entschieden?

Susanne Wedlich: Schleim, der arme Schleim, hat ja eigentlich zwei Imageprobleme: Da ist einmal, wie Sie sagen, die wissenschaftliche Seite, das Material, das so ein bisschen dröge und langweilig rüberkommt, dem traut man nicht viel zu. Wenn man es auch so sieht, so zähfließend, wirkt nicht sehr raffiniert. Die andere Seite ist aber natürlich Schleim als Ekelerreger. Und ich glaube oder habe mir dann überlegt, dass das der Schleim ist, mit dem wir heutzutage zuerst zu tun haben, an den wir denken, wie eklig das ist.

Schon das Wort erregt Ekel

Ich habe es natürlich auch beobachtet im Freundeskreis, wenn ich erzählt habe, dass ich an einem Schleimbuch arbeite. Alle schrecken zurück, man muss nur Schleim sagen, und die Leute ekeln sich schon. Dann dachte ich, ich hole vielleicht das Publikum da ab, wo die meisten von uns stehen – und das ist eben mehr dieser Schleim, den wir aus den Horrorfilme kennen, den wir vielleicht aus Büchern kennen. Eigentlich gibt es heutzutage keine Monster mehr, die nicht geifern oder sabbern.

Gerk: Aliens, Zombies, das ging ja schon bei H. P. Lovecraft los, das zeigen Sie auch noch mal. Warum versetzen uns eigentlich diese Schleiminvasionen und glibberige Wesen in Angst und Schrecken, was ist daran so eklig?

Wedlich: Ekel ist eine sehr wichtige Emotion, ein Schutzmechanismus, der uns eigentlich vor Erregern bewahren soll. Und wir können natürlich die Mikroben nicht sehen, das heißt unser Ekel muss ausweichen auf Symptome, sage ich mal. Das kann vielleicht ein schlechter Geruch sein, da weichen wir natürlich zurück, und es ist auch der Schleim. Und Schleim funktioniert so super, weil er so viele Sinne gleichzeitig anspricht, man erkennt ihn sofort, wenn man ihn sieht und kann zurückweichen, man spürt sofort, wenn man Schleim in der Hand hat. Ist vielleicht schwer, in Worte zu fassen, was den Schleim ausmacht, aber jeder kann ihn sofort erkennen. Das heißt, wir gehen erst mal ein bisschen zurück.

Der Ekel ist also berechtigt, gegen den spreche ich auch gar nicht. Man sollte sich weiter ungern anniesen lassen, das bleibt auch. Aber was natürlich auch mit Schleim viel zu tun hat, ist: Auch in unserer sterilen Welt kommt da natürlich noch zum Tragen, beim Sex zum Beispiel, da kann er ja ganz passend sein, nachher ist es vielleicht wieder ein bisschen peinlich und unangenehm. Sie haben es schon erwähnt, die tropfende Nase, Krankheit, das ist schwach, das ist vielleicht auch unangenehm. Und dann natürlich der ganze Komplex Tod, den wir alle so fürchten. Da reicht es ja schon, dass man vielleicht in der Küche eine Kartoffel erwischt und in der Hand hat, die den Zenit schon überschritten hat, und es ist schleimig und es ist eklig.

Und das kann man jetzt wohldosiert jedem Monster anheften, es muss nur sabbern, und jeder ekelt sich, und man kann aber auch wieder ausschalten und hat den Schleim wieder verbannt.

Schnecken über die Grenze geschmuggelt

Gerk: Aber es gibt auch Leute, die das ganz toll finden wie zum Beispiel die Krimiqueen Patricia Highsmith, die war ein Schneckenfan, und ich habe jetzt bei Ihnen erfahren, dass sie Ihre Schnecken sogar mal in Ihrer Handtasche ausgeführt hat. Also es gibt auch Leute, die finden das Schleimige offenbar toll.

Wedlich: Ja, ist richtig. Also ich gehöre auch dazu. Vielleicht nicht unbedingt den Schleim, aber klar, wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, wird man schmerzfrei. Und es kommt über die Faszination an dem Material und an den Tieren, die Schleim produzieren, bei Patricia Highsmith war es natürlich auch so, dass sie sich erst für die Schnecken interessiert hat, diese sich als Haustiere gehalten hat, fasziniert war vom Paarungsverhalten. Und dann stört der Schleim irgendwann auch nicht mehr, den bemerkt man dann vielleicht nicht mehr. Sie hat sogar einmal, als sie, ich glaube, nach Frankreich umgezogen ist, da durfte sie die Schnecken nicht einführen, das war verboten. Und dann hat sie eben mehrere Trips über die Grenze gemacht und hatte immer ein paar Schnecken unter ihrem Busen, wie auch immer das gehalten hat, und hat die rübergeschmuggelt.

Gerk: Sie schreiben ja, Schleim sei auch ein Ausdruck der Untiefen der menschlichen Psyche. Da denkt man, was Sie gerade über Patricia Highsmith erzählt haben, natürlich auch: Ja, da hat sie recht! Aber wie meinen Sie das, sieht es in unserem Unbewussten auch so undurchdringlich aus?

Wir werden den Schleim nie ganz los

Wedlich: Ja, ich glaube schon, dass – wie eben auch schon erwähnt – der Schleim, dadurch, dass er so eng mit unseren, sagen wir mal, nicht mit unserer hochgeistigen Seite, sondern mit den niederen Instinkten und Trieben verbunden ist, mit unseren Schwächen, mit unserem Körper, der ja einfach auch ein Tierkörper ist und uns das immer wieder zeigt. Und da spielt Schleim natürlich sehr oft eine Rolle, und deswegen können wir ihn auch nicht ganz loswerden, egal, wie sehr wir ihn verbannen aus unserer Wahrnehmung, das kommt dann immer wieder hoch – und dann sind es vielleicht eben die Monster.

Gerk: Und der Schleim ist ja auch tatsächlich unverzichtbar für unseren Körper, wir können gar nicht schlucken ohne Schleim, im Darm ist er ganz wichtig, über den Darm wurde ja auch viel gesprochen in letzter Zeit, aber sonst ist das eher ein Tabuthema, sobald es ums Schleimige geht oder?

Wedlich: Ja, Tabu ist richtig, ein bisschen bricht das auf jetzt. Gerade diese Geschichten mit dem Darmschleim und den Mikroben, die da leben, das wird natürlich jetzt sehr verbreitet. Auch die Botschaft, dass wir ohne diese Mikroben, die da im Schleim sind, ohne den Schleim nicht leben können. Das Faszinierende war für mich eigentlich, in der Recherche festzustellen, was mir vorher auch nicht klar war, dass wir eigentlich vier Schleimsysteme im Körper haben.

Schleim macht uns dreidimensional

Eben nicht nur diesen Schleim in den Atemwegen, im Darm, der die Schleimhäute bedeckt, sondern noch drei weitere. Da ist aber eben der Schleim wie so oft nicht im Namen drin, man hört es diesen Systemen nicht an, die sind aber eng verzahnt. Sie sind alle lebenswichtig für uns. Eins davon hält uns buchstäblich zusammen, verklebt unsere Zellen und unsere einzelnen Bestandteile, macht uns dreidimensional. Das heißt, das macht das Bindegewebe, aber das Bindegewebe ist auch schon wieder so ein langweiliger Ausdruck für diese wahnsinnig komplexe Matrix, die unendlich viele Funktionen in unserem Körper erfüllt.

Gerk: Also, es gibt gar nicht einen Schleim, Sie können jetzt auch nicht als Biologin definieren, was ist der Schleim, sondern das ist auch immer was anderes? Es gibt ganz viele verschiedene Schleimarten, wenn ich Sie richtig verstanden habe.

Wedlich: Man kann es tatsächlich schon reduzieren. Schleime sind eigentlich Hydrogele, das sagt uns der Name schon, extrem wasserhaltige – bis zu 99 Prozent Wasser können das sein – Substanzen. Das Wasser wird gehalten durch ein dreidimensionales Molekülgerüst. Das möchte so gern laufen, darf aber nicht, weil dieses Gerüst das Wasser eben bindet. Und daher kommt dann auch dieses spezielle Schleimige, Glitschende, Zähfließende.

Susanne Wedlich: "Das Buch vom Schleim"
mit Illustrationen von Michael Rosenlehner
Matthes & Seitz, 2019
220 Seiten, 34 Euro

Gerk: Und das ist ja auch für die Umwelt wichtig, also nicht nur für uns, in uns drin, sondern auch für die Welt, die uns umgibt. Und da zeigen Sie ja auch, dass das im Klimawandel auch natürlich fatal ist, wenn es immer wärmer wird, verändert sich ja auch was mit dem Schleim, der unsere Welt zusammenhält.

Schleim als Interface

Wedlich: Ja, das ist richtig. Da sind vor allem die Mikroben wichtig, die auch sehr aktiv Schleime machen, uns dann auch gerne krank machen und über die Schleime nicht mehr angreifbar sind. Aber eben natürlich auch in der Umwelt, das machen sehr oft an Grenzflächen zwischen festem Boden im Meer und dem Wasser, aber selbst unsere Ozeane sind von einer hauchdünnen Schleimschicht bedeckt. Das sind eben diese, Neudeutsch, Interfaces, da passieren sehr viele spannende Dinge wie jetzt diese Meereshaut.

Jeder Austausch zwischen Atmosphäre und Meer muss über diese Grenzfläche laufen, über diesen Schleim, der noch sehr wenig erforscht ist. Das ist auch unheimlich schwierig, er ist so dünn, man kann ihn ja mit bloßem Auge nicht mal sehen. Wie schöpft man diese hauchzarte Schicht ab, wie untersucht man die? Aber sollte sich jetzt im Klimawandel dann was verändern, die Meere werden wärmer, man könnte jetzt vermuten, dass die Mikroben aktiver werden, wird diese Schicht vielleicht ein bisschen dicker. Die Schleime verändern sich, das kann natürlich über diese gigantische Fläche von zwei Drittel der Erdoberfläche, so viel machen die Ozeane aus, könnte das natürlich schon einen großen Einfluss haben.

Gerk: Sie haben jetzt fast 300 Seiten voller Anekdoten und wirklich lehrreichen Geschichten geschrieben, haben sich also richtig reingekniet in den Schleim. Schauen Sie danach jetzt anders auf die Welt und auf die Rotznasen Ihrer Kinder?

"Je tiefer man einsteigt, desto schöner findet man den Schleim"

Wedlich: Nein, eigentlich nicht. Ist immer noch sehr widerlich. Der Schleim im täglichen Umgang, klar, man sollte sich da fernhalten, dieser Ekel bleibt. Aber wenn man dann mal hinter die Kulissen schauen kann, diesen Ekel ein bisschen beiseite schieben kann und sich einfach mal diese Substanzgruppe, diese Hydrogele anschaut, die im Grunde einfach aufgebaut sind mit diesem vielen Wasser, und sich dann anschaut, welche Funktionen die erfüllen alleine in unserem Körper.

Wir könnten nicht existieren ohne diese Schleime, die ganze Umwelt, Küstenstreifen werden zusammengehalten auch über die Schleime, selbst in der Wüste gibt es einen Schleim, der die Erosion verhindert. Das ist unglaublich, das ist wenig bekannt und je tiefer man einsteigt, desto schöner findet man den Schleim.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Lesart

Dorota Maslowska: "Andere Leute" Rau und wütend
Das Buchcover zeigt eine Nachtaufnahme zweier knallgelb strahlender Hochhäuser. (Cover: Rowohlt / Collage: Deutschlandradio)

Dorota Maslowska erzählt in "Andere Leute" über eine kaputte Gesellschaft voller Aggression und Verzweiflung. Drogen helfen nur zeitweilig. Die sprachliche Gewalt des Romans beeindruckt. Zum Glück handelt er nicht von uns - oder doch? Mehr

Literarischer Adventskalender (13)Roman: "Erebos 2"
Das dramatisch anmutende Cover zeigt eine Gelbfläche mit einem Guckloch, durch das ein Auge blickt. (Cover: Loewe Verlag / Collage: Deutschlandradio)

Ein Computerspiel schleicht sich in den Alltag der Menschen und richtet allerlei Unheil an. Wer den ersten Band der Reihe verschlungen hat, wird sich über diese Fortsetzung auf dem Gabentisch besonders freuen, sagt Katja Bigalke. Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur