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Religionen | Beitrag vom 18.10.2020

Buch über Heilsbringer im 20. JahrhundertVon Bob Marley bis zum Dalai Lama

Michael Stausberg im Gespräch mit Anne Françoise Weber

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Bob Marley bei einem Konzert am Mikrofon. (Getty Images/ Michael Ochs Archives)
Bob Marley war nicht nur Popmusiker, sondern auch Wegbereiter der "Rastafari"-Religion, wie der Theologe Michael Stausberg in seinem Buch schildert. (Getty Images/ Michael Ochs Archives)

Popmusiker, Atheistin, Rebbe oder Psychiater – in seinem neuen Buch stellt der Religionswissenschaftler Michael Stausberg rund 50 teils schillernde Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts vor, die aus bekannten Religionen neue Strömungen schufen.

Anne Françoise Weber: Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Mutter Teresa oder Ruhollah Chomeini – sie alle sind Religionsvertreter, die das 20. Jahrhundert ganz entscheidend geprägt haben. Aber es gibt noch viel mehr "Religionsmacher", die zur bewegten Religionsgeschichte dieses Jahrhunderts beigetragen haben. Eine Zusammenstellung hat vor Kurzem der Religionswissenschaftler Michael Stausberg geliefert – mit seinem neuen Buch "Die Heilsbringer: Eine Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert". War das schwer für Sie, da eine Auswahl zu treffen? 47 Kapitel sind es geworden, in manchen behandeln Sie mehrere Leute, also vielleicht 50 Personen, auf die Sie dieses Jahrhundert reduziert haben, das war wahrscheinlich eine Herausforderung, oder?

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Michael Stausberg: Das war in der Tat nicht leicht, und es gibt da keine Repräsentativität, es gibt kein objektives Maß, an dem man weder die Zahlen noch die Auswahl der Personen würde messen können. Ich habe angefangen mit einer Liste von ungefähr 250, 300 Leuten, die ich erst mal erarbeitet habe und dann letztendlich runtergekürzt. Es gibt natürlich auch noch Beschränkungen des Buchumfangs – was passt zwischen zwei Deckel und kann auch so noch behandelt werden, dass es sich nicht nur wie ein Lexikon liest.

C.G. Jung: Die Seele ist unterbewertet

Weber: Wir haben jetzt die Herausforderung, was passt in ein Interview. Da habe ich jetzt entschieden, eben nicht auf Hörererwartungen Rücksicht zu nehmen, sondern eher die unbekannteren Personen zu nehmen, oder Personen, bei denen es eben nicht so bekannt ist, wie sehr sie doch mit Religion zu tun hatten. Mit so einer Person möchte ich anfangen, das ist der Schweizer Arzt und Psychiater C. G. Jung. Wir beginnen da mit einem kurzen Auszug aus einem Gespräch mit dem Schweizer Rundfunk aus dem Jahr 1960, also ein Jahr vor seinem Tod:

"Jeder Einzelne trägt das Leben und das Leben ist nur von Einzelnen getragen. Die Theologen sollten selbstverständlich davon überzeugt sein, dass die einzelne Seele der Lebensträger ist und die große Wichtigkeit. Aber sich selber ernst nehmen, das gilt als Untugend. Man begegnet überall dieser Unterbewertung der menschlichen Seele."

C. G. Jung hat sicherlich, ebenso wie sein Lehrer Sigmund Freud, sehr dazu beigetragen, dass die Seele heutzutage weniger unterbewertet ist. Aber wo ist da der Bezug zur Religion – oder wie sieht er das Verhältnis von Seele und Gott?

Das Unbewusste als Quelle des Göttlichen

Stausberg: Das ist in der Tat eine meines Erachtens ganz entscheidende Entwicklung in der Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts, für die eben auch C. G. Jung steht, nämlich dass die Seele entdeckt wird als eine Quelle des Göttlichen. Da ist vor allen Dingen auch die Geschichte der Entdeckung des Unterbewussten von zentraler Bedeutung. Hier erschließt sich eine Art Energiequelle, die von vornherein mit Göttlichem aufgeladen ist. Dieses Potenzial, das in der Seele oder im Unbewussten schlummert, wurde lange durch unter anderem bestimmte Formen des Christentums und des Rationalismus überspielt.

Dieses Potenzial will nun Jung durch die von ihm entwickelten Deutungstechniken wieder der Menschheit zur Verfügung stellen und auch Möglichkeiten der Selbstheilung wieder entwickeln. Von daher passt eigentlich gerade auf Jung auch dieser Begriff des Heilsbringers, den man vielleicht nicht unbedingt mit ihm in Verbindung bringen würde, zumal er sich immer als Arzt und Wissenschaftler dargestellt hat.

Ein Psychiater, der sich als Erlöser sah

Weber: Das war seine Selbstdarstellung, aber es gibt auch die These, Jung habe sich zu einem arischen Christus einer esoterischen Mysterienreligion gemacht. Was ist denn da dran?

Stausberg: Da ist insofern etwas dran, als Jung in einer bestimmten Zeit seines Lebens eine Art Erlöservorstellung hatte. Er hat sich im Traum mit Christus identifiziert. Es gibt Quellen, die es erlauben, ihn als eine Art Religionsstifter in spe zu lesen. Das hat er dann später wieder relativiert.

Ein lächelnder, halbkahler Mann mit Brille und rötlichem Schnurrbart vor einer efeubewachsenen Mauer. (Johanna Schmalscheidt)Der Religionswissenschaftler Michael Stausberg. (Johanna Schmalscheidt)

Jung hat in der Tat auch in seinen Lektüren, in seiner geistigen Herkunft, in seiner geistigen Reifung, in seiner geistigen Auseinandersetzung Berührungspunkte mit einem Umkreis, aus dem auch der Nationalsozialismus, der Faschismus reichlich geschöpft haben. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde eben auch die analytische Psychologie Jungs als eine Art "arische Alternative" zur sogenannten jüdischen oder semitischen Psychoanalyse Freuds gepriesen. Das hat Jung sich auch eine Zeit lang gerne gefallen lassen, dann allerdings davon wieder Abstand genommen.

Astrologie und Alchemie versprachen Ganzheit

Weber: Er selbst sah die Menschheit an einer Zeitenwende, daraus hat sich dann auch so ein bisschen die New-Age-Bewegung inspiriert. Ist das im Grunde das religiöse Erbe, das von ihm bleibt, wenn wir jetzt mal von den ganzen psychologischen und psychiatrischen Werken absehen?

Stausberg: Das ist in der Tat ein Beitrag. Ich sehe allerdings einen weiteren Beitrag noch darin, dass er Techniken, Lesetechniken, eine Verstehenstechnik erarbeitet hat, die es erlaubt hatte, scheinbar abstruse Quellen sinnvoll zu erschließen. Er hat sich beschäftigt mit der Astrologie, mit Ufo-Erzählungen, mit der Alchemie und konnte diesen allen irgendwie etwas abgewinnen, was nicht nur darauf hinauslief, dass das plötzlich stimmige geistige Gebilde waren, sondern auch solche, die eine Art Relevanz für die Moderne hatten, die sozusagen wieder eine Art Ganzheit versprachen. Die Zurückgewinnung dieser Ganzheit ist eben auch eine Art Heilungs- und Selbstversöhnungsgeschehen.

Aleister Crowley und der menschliche Wille

Weber: Im gleichen Jahr geboren wie C. G. Jung wurde der Brite Aleister Crowley. Dessen Vater war so vermögend, dass er nicht arbeiten musste, sondern sich ganz seiner Mitgliedschaft gewidmet hat bei den sehr bibeltreuen Plymouth-Brüdern. Aleister hasste die und verabschiedete sich dann vom Christentum, wandte sich ganz unterschiedlichen Strömungen zu. Erst mal hier einen Auszug aus einem Gedicht: "The Pentagram", im Original gesprochen von Crowley selbst und dann mit einer Übersetzung versehen:

"Auf ihren Thronen sitzend, aus tiefer Kehle verkünden die Chöre der Äonen, der letzte Dämon ist besiegt, denn der Mensch ist der Herr der Luft. Stehe auf, Mensch in deiner Stärke, dein ist, das Königreich zu erben, bis die hohen Götter ausführlich bezeugen, dass der Mensch Herr seines Geistes ist."

Weber: Hier klingt also schon durch, der Mensch ist zentral, er ist der Herrscher bei Crowley. Ein Schlüsselbegriff bei ihm wurde der Wille. Worum geht es ihm?

Stausberg: Crowley ist einer, der sich vom Christentum ganz dezidiert verabschiedet hat. Jung versucht das Christentum sozusagen zu erneuern, zu öffnen, wieder verlorene Elemente, zum Beispiel das Weibliche, das Mythische, ins Christentum zurückzuführen. Crowley setzt unter das Christentum einen Schlussstrich und dreht gewissermaßen die Vorzeichen um.

Magie und Sex als Wege zum Heil

Für Crowley ist all das, was das Christentum ausgeblendet hat, etwas, was eigentlich einen neuen Heilsweg zu erschließen scheint, also zum Beispiel die Magie. Das ist ja das, was in einem traditionellen Denken der Religion entgegengesetzt wird. Hier wird die Magie etwas, das es erlaubt, dem Menschen, sich den Kosmos neu einzuverleiben und zu erschließen.

Die Sexualität wird aufgeladen, wird ritualisiert, wird zu einer Sinnressource, und eben auch der Wille. Der Wille ist – und hier hört man vielleicht auch ein bisschen Nietzsche – nicht etwas, das es zu brechen gilt, sondern der Mensch wird ein sich von den Fesseln des Christentums befreiter Herr im Universum, und der Mensch hat sich die Welt sozusagen in seinem Willen anzueignen.

Die Aura des Provokateurs

Weber: War das auch die Idee, die so viele Menschen in der Popkultur fasziniert hat? Musiker wie die Beatles, The Doors, Jimmy Page von Led Zeppelin bezogen sich auf ihn. Ging es denen um den Willen oder ging es denen um diese Magie, um diese wilden Rituale, die Crowley da auch gemacht hat?

Stausberg: Es ist natürlich schwer zu sagen, inwiefern diese Künstler sich intensiv mit Crowley beschäftigt haben, zumal Crowley eine so vielschichtige Person ist, dass es sehr schwer ist, ihn auf eine klare und nicht widersprüchliche Lehre herunterzukochen.

Ich glaube, was die Leute fasziniert hat, ist die Aura Crowleys, die Aura des Provokateurs, des Gegenkulturellen, bevor es so etwas gab wie 1968. Crowley war ja schon längst vorher gestorben. Crowley war so etwas wie das Enfant terrible seiner Zeit, der sich nicht zu schade war, sich mit allen und jedem zu überwerfen, alles und jedes auszuprobieren, Grenzen zu überschreiten, auch mit Rauschmitteln zu experimentieren, der also versucht hat, viel Verbotenes legitim zu machen, sich anzueignen und damit eben neue Sinnhorizonte zu erschließen, die dann in vielen Fantasien der Rockmusik und der Gegenkultur neu angeeignet und ausgestaltet wurden.

Bob Marley huldigte dem äthiopischen Kaiser

Weber: Mit der nächsten Person bleiben wir gleich beim Thema Popkultur. Wir hören mal ganz kurz, wer da spricht:

"Greetings in the name of His Majesty Emperor Haile Selassie I. Jah Rastafari, ever living, ever fearful, ever sure, Selassie I. Rastafari!"

Weber: Ja, der weltbekannte Musiker Bob Marley, der da einem Kaiser huldigt: Haile Selassie. Das ist die Rastafari-Religion, und hier hören wir noch mal kurz, wie Bob Marley diesen Glauben 1979 in einem Interview erklärt: "Die Rastafari-Bewegung begann mit der Krönung seiner Majestät, König der Könige, Rastafari. Als ihn die Bibel offenbarte, fügte sich alles zusammen."

Wir haben einen äthiopischen Kaiser, 1930 gekrönt, der aber in der Bibel schon offenbart sein soll. Wie passt das alles zusammen und wie kommt Marley als jamaikanischer Musiker da dazu?

Stausberg: Es gibt eine faszinierende Verflechtung zwischen Jamaika und Äthiopien oder Afrika im weiteren Sinne, wo Äthiopien eben der Inbegriff des Afrikanischen ist. Es gab schon auch aus den USA kommende Hoffnungen einer Wiedervereinigung der Schwarzen und ihrer Rückkehr nach Afrika und damit nach Äthiopien, was dann auch die Erneuerung der Schwarzen hätte darstellen sollen. Als es dann zu der Krönung von Haile Selassie kam, schienen eben diese Erwartungen hier nun verkörpert zu werden in der Person dieses Königs, der mit großen Ambitionen und einer großen Symbolik sich dort inthronisieren ließ.

Manche glauben, er wollte der Messias sein

Weber: Der ließ sich inthronisieren, aber er ließ sich ja eigentlich nicht zum Messias machen, also er wurde von anderen zum Heilsbringer gemacht. Wie hat er denn darauf selbst reagiert?

Stausberg: Er selbst hat es abgewiesen, andere hingegen fanden, dieses Abweisen war gleichzeitig mit, sagen wir mal, subkutanen Signalen garniert, die eben den Eingeweihten zu verstehen gegeben hätten, dass er eigentlich sich dieses Auftrags doch auch bewusst war. Wir finden hier eine Kommunikation, die auf mehreren Ebenen stattfindet.

Weber: Und dann haben wir auch noch hinduistische Elemente wahrscheinlich bei den Rastafari – wie kommt denn das da noch rein?

Stausberg: Das kommt durch indische Vertragsarbeiter auf Jamaika, die dort ihre indisch-hinduistischen Traditionen pflegten und dadurch offenbar einen gewissen Eindruck machten auf die Lokalbevölkerung, die sich dann wieder auch bestimmte Elemente dieser indischen Tradition aneignete. Etwa die Haarpracht, die Dreadlocks, oder auch das Rauchen von Marihuana scheint aus dem Indischen herzukommen und wurde dann mit neuen Interpretationen und mit neuen Bedeutungen aufgeladen und weitergegeben und transformiert.

Madalyn O’Hair kämpfte für den Atheismus

Weber: Und eben auch ein neues Religionsgeflecht ist dabei entstanden. Wir wollen uns jetzt einer Frau zuwenden, die eigentlich gar nichts mit Heilsbringern zu tun haben wollte. Es ist die 1919 geborene Madalyn Murray O’Hair. Sie hat in einer Late-Night-Sendung des US-amerikanischen Fernsehens PBS erklärt:

"Es gibt keinen Gott, der es irgendjemandem erlaubt, irgendwo irgendwann zu sein. Das ist ein Mythos, der erfunden wurde. Eine ganze Erzählung wurde Menschen übergestülpt, um Probleme zu lösen, die sie in Urzeiten hatten, aber darüber sind wir hinweg. Lassen Sie mich fragen: Wenn alle Menschen da draußen heute Abend anfangen zu beten, wird das einen Atomkrieg verhindern? Wenn wirklich alle da draußen beten würden für die Slums in Amerika, werden sie dann verschwinden?"

Weber: Man kann sich vorstellen, dass das in den USA jetzt nicht gerade populäre Aussagen waren. Wie wurde denn Madalyn O’Hair zu einer so überzeugten Atheistin?

Stausberg: Das ist schwer zu sagen, wie sie das biografisch wurde. Da sind natürlich viele Erzählungen, die sie im Nachhinein sich zurechtgestrickt hat. Sie wurde allerdings zu einer nationalen Berühmtheit durch ein Gerichtsverfahren, 1963 in Baltimore, und da ging es um das Schulgebet. Sie hatte sich dafür eingesetzt, dass ihr Sohn, der damals 14 Jahre alt war, dieses Gebet nicht würde aufsagen müssen zu Beginn des Schultags.

Die Kirchen mit ihren eigenen Waffen schlagen

Als der Supreme Court dann entschied, dass es verfassungswidrig sei, ein verpflichtendes Schulgebet zu haben an amerikanischen Schulen, war das wie ein Donnerschlag in die amerikanische Gesellschaft hinein. Madalyn Murray O’Hair hat sich da sehr profiliert und auch keine Gelegenheit ausgelassen, sich unbeliebt zu machen und die amerikanische Öffentlichkeit zu provozieren.

Weber: Sie hat verschiedene atheistische Vereine ins Leben gerufen, aber auch zusammen mit ihrem Mann Richard so eine Art Gegenkirche, die "Poor Richard’s Universal Life Church". War das der Versuch, die Kirchen mit Satire zu entlarven?

Stausberg: Das war eine Art Versuch, die Kirchen oder Religionen sozusagen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und eben auch ähnliche oder die gleichen Rechte damit zu erlangen, die Kirchen normalerweise haben, wie etwa Steuervorteile.

Für Rebbe Schneerson stand die Ankunft des Messias bevor

Weber: Wir kommen jetzt zu einem Mann, der ungefähr das entgegengesetzte Ziel verfolgte: Madalyn O’Hair hat gegen das Schulgebet protestiert. Er hat dann gegen das Urteil des Supreme Courts protestiert. Ihm ging es darum, mehr Religion in die USA zu bringen und vor allem die besondere Richtung des Judentums, der er angehörte: Menachem Mendel Schneerson, 1902 in der Ukraine geboren, ist der siebte Lubawitscher Rebbe gewesen.

Jetzt erst mal ein paar Sätze von Schneerson, die er als ziemlich alter Mann zu einem CNN-Reporter gesagt hat: "Wir werden es immer wiederholen: Der Messias ist bereit, jetzt zu kommen. Es liegt nur an uns, mehr Güte und Freundlichkeit zu zeigen. Wenn die Menschen etwas mehr davon tun, wird der Messias sofort kommen."

Schneerson wartete nicht nur, wie im Judentum durchaus üblich, auf die Ankunft des Messias, sondern sah sie als kurz bevorstehend. Ist das ein Kennzeichen seiner Bewegung der Chabad oder auch Lubawitsch, wie sie genannt werden?

Stausberg: Das ist durchaus ein Kennzeichen, und das hat sich eben gegen Ende seines Lebens auch noch sehr verstärkt, als bestimmte Entwicklungen – wie etwa der erste Golfkrieg oder der Untergang der Sowjetunion – große historische Umwälzungen anzudeuten schienen. Als es in Brooklyn, wo diese Gemeinde ihr Zentrum hatte, zu "Rassenunruhen" kam. Die Welt schien sozusagen am Gärpunkt angekommen zu sein. Viele seiner Anhänger haben in ihm auch den möglichen Messias gesehen – das ist eine Zuschreibung, die er stets abgelehnt hat, die aber trotzdem vorhanden war.

Kampagnen für das ultraorthodoxe Judentum

Weber: Messias wollte er nicht sein, aber er war Rebbe. Und Rebbe ist viel mehr als der Rabbi, also sozusagen der jüdische Ortsgeistliche. Was meint denn Rebbe?

Stausberg: Rebbe meint eine Person mit einer umfassenden religiösen und persönlichen Autorität. Ein Rebbe ist vor allen Dingen in dieser Tradition, in der er stand, die absolute Autorität. Der Rebbe ist der Leiter der Gemeinde, ist also sowohl auf persönlicher als auch auf kollektiver Ebene die Autoritätsperson, die auch Gott am nächsten steht.

Weber: Das Judentum ist im Grunde keine missionarische Religion. Aber Schneerson hat eben doch etwas Ähnliches betrieben, indem er zumindest Menschen angesprochen hat, die eine jüdische Herkunft hatten, aber ihren Glauben nicht mehr gelebt haben. Dazu hat er verschiedene Kampagnen erfunden, zum Beispiel das Errichten von riesigen Chanukka-Leuchtern, das haben wir mittlerweile auch hier in Berlin. Hat Schneerson dem globalen Judentum eine neue Sichtbarkeit gegeben?

Stausberg: Ja, auf jeden Fall. Er hat auch dem orthodoxen oder dem ultraorthodoxen Judentum eine neue Sichtbarkeit verliehen und so Frömmigkeitshandlungen ein bisschen des Stigmas des Peinlichen, auch des Altertümlichen entledigt und zu Alltagspraktiken umgeformt, die wieder eine Identifikation mit dem Judentum ermöglichten.

Durch das Aussenden seiner Gefolgsleute in alle Welt hat er diese eigentlich zunächst mal sehr kleine und marginale Gruppe weltweit sichtbar gemacht. Er hat sich eben auch nicht gescheut, diese Ausgesandten an Orte zu schicken, die eigentlich außerhalb der Sphäre seines Klientels lagen.

Thich Nhat Hanh machte Achtsamkeit zur Alltagspraxis

Weber: Ich möchte jetzt zum Abschluss noch in eine Richtung blicken, die bisher kaum vorkam, und zwar zum Buddhismus. Da ist einer der in Europa dann doch bekanntesten Vertreter, der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh, geboren 1926. Wir beginnen mit einem Auszug aus einer Ansprache, die kommt aus dem Film "Die Kunst des achtsamen Lebens" von Jörg Röttger. Die Übersetzung wurde gleich vor Ort gemacht. Thich Nhat Hanh sagt da: "Wenn euch jemand fragt, was Achtsamkeit ist, dann könnt ihr sagen, dass Achtsamkeit die Energie ist, die uns hilft, gegenwärtig zu sein im gegenwärtigen Moment."

Achtsamkeit ist heutzutage in aller Munde. Oft wird ein bisschen vergessen, dass sie eigentlich aus dem Buddhismus kommt. Kann man sagen, dass Thich Nhat Hanh vielleicht nicht der Erfinder, aber doch der Hauptvertreter dieses Konzepts in der letzten Zeit war?

Stausberg: Er hat auf jeden Fall einen wesentlichen Anteil daran gehabt, dass dieses Konzept sich so verbreitet hat. Ob er der Erfinder ist, ist vielleicht eher zu bezweifeln, aber er ist jemand, der es geschafft hat, dieses Thema, diesen Begriff in eine Art Alltagspraxis zu verwandeln, die für ein breites Publikum auch jenseits des Buddhismus anschlussfähig ist.

Politisches Engagement für Frieden und Ökologie

Weber: Wenn man Achtsamkeit hört, dann denkt man vielleicht, es geht da vor allem um eine individuelle Suche nach Erleuchtung oder nach innerem Frieden oder so etwas, aber zumindest bei Thich Nhat Hanh ist das nicht so. Er war auch wirklich politisch aktiv, er hat sich gegen den Vietnamkrieg gestellt, hat einen starken Einsatz für Ökologie und hat den Begriff "engagierter Buddhismus" erfunden oder zumindest verbreitet. Ist das also so eine Verknüpfung von Religion und Politik, die er da betreibt?

Stausberg: Ja, und da muss man natürlich auch sehen, dass er in Vietnam aufgewachsen ist. Am Ende der Kolonialzeit, im Vietnamkrieg, war er größtenteils in den USA. Er war in der Friedensbewegung aktiv. Das Politische, das wurde ihm gewissermaßen auch in den Leib geschrieben. Er hat sich dieser Herausforderung dann gestellt.

Die Religion ins Diesseits holen

Weber: Zum Abschluss noch die kurze Frage: Wenn Sie jetzt auf die rund 50 Gestalten schauen, die Sie da vorgestellt haben. Gibt es etwas, was sie trotz all der unterschiedlichen Strömungen vereint in der Herangehensweise an Religion?

Stausberg: Das Gemeinsame lässt sich nur zu einem kleinen Teil an inhaltlichen Dingen festmachen, obwohl es auch da gewisse Interessenkonvergenzen gab, zum Beispiel die Ablehnung eines Religions- und Gottesverständnisses, das Religion und Gott im Jenseits festmacht: also, einen großen Willen dazu, Religion in ihrer politischen, ihrer sozialen, ihrer individuellen Bedeutung zu würdigen und relevant zu machen, aber eben genau diese Aspekte aus Religionen zu schöpfen und daraus wieder Neues zu generieren. Wir haben da in vielerlei Hinsicht auch mit Grenzüberschreitungen zu tun.

Weber: Auf jeden Fall war das ein sehr vielfältiges religiöses Jahrhundert, auf das Sie da in Ihrem Buch zurückblicken. Vielen Dank, Michael Stausberg, Professor für Religionswissenschaften an der Universität Bergen und Autor des Buches "Die Heilsbringer: Eine Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Michael Stausberg: "Die Heilsbringer: Eine Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert"
C. H. Beck 2020,
783 Seiten, 34 Euro

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