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Interview | Beitrag vom 28.09.2021

Buch über Attentat in Halle Schmerz und Zorn der Angehörigen und Überlebenden

Esther Dischereit im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Die Autorin Esther Dischereit  (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Die Autorin Esther Dischereit beklagt die fehlende staatliche Hilfe für die Überlebenden und Angehörigen des Mordanschlags von Halle. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Die Schriftstellerin Esther Dischereit will den Betroffenen nach dem Mordanschlag in Halle 2019 eine Stimme geben. Ihr Buch "Hab keine Angst, erzähl alles" versammelt Texte von Angehörigen und Überlebenden. Sie fordert außerdem mehr Unterstützung. (*)

Überlebende und Angehörige der Opfer bei den Mordanschlägen von Halle am 9. Oktober 2019 kommen in dem Buch "Hab keine Angst, erzählt alles" zu Wort. Herausgeberin ist die Schriftstellerin Esther Dischereit, die ihnen nach ihrer Beobachtung des Verfahrens gegen den Täter eine Stimme geben wollte. Während des Prozesses hatten sich viele Betroffene und deren Anwälte in bewegender Weise geäußert.

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Angeklagt war der rechtsextremistische Schütze, der in Halle versucht hatte, mit Waffengewalt in die Synagoge einzudringen, um die dort versammelten Gläubigen zu töten. Nachdem ihm dies misslungen war, erschoss er zwei andere Personen und verletzte weitere Menschen bei seiner Flucht. Er wurde am 21. Dezember 2020 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Sichtbarkeit der Betroffenen bei dem Prozess

"Mein Hauptinteresse war, dass die Zeugnisse, die die Überlebenden selber vor Gericht vortrugen, bewahrt werden", sagt Dischereit über ihr Buch. Sie sollten zugänglich sein und gehört werden, weit über den Gerichtssaal hinaus.

"Ich weiß überhaupt nicht, ob so ein Prozess überhaupt gerecht sein kann", sagt die Autorin über das Verfahren in Halle. "Es wird ja nichts wieder hergestellt, nichts wieder gut gemacht." Sie habe neben der Verurteilung des Täters wichtig gefunden, dass die Überlebenden hätten sprechen können und dort sichtbar geworden seien.

Keine Statisten wie bei NSU

"Das ist überhaupt nicht selbstverständlich", so Dischereit. Im NSU-Verfahren oder im NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag sei das nicht annähernd in dieser Weise möglich gewesen. "Da sind die Angehörigen noch ganz anders behandelt worden: wie Statisten ihrer eigenen Angelegenheit." Da müsse unbedingt etwas passieren: "Für wen wird eigentlich Recht gesprochen?"

Der Opferfonds bleibt leer 

Dischereit beklagt mangelnde Unterstützung für die Angehörigen und Überlebenden. Es gebe in Halle zwar eine starke Solidaritätsgruppe und zivilgesellschaftliches Engagement, aber die staatlichen Stellen und der Opferfonds seien enttäuschend. "Das ist die Katastrophe", sagt die Autorin.

Da kämen zwar der Opferbeauftragte der Bundesregierung, der Oberbürgermeister und der Ministerpräsident und sprächen alle gut zu, aber der Fonds sei leer. "Das sind alles gute Wünsche, sehr schön, aber die Leute haben eben auch über Monate schweren wirtschaftlichen Schaden genommen." Es dürfte sich nicht erfüllen, was der rechtsextreme Täter gewollt habe - dass die betroffenen Menschen aus Halle verschwänden. (*)

Esther Dischereit (Hg) "Hab keine Angst, erzähl alles! Das Attentat von Halle und die Stimmen der Überlebenden"
Herder Verlag, Freiburg 2021
272 Seiten, 20 Euro

(*) Redaktioneller Hinweis: Wir haben die Schreibweise des Namens korrigiert. Außerdem wurde in einer früheren Fassung der Gesprächsgast falsch wiedergegeben. Diesen Fehler haben wir korrigiert.

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