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Kompressor | Beitrag vom 09.11.2017

Brutalismus-Ausstellung in FrankfurtFaszinierende Monster aus Beton

Philip Kurz im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Fritz Wotruba: Dreifaltigkeitskirche, Wien-Mauer, Österrreich, 1971–1976 (Wolfgang Leeb 2011)
Fritz Wotruba: Dreifaltigkeitskirche, Wien-Mauer, Österrreich, 1971–1976 (Wolfgang Leeb 2011)

Roh, massiv und hässlich - brutalistische Gebäude werden oft als eine Art architektonische Sünde wahrgenommen. Völlig zu unrecht, meint Philip Kurz von der Wüstenrot Stiftung. Denn das schlechte Image sei vor allem auf den schlechten Pflegezustand zurückzuführen.

Erstmals wird die brutalistische Architektur im weltweiten Überblick gezeigt. Unter dem Titel "SOS Brutalismus" widmet sich das Deutsche Architekturmuseum diesem Baustil der 1950er- bis 1970er-Jahre. Der Begriff Brutalismus bezieht sich dabei nicht auf das Wort "brutal", sondern auf "béton brut", den französischen Ausdruck für Sichtbeton.

Brutalistische Architektur zelebriert das Rohe, die nackte Konstruktion und ist enorm fotogen. Viele sehen darin jedoch Betonmonster, über die man leidenschaftlich streiten kann. Die oft spektakulär-expressiven Bauten entstanden in einer Zeit der Experimente und des gesellschaftlichen Aufbruchs. Heute droht etlichen der Abriss. Die Rettungskampagne #SOSBrutalism mit einer Datenbank zu über 1000 Bauten erweitert daher die Ausstellung ins Internet.

Nicht hässlich, sondern großzügig und modern

Philip Kurz von der Wüstenrot Stiftung bedauert, dass der Brutalismus oft gleichgesetzt werde mit Hässlichkeit. Das schlechte Image aber komme vor allem daher, dass die Gebäude in den vergangenen Jahre zu schlecht gepflegt worden seien und dass sich die Nutzung geändert habe.

Das Brutalismus-Postamt wird documenta-Kantine und Austellungsgebäude. (Deutschlandradio/ Ludger Fittkau)Das Brutalismus-Postamt in Kassel wird documenta-Kantine und Austellungsgebäude. (Deutschlandradio/ Ludger Fittkau)

Als Beispiel nannte Kurz den Robin Hood Gardens-Komplex in London. Dieser werde gerade abgerissen. Das schlechte Image des Wohnkomplexes sei aber der Tatsache geschuldet, dass die soziale Mischung in den Häusern nicht gestimmt habe. Soziale Probleme seien aber nicht die Folge der Architektur. Denn die brutalistischen Wohnkomplexe seien in der Regel großzügig und modern. Die Wohnungen hätten einen hohen Standard, sehr gut geschnittene Grundrisse, Balkone und oft auch einen sehr guten Blick über die Landschaft. "Vom Wohnwert sind die überhaupt nicht schlecht".

Schwierige Aufgabe für den Denkmalschutz

Die meisten brutalistischen Gebäude seien jetzt um die 50 oder 60 Jahre alt. Für den Denkmalschutz sei das eine schwierige Aufgaben. Auch wenn die Gebäude aussähen, als seien sie für die Ewigkeit gebaut, komme kein Haus ohne ständige Pflege aus. "Sie sind oft wahnsinnig schlecht gepflegt." Und in diesem Zustand müsse man "dieser Patina eine gewisse Schönheit abgewinnen" können.

IACP (Carlo Celli / Luciano Celli): Rozzol Melara, Triest, Italien, 1969{Entwurf}–1982 (Paolo Mazzo 2010)IACP (Carlo Celli / Luciano Celli): Rozzol Melara, Triest, Italien, 1969{Entwurf}–1982 (Paolo Mazzo 2010)

Statement der Demokratie

Derzeit gehe es vor allem um das Hippe und Coole am Brutalismus, sagte Kurz. Dabei würden viele Dinge verkannt und nicht berücksichtigt. Man könne zweifellos sagen, dass es einen Trend gebe, die Dinge, die die Eltern und Großeltern gebaut hätten, erst einmal kritisch zu sehen und im Zweifel "wegzuhauen". "Da geht es dem Brutalismus nicht anders als es z.B. Bauhaus-Gebäuden vor 40 Jahren." Er glaube nicht, dass der Brutalismus so verfemt sei, weil er aus Beton sei oder so roh aussehe, sondern ganz schlicht und ergreifend auch, "weil wir ja immer meinen, in der jetzigen Zeit machen wir alles besser und richtiger". In 20 oder 30 Jahren würden die brutalistischen Gebäude, die noch in den Städten stehen würden, vielleicht ebenso anerkannt als Teil der städtebaulichen Kultur wie ein Stadtschloss, das ja ähnlich monumental sei. Brutalistische Gebäude seien meistens Kulturzentren, Bibliotheken, Rathäuser - also auch ein "Statement der Demokratie".

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