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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.01.2018

Brunnermeier, James, Landau: "Euro: Der Kampf der Wirtschaftskulturen" Ein Finanzsystem, das für sich selbst da ist?

Von Klaus-Rüdiger Mai

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"Euro: Der Kampf der Wirtschaftskulturen" von Markus Brunnermeier, Harold James und Jean-Pierre Landau (C.H.Beck Verlag/picture alliance/dpa/Foto: Frank Rumpenhorst)
Buchcover: "Euro: Der Kampf der Wirtschaftskulturen" (C.H.Beck Verlag/picture alliance/dpa/Foto: Frank Rumpenhorst)

Drei Finanzexperten schreiben über den Euro und berauschen sich an der Europäischen Idee, verlieren dabei aber die Bürger aus dem Blick. Doch gerade diese auffallenden Leerstellen macht "Euro: Der Kampf der Wirtschaftskulturen" so interessant.

Die Deutschen sind starr, kleben an Normen, sind unflexibel und haben ein Faible für Disziplinierung und Strafe. Zumindest, was ihre Wirtschaftskultur betrifft. Die Franzosen dagegen packen an, etwas verwegen vielleicht, aber stets daran interessiert, Probleme zu lösen, stets bereit Solidarität in Europa zu üben – allerdings mit deutschem Geld.

Auf diesem etwas strapazierten Gegensatz zwischen angeblicher französischer und deutscher Wirtschaftskultur beruht die Dramaturgie dieses Buches. Die Autoren dieses "Kampfes der Wirtschaftskulturen" sind Markus Brunnermeier und Harold James, die Ökonomie beziehungsweise Geschichte in Princeton lehren, und der ehemalige Vizepräsident der Französischen Nationalbank Jean-Pierre Landau. In den Mittelpunkt stellen sie die Geburtsurkunde des Euros – den Vertrag von Maastricht – und vor allem die fiskalischen und politischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Was nicht passt, wird verharmlost

Nimmt man die Autoren beim Wort, dann besteht das ganze Problem des Euros darin, dass die Deutschen und die Franzosen sich wirtschaftsphilosophisch nicht einigen können und ständig faule Kompromisse schließen. Ob es um die Haftung von Staaten der Eurozone für die Schulden anderer Staaten geht, ob um die Bindung von Krediten an die Haushaltskonsolidierung, ob um die monetäre Staatsfinanzierung der EZB oder um deren Niedrigzinspolitik – alles wird auf diesen Gegensatz zurückgeführt. Unter dem Vorwand, beide Wirtschaftsphilosophien zu diskutieren, um eine Lösung zu finden, diskreditieren sie die deutsche Position als unflexibel. Als Lösung bieten sie dagegen jene Politik an, für die auch Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank steht.

Was nicht ins Bild der Wirtschaftswissenschaftler passt, wird verharmlost. Beispiele? Da wäre zum einen das höchst geheime Anfa-Abkommen, das erst auf massiven öffentlichen Druck publiziert wurde, nachdem herauskam, dass Franzosen und Italiener heimlich "im eigenen Keller Geld" druckten, "das in anderen Ländern als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt ist" (Hans Werner Sinn). Zum zweiten gehen die Autoren auch der Griechenlandkrise nicht auf den Grund – obwohl just Mario Draghi in verantwortlicher Position in London bei Goldman Sachs war, als die Bank Griechenland unterstützte, die Aufnahmekriterien in den Euro nur scheinbar zu erfüllen, und heute als Chef der EZB über die Gelder und Sanktionen für Griechenland mitzuentscheiden hat. Die Bank weigert sich, die betreffenden Akten öffentlich zugänglich zu machen.

Gerade wegen seiner Schwächen lesenswert

Trotzdem ist in der Erzählung der Wirtschaftswissenschaftler Mario Draghi der Held dieses "Kampfs der Wirtschaftskulturen". Und gerade deshalb lohnt sich die Lektüre des Buches. Denn sie erlaubt es, die Denkweise und Strategien einer Finanzelite und der EZB zu verstehen. Dabei entsteht der Eindruck eines Finanzsystems, das nur für sich selbst da ist.

Was fehlt, das sind ein Blick auf die unterschiedlichen Sozial- und Steuersysteme Europas und vor allem ein Blick auf die Auswirkungen für die Bürger Europas, wenn diese Systeme europäisiert würden. Wie paradox: Das Buch berauscht sich an einer europäischen Idee, doch kommen die Europäer in diesem Buch nicht vor.

Markus Brunnermeier, Harold James und Jean-Pierre Landau: "Euro: Der Kampf der Wirtschaftskulturen"
C.H.Beck, 2018
525 Seiten, 29,95 Euro

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