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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.02.2018

Brücken bauen zwischen den Kulturen"In mir steckt viel, viel mehr als nur Deutschland"

Von Julia Smilga

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Fünf junge Teilnehmer des Münchner Projekts Youth Bridge posieren vor einer Münchner Brücke. (Youth Bridge / Europäische Janusz Korczak Akademie)
Fünf junge Teilnehmer des Münchner Projekts Youth Bridge posieren vor einer Münchner Brücke. (Youth Bridge / Europäische Janusz Korczak Akademie)

"Youth Bridge" nennt sich ein Projekt, das "Brücken" bauen möchte zwischen jungen Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen. Unsere Autorin Julia Smilga kam selbst vor 20 Jahren von Russland nach Deutschland und begleitet für uns das Projekt in München.

"Ich würde sagen, Schwächen haben auch ganz stark damit zu tun, was man will im Leben."

Das zierliche Mädchen mit dunklem Teint und großen aufmerksamen Augen argumentiert ruhig und eloquent. Die 18-jährige Zawadi Dernbach meldet sich oft in der Runde. Bei der Diskussion mit den anderen Jugendlichen geht es um Selbstwahrnehmung und Wirkung auf ihr Umfeld.

Vor 20 Jahren als ich aus Russland nach Deutschland kam, war ich etwa so alt wie diese Jugendlichen. Sie sind zwischen 16 und 23, haben Eltern oder Großeltern, die aus einem anderen Land stammen und nehmen an dem Münchner Projekt "Youth Bridge" teil. Innerhalb von zwei Jahren sollen sie zu "Brückenbauern" ausgebildet werden, zwischen verschiedenen Communities in der Stadt vermitteln.

Großeltern aus Tansania, Jamaika und Deutschland

Es ist für mich spannend zu beobachten, wie sich diese Kinder der Zuwanderergeneration völlig vorbehaltslos mit ihrer Heimat Deutschland identifizieren und darum in dem Land etwas bewegen, verändern wollen. Die 40 Teilnehmer sprechen über 20 Sprachen. Viele vereinen gleich mehrere Nationen in sich. Auch Zawadi Dernbach: 

"Ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern auch, aber ich habe Großeltern aus Tansania und Jamaika, meine Großmütter sind beide aus Deutschland. Wenn ich nur sage, ich komme aus Deutschland, ist es nur ein Teilaspekt von mir, in mir steckt viel, viel mehr als nur Deutschland."

Ein Vorteil, glaubt Sawadi. Doch den könne sie zu selten einbringen, sagt sie. Neben ihr sitzt ein stämmiger junger Mann mit welligen dunkelblonden Haaren. Ismail Kuzu ist 23 Jahre alt, er stammt aus einer türkischen Familie und studiert Maschinenbau an der Technischen Universität München. Außerdem engagiert er sich in der türkisch-muslimischen Gemeinde in Dachau. Viele seiner Freunde sind Moslems. Ismail möchte aber auch Menschen aus anderen Kulturkreisen kennenlernen.

"Was mich sehr interessiert hat -  ich habe während meines ganzen Lebens  nie wirklich jüdische Freunde gehabt oder überhaupt einen jüdischen Menschen  gekannt. Deshalb fand ich das eigentlich sehr interessant, überhaupt mit diesen Menschen in Kontakt zu kommen. Zum anderen haben mich die Workshops sehr interessiert  mit  den ganzen Seminaren und Fortbildungen - da denk´ ich, dass man dazu lernt." 

"Wir können uns hinstellen und anfangen zu weinen, oder wir machen etwas"

Das Projekt Youth Bridge hat die Europäische Janusz Korczak Akademie ins Leben gerufen, eine Bildungseinrichtung mit jüdischem Hintergrund. Präsidentin Eva Haller möchte Münchener Jugendliche vernetzen, um sie gegen Menschenhass und Vorurteile zu sensibilisieren, egal ob es um wachsenden Antisemitismus oder Antiislamismus geht.

"Es geht ja auch um unseren Namensgeber, Janusz Korczak und seine Pädagogik ist ja die Pädagogik des Respekts und der Achtung. Und in unseren Zeit, wenn sie die Nachrichten hören was in unseren Welt an Missachtung Mensch gegen Mensch abläuft, dann kriegt man nicht nur Angst, sondern mehr als nur Angst und Bange zusammen. Und unsere Idee war,  dass wir können uns hinstellen und anfangen zu weinen und zu jammern, wie schrecklich alles ist, oder wir machen etwas. Wir sind uns schon bewusst, dass man nur im Kleinen etwas machen kann – aber es ist besser als gar nichts zu machen." 

"Es brodelt auch hier"

Youth Bridge ist auch ein Projekt gegen Ghettoisierung und Abschottung innerhalb der eigenen Communities.

"Weil es brodelt auch hier- wenn wir unter die Oberfläche schauen, dann ist nicht alles so problemlos und friedlich - und das ist auch ein Projekt für Prävention!"

Damit das gelingt, sollen in dem Projekt junge Menschen mit einem Migrationshintergrund darin bestärkt werden, als "Leader" in ihren Communities zu wirken, erklärt Eva Haller. Gerade sie haben das Potential, etwas zu verändern. Die Akademie unterstützt sie auf diesem Weg. Erste Etappe: Bis Juni sollen sie eigene Projekte auf die Beine stellen, in den Bereichen Medien, Soziales oder Kunst. Dabei lernen sie von Profis wie Medienarbeit, Projektmanagement oder auch Fundraising funktioniert.

"Wir hatten uns stillschweigend zu integrieren"

Wenn ich das alles höre, bin ich wirklich neidisch auf diese Jugendlichen, die bei Youth Bridge mitmachen. Vor 20 Jahren gab es solche Programme für mich nicht. Wir hatten uns stillschweigend zu integrieren. Dass die Jugend heute ihre Stimme erhebt und sich in der Gesellschaft aktiv engagieren möchte, fasziniert und freut mich zugleich. Deshalb möchte ich Zawadi und Ismail näher kennenlernen

Es ist Freitagnachmittag. Während ihre Mitschülerinnen sichtlich erleichtert in das ersehnte Wochenende gehen, wartet Zawadi Dernbach auf mich vor den Toren des Mädchengymnasiums Maria Ward. Hier geht sie in die 12. Klasse. Das Mädchen-Gymnasium hat in München einen elitären Ruf.

"Es ist tatsächlich so, dass unsere Schule sich damit rühmt, dass wir bessern Schnitt haben als die durchschnittliche Schulen in Bayern."

"Es hat mich völlig aus der Bahn geworfen"

Stolz zeigt sie mir die Plakette vor dem Schuleingang: "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage". Auch das war ein wichtiges Argument für Zawadi, und ihre Eltern, dass sie hier lernt. Offenem Rassismus sei sie zwar noch nicht begegnet. Doch oft wird das Mädchen mit afrikanischen Wurzeln gefragt, wo sie denn wirklich herkomme. Das verletzt Zawadi, denn ihre Familie lebt in dritter Generation in Deutschland: 

"Ich wurde mal gefragt von einer ganz fremden Person: Und wann gehst Du in Dein Land zurück? Es hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Es ist für mich tatsächlich ein Problem, wenn Menschen mir nicht glauben, dass ich aus Deutschland bin und man mir sagt: Ja, du sprichst aber sehr gut Deutsch. Oder dass man mir aufgrund meiner Hautfarbe Dinge nicht zutraut"

"Ist es schon passiert?"

"Ja tatsächlich. Ich tanze Standard und dann sagt jemand: Ja, du hast ja den Rhythmus im Blut, aber Standard, das ist eher gehoben. Da hat mir jemand indirekt damit gesagt, dass ich nicht in dieses Klientel passe, der gebildet ist und Standard tanzt."

Zawadi Dernbach wirkt erstaunlich reif und gefasst, wenn sie darüber erzählt. Man merkt, dass sich das Mädchen schon viele Gedanken darüber gemacht hat, wo sie in diesem Land hingehört. Die 18-Jährige engagiert sich bereits für eine Initiative schwarzer Menschen in Deutschland, die ihre Interessen vertritt und gegen Diskriminierung und Rassismus auftritt.

Studieren und Flüchtlingen helfen

Ismail Kuzu hat Lernstress. An einem kalten Sonntag treffe ich den Maschinenbaustudenten an der Technischen Universität München. Ismail steht kurz vor der Semesterklausur. Jedes Wochenende paukt er darum hier mit seinen Leidensgenossen für die Prüfung.

Doch trotz des Lernstress findet er noch Zeit, bei Youth Bridge mitzumachen. Ismail Kuzu hat sich für die soziale Gruppe bei dem Projekt entschieden. Er und seine Mitstreiter wollen sich für minderjährige Flüchtlinge engagieren:

"Wir haben vor, einen Kontakt zu einem Flüchtlingsheim zu knüpfen, dort diesen Flüchtlingen eine bessere soziale Integration zu geben, indem wir Veranstaltungen mit denen machen. Sei es Fußball mit denen zu spielen, sei es gemeinsam  zu kochen. Und auf der anderen Seite aktive Hilfe, dass wir zum Beispiel bei Prüfungen, zu lernen helfen und da Möglichkeit geben, Hilfestellung zu leisten."

Diese Hilfe hätte sich Ismail manchmal auch gewünscht als er noch jünger war, Er kommt aus einer türkischen Gastarbeiterfamilie und ist der erste in der Familie, der jetzt studiert. Der 23-Jährige ist zielorientiert: ein gutes Abitur, ein anspruchsvolles technisches Studium, danach ein guter Job. Auch beim Youth Bridge Projekt hat ihn zuallererst das Ausbildungsangebot interessiert: Rhetorikseminare, Treffen mit Politikern und Stadtvätern, Praktikum in einem großen Unternehmen. Doch mittlerweile entdeckt er auch eine ganz andere Welt, die ihm seine neuen Freunde, der Ungar Bartocz und der Ukrainer Georgi eröffnen:

"Besonders in politischen Fragen haben wir sehr viel diskutiert, ein bisschen Russisch habe ich gelernt. Die Diskussion war, jetzt in dem Fall Georgi, wie der Konflikt in der Ukraine zustande gekommen ist, was für Meinungen da vertreten sind, ob die Situationslage so ist, wie wir das in den Medien mitbekommen oder ob die Leute da anders denken.

Was mir sehr auffällt, ist die verschiedene Denkweise. Bei uns in dem Maschinenbau in der TU, die Denkweise ist sehr strickt: Man hat ein Problem und will ans Ziel kommen und für philosophieren, Meinungen gibt es nicht den Platz. An diesen Freunden habe ich gesehen, den fehlenden Teil, der hat mich fasziniert. Ich habe keine Ahnung von Literatur, aber der Georgi hat sehr viel Verständnis dafür – es ist sehr wertvoll."

Youth Bridge wurde vor 20 Jahren in New York gegründet

Bob Kaplan, ein Rabbiner aus New York, hat Youth Bridge vor 20 Jahren in New York gegründet. Jetzt ist er nach München gereist, um den Jugendlichen zu erklären, worum es bei diesem Projekt geht. Was er unter interkultureller Zusammenarbeit versteht. Er beginnt mit einer Übung der US-Marine:

"Ihr seid auf einem Boot, das sehr schnell sinkt – im Wasser wimmelt es von Haien. Ihr habt nur 15 Minuten, um eine wichtige Entscheidung zu treffen und ihr habe nur wenig Informationen."

Ins Rettungsboot passen sieben Menschen, die sinkenden Menschen sind aber doppelt so viele. Darunter sind Mutter mit Baby, ein Polizist, ein alter Arzt oder eine Miss Amerika mit dem Schminkkoffer 

"Ihr müsst entscheiden, welche sieben ins Boot können und welche sieben gehen mit Haien schwimmen."

Die Jugendlichen teilen sich in 3 Gruppen auf, beginnen zu diskutieren.

"Ich würden den Polizisten nehmen. Ein Polizist, der hat eine Ausbildung im Kampsport, das heißt sie haben einiges an Kampferfahrungen. Wenn es darum geht, Nahrungsgut sammeln, kannst du nicht nur Frauen haben."
"Habt ihr gestritten? Habt ihr diskutiert? Natürlich! Ihr seid alle Individuen"

Zawadi ist da rigoros, versucht, logisch zu denken. In nur 15 Minuten müssen sie sieben Menschen aus 15 wählen. Streit ist vorprogrammiert. Dann löst Bob Kaplan auf: Der wichtigste Mensch, der gerettet werden soll, wäre Miss Amerika. Denn sie hat einen Spiegel im Schminkkoffer und mit dem kann sie Licht reflektieren und Hilferufe senden. Aber eigentlich wollte Bob Kaplan mit dieser Übung etwas ganz anderes beweisen: 

"Der Sinn dieser Übung- habt ihr gestritten? Habt ihr diskutiert? Natürlich! Ihr seid alle Individuen. Jeder hat seine Standpunkte und seine Sichtweisen. Die Frage ist – wie habt ihr zusammengearbeitet, um dieses schwierige Problem zu lösen?"

"Kulturkompetenz" oder "Kulturdemut" nennt Bob Kaplan das, was er ihnen mitgeben will. Sie sollen lernen, sich auszutauschen, unvoreingenommen zuzuhören, den anderen ernst zu nehmen. Genau das ist auch Zawadi wichtig:

"Ganz interessant war seine Aussage, sich selbst zu kennen. Wenn ich mit meinen Freunden diskutiere und ihnen erkläre, zum Beispiel zum Thema Rassismus, warum verletzt mich das, warum verletzt andere oder diese Aussage, diese Geste. Dann muss man sich selbst kennen und sich selbst und anderen erklären, was passiert da mit einem selber!"

Der Beginn des Projekts stimmt mich zuversichtlich. Die Jugendlichen bekommen beim Youth Bridge eine wertvolle Chance, sich selbst aktiv in die Gesellschaft einzubringen. Und ich möchte hoffen, dass die Gesellschaft sie auch lässt.

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