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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.08.2015

"Brot für die Welt"-Präsidentin Sie flüchten aufgrund unserer Wirtschaftspolitik

Von Cornelia Füllkrug-Weitzel

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Ein Foto des Kinderhilfswerks UNICEF zeigt drei Kinder in der südsudanesischen Stadt Mingkaman, während sie erschöpft darauf warten, als Hilfesuchende registriert zu werden. (dpa picture alliance / Kate Holt/ Unicef Handout)
Hilfesuchende Kinder im Südsudan (dpa picture alliance / Kate Holt/ Unicef Handout)

Wer hier weniger Flüchtlinge haben will, darf sich an den Lebensgrundlagen der Armen nicht bereichern wollen, kommentiert Cornelia Füllkrug-Weitzel. Die "Brot für die Welt"-Präsidentin zeigt Handlungslinien auf, um die Situation in den Heimatländern zu verbessern.

Die meisten Menschen fliehen vor Kriegen, Gewalt, Verfolgung und schweren Menschenrechtsverletzungen. Wir kennen die Länder: Südsudan, Zentralafrikanische Republik, Afghanistan, Eritrea – Syrien und Irak. Aber können wir gegen die Fluchtursachen in diesen Ländern etwas tun? Sicher! Aber nicht kurzfristig. Nicht schnell genug, um uns jetzt die Flüchtlinge vom Hals zu halten. Trotzdem müssen wir jeden Tag daran arbeiten!

Ob ein politischer Konflikt ausbricht – das hängt davon ab, ob früh genug Wille und Know-how zum friedlichen Konfliktaustrag gefördert werden: Dialoge zwischen den Kontrahenten, zwischen Religionen und Ethnien, die gerne für Machtkämpfe instrumentalisiert werden ebenso wie Erziehung zu Toleranz, Demokratie und Achtung der Menschenrechte. Die Bevölkerung selbst hat es in der Hand.

Aber wir können durch Friedensdiplomatie und systematische Unterstützung der friedensbereiten Kräfte zu Prävention und zur friedlichen Konfliktbeilegung viel beitragen. 40 Prozent aller gewaltsamen Konflikte konnten 2014 so de-eskaliert und mit politischen Mitteln gelöst werden. Ebenso sinnvoll wäre, die Ausfuhr von Kriegsgütern in diese Regionen konsequent zu unterbinden. Die meisten Zivilisten werden durch Kleinwaffen getötet – jede dritte stammt aus deutscher Produktion. Hier muss unsere Regierung umsteuern, wenn sie wirklich etwas gegen die Ursachen der steigenden Flüchtlingszahlen tun will.

Faires wirtschaftliches Handeln

Bei anderen Flüchtlingen spielt Perspektivlosigkeit eine Rolle – wie im 19. Jahrhundert bei den Hungermigranten aus dem Hunsrück, die nach Brasilien ausgewandert sind. Könnten wir dagegen etwas tun? Mehr Entwicklungshilfe – das sowieso. Aber es wäre auch ein Beitrag, wenn deutsche Unternehmen an ihren Standorten in armen Ländern genauso viel für ihre Arbeitnehmer, für das Umfeld und die Umwelt tun, wie in Deutschland. Gut, wenn sie sich zum Beispiel in Afrika nicht Land aneignen, das seit Jahrzehnten der lokalen Ernährung und den Kleinbauern dient.

Geld und Ressourcen, die Konzerne den Armen nicht aus der Tasche ziehen, braucht der Steuerzahler nicht in Grenzabwehrmaßnahmen investieren.

Wenn die Bemühungen der Vereinten Nationen, globales wirtschaftliches Handeln an die Einhaltung der Arbeits- und Menschenrechte zu binden, auch mit Deutschlands aktiver Mitwirkung erfolgreich wären, bräuchten viele nicht zu fliehen.

Wenn wir zur Änderung unseres Lebensstils, zu fairen Preisen unter anderem für unsere Kleidung und Handys bereit wären, wenn wir durch ambitionierte Klimaschutzpolitik helfen, endlich die weitere Erderwärmung zu stoppen, die so vielen Armen die Lebensgrundlagen entzieht, könnten viele Menschen ein nachhaltiges und sicheres Auskommen in ihrer Heimat finden. Und wir müssten nicht mehr von Wirtschaftsflüchtlingen reden, die aufgrund unserer Wirtschaftspolitik aus ihrem Land flüchten.

Wer hier weniger Flüchtlinge haben will, darf sich an den raren Lebensgrundlagen der Armen nicht reich stoßen wollen.

Mehr zum Thema:

Flüchtlingshilfe in Europa - Am Rande des Erlaubten
(Deutschlandfunk, Gesichter Europas, 05.09.2015)

Sichere Herkunftsländer - Aufklärung statt Abschiebung
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(Deutschlandradio Kultur, Kommentar, 15.08.2015)

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