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Lesart | Beitrag vom 24.11.2018

Brodde / Zahn: "Einfach anziehend" Schluss mit der Wegwerfmode!

Alf-Tobias Zahn im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Wohlsortierter Kleiderschrank: Jedes Stück handverlesen und aus ökologischer Produktion (picture alliance / dpa Themendienst)
Wohlsortierter Kleiderschrank: Jedes Stück handverlesen und aus ökologischer Produktion (picture alliance / dpa Themendienst)

Lieben, was man hat und Neues sorgsam wählen. So wird man unabhängig vom Einheits-Look. Noch mehr Tipps für den nachhaltigen Kleiderschrank liefern Kirsten Brodde und Alf-Tobias Zahn in "Einfach anziehend. Der Guide für alle, die Wegwerfmode satthaben".

Christian Rabhansl: Wenn Sie Ihr blaues Wunder erleben wollen, dann machen Sie das, was auch ich in Vorbereitung auf diese "Lesart" getan habe. Sie öffnen Ihren Kleiderschrank und fangen an zu zählen. Die T-Shirts, die Hosen, die Strümpfe, die Unterwäsche, die Pullis, einfach alles. Und auch, wenn Ihnen vorher sicherlich schon klar war, dass da mehr im Schrank drin liegt, als nötig wäre, eins verspreche ich Ihnen: Es ist noch mehr.

Für Menschen wie Sie und für mich gibt es jetzt ein Buch. Dieses Buch heißt "Einfach anziehend. Der Guide für alle, die Wegwerfmode satt haben". Und geschrieben haben es Kirsten Brodde und Alf-Tobias Zahn. Sie ist gerade auf Recherchereise, er ist bei mir im Studio. Guten Tag, Herr Zahn!

Alf-Tobias Zahn: Hallo!

Rabhansl: Ein "Guide für alle, die Wegwerfmode satt haben" – kurz vorweg: Was ist Wegwerfmode?

Zahn: Wegwerfmode ist leider zum Großteil das, was wir jeden Tag in den Einkaufszentren unserer Städte kaufen können, wenn es um Kleidung geht. Wegwerfmode ist eine Entwicklung aus den letzten Jahren, Jahrzehnten, dass Kleidung, das, was wir jeden Tag auf der Haut tragen, immer mehr zu einem reinen Konsumartikel wird, der, wenn er vielleicht dann doch nicht angezogen wird oder mal eine kleine Schramme hat, auch noch so günstig ist, dass es überhaupt kein Problem ist, wenn der dann in der Tonne landet.

Rabhansl: Solche Dinge erfahre ich in Ihrem Buch, auch über die Produktionsbedingungen. Vor allem aber haben Sie eigentlich kein theorielastiges Sachbuch geschrieben, sondern ein alltagstaugliches Handbuch. Sie und Kirsten Brodde, Sie wollen beide Ihre Wegwerfmode los werden, und da sehe ich dann tatsächlich Fotos von Ihnen, wie Sie in verschiedenen Outfits posieren, wie Sie quasi aus den Resten, die ein Schrank eh hergibt, verschiedenes Neues machen können, mit wenigen Stücken also große Effekte erzielen. Es ist fast wirklich ein Moderatgeber. Wenn Sie mir da so drei Tipps geben, wenn ich vor dem viel zu vollen Kleiderschrank stehe – was sind so die ersten Dinge, die wir tun sollten?

Zahn: Der erste Blick, der in den Kleiderschrank geht, der wird ja auf wahrscheinlich sehr viele Kleidungsstücke geworfen.

Rabhansl: Zu viele.

Zahn: Zu viele, definitiv. Das heißt, der erste Tipp, den ich habe, gerade wenn wir jetzt noch in einer Übergangszeit von Herbst zu Winter sind, die Temperaturen wechseln ja auch noch, sich tatsächlich einfach mal diese Kleidungsstücke vorzunehmen, also in die Hand zu nehmen, rauszunehmen und zu überlegen, brauche ich das jetzt gerade noch, ziehe ich das gerade gern an, ist es für die Jahreszeit weiterhin aktuell? Und wenn das der Fall ist, dann darf es gern wieder in den Kleiderschrank zurückwandern. Und wenn nicht, dann würde ich es erst mal kurz zur Seite legen.

"Gerne das tragen, was man schon hat"

Rabhansl: Zur Seite legen. Aber Sie empfehlen in Ihrem Buch ja nicht, die ganzen Sachen, die unter fragwürdigen Bedingungen hergestellt worden sind, die einfach wegzuwerfen. Sondern?

Zahn: Das ist richtig. Zur Nachhaltigkeit gehört es auch, Sachen, die man schon hat, wertzuschätzen und sich darum zu kümmern, dass diese weiterhin gut erhalten sind. Es ist eigentlich gar kein Problem, auch ein Stück einer Wegwerfmode, ob das jetzt von H&M und Zara ist, weiterhin zu tragen, weil das ist immerhin auch noch nachhaltiger, als wieder ein neues Stück, ein neu produziertes Stück zu kaufen. Dementsprechend gern – und das ist vielleicht auch ein weiterer wichtiger Tipp –, gerne das tragen, was man schon hat, und dann eben nur punktuell zu überlegen, wie man sein Outfit noch mit neuen Sachen ergänzen kann.

Rabhansl: Das klingt erst mal ziemlich naheliegend. Ein anderer Gedanke ist eigentlich auch naheliegend, und trotzdem hat er mich überrascht. Sie empfehlen nämlich, Kleidung zu mieten, zu leihen. Und da rede ich jetzt nicht vom Kostümverleih, sondern ein konkretes Beispiel ist eine Plattform, da kann ich Kinderkleidung leihen – was ja total naheliegend ist, weil die hält ja eh nur ein paar Wochen, und dann sind die Kinder rausgewachsen.

Zahn: Absolut. Und das ist ein Trend, der in den letzten ein bis zwei Jahren zugenommen hat. Dass es eben möglich ist, dass man sich Kleidung leihen kann. Für die meisten, glaube ich, ist es immer noch ein komisches Gefühl erst mal. Wie, ich leih mir jetzt was? Ich habe da beim allerersten Mal auch eher so dran gedacht, bei welcher Gelegenheit könnte ich das denn machen? Und dann kommt einem vielleicht so was wie, wann brauche ich mal einen Smoking oder einen richtig guten Anzug.

Man kann das aber natürlich übertragen auf wirklich eher alltägliche Dinge. Und das Beispiel, das Sie schon angesprochen haben, ist genau so ein alltäglicher Fall. Ich als Vater einer Tochter hätte mir das auch gewünscht in den ersten Jahren, in denen die Größen meiner Tochter ständig neu waren und auch wir als Familie überlegt haben, wo bekommen wir jetzt eigentlich die nächstbeste Größe her, ein Modell zu haben, wo wir sagen können, für null bis drei Monate haben wir jetzt schon alles. Und wenn unser Kind herausgewachsen ist, schicken wir dieses Paket wieder zurück und bekommen quasi das Paket für die nächste Größe, in einem Abo-Modell. Ich muss mich dann nicht darum kümmern, was eigentlich mit der Kleidung passiert.

Rabhansl: Ganz kurz dann doch Werbung: Wie heißt die Plattform, wo ich das machen kann?

Zahn: "Tchibo" ist einer der größten Anbieter. Es gibt aber auch noch andere Leihservices. "Kilenda" ist da ein Beispiel, beziehungsweise auch für Erwachsene gibt es die "Kleiderei" in Hamburg.

Rabhansl: Manchmal aber komme ich ja nun doch nicht drum herum, dass ich auch neue Kleidung kaufen muss. Und da ist Ihr Plädoyer wenig überraschend, in Naturkaufhäusern einzukaufen. Aber es gibt ja auch von den großen Konzernen, sei es H&M, sei es Adidas, sei es Zara, die haben jetzt ja auch alle Reihen von Kleidungsstücken, die angeblich nachhaltig sind. Stimmt das, oder falle ich da auf ein Feigenblatt rein?

Zahn: Es ist dann häufig doch das Feigenblatt. Sie haben das schon ganz richtig beschrieben. Die großen Ketten haben natürlich auch den Trend wahrgenommen, dass eine bestimmte Käufer- und Konsumentenschicht viel mehr Wert darauf legt, woher die Sachen stammen, also wo sie produziert werden und aus welchen Materialien sie hergestellt werden. Das große Problem, das wir auch im Buch thematisieren bei diesen großen Ketten, ist einfach, dass ich natürlich nachlesen kann, dass es zum Beispiel Biobaumwolle ist, die auch gegebenenfalls zertifiziert ist. Trotzdem weiß ich nicht, wo es produziert wurde. Trotzdem kann ich mir kaum vorstellen, dass ein T-Shirt aus Biobaumwolle für vier Euro wirklich ein gutes, faires, auch nachhaltiges Produkt ist. Und da kommt das Feigenblatt ins Spiel.

Ein Beispiel ist auch Adidas. Adidas macht viel, so suggerieren sie zumindest, aus Plastik, das aus den Weltmeeren gefischt wird, und haben in dem Zuge nicht nur einen Sneaker designt, sondern eben auch mal ein Trikot für Real Madrid oder den FC Bayern München auf den Markt gebracht. Das klingt gut, das sind eigentlich auch gute Ansätze. Aber zum Schluss reden wir da über einen so minimalen Anteil an der Gesamtproduktion dieses Unternehmens, dass es eben nur Anfänge sind. Und das ist für uns eigentlich der große Kritikpunkt, dass gerade diese großen Player viel mehr Möglichkeiten hätten, einen viel größeren Impact auf dem Markt haben und den einfach nicht nutzen.

"Großes Netz an sehr tollen Green-Fashion-Stores"

Rabhansl: Wenn ich auf so was nicht reinfallen will und vielleicht kein Naturkaufhaus um die Ecke habe, auf was kann ich achten?

Zahn: Wir haben leider den großen Nachteil bei der Green Fashion oder Fair Fashion, dass es in den großen Einkaufszentren nicht diesen einen großen Laden gibt, wo ich reingehen kann und weiß, okay, hier gehe ich rein, alles was hier hängt, ist nachhaltig. Weil es zum Beispiel Selected Second Hand ist. Oder weil es eben neue Fair Fashion ist. Das gibt es leider nicht. Was es aber gibt, ist ein relativ großes Netz, über ganz Deutschland gespannt, an sehr tollen Green-Fashion-Stores, die eben genau darauf achten, welche Marke sie in ihr Sortiment aufnehmen, und den großen Vorteil haben, dass sie eben Beratung anbieten können. Und das gibt es tatsächlich von Freiburg bis Hamburg oder Kiel oben.

Rabhansl: Solche Tipps und auch viele tatsächlich konkrete Adressen und Namen finden Sie in diesem Buch, das Alf-Tobias Zahn und Kirsten Brodde zusammen geschrieben haben. "Einfach anziehend" heißt es, "Der Guide für alle, die Wegwerfmode satthaben". 128 Seiten für 15 Euro, erschienen bei Oekom. Danke schön, Herr Zahn!

Zahn: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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