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Zeitfragen | Beitrag vom 06.08.2019

Britisches GesundheitssystemBrexit-Folgen für Ärzte, Pflegekräfte und Patienten

Von Ada von der Decken

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Boris Johnson steht in einem Krankenwagen, den er besichtigt. (picture alliance / empics / Darren Staples / PA Wire )
Premierminister Boris Johnson auf Gesundheitstour: Ob mit oder ohne Deal, Ende Oktober will er den Brexit durchziehen. (picture alliance / empics / Darren Staples / PA Wire )

Das Brexit-Referendum zeigt schon jetzt Auswirkungen: Weniger Krankenschwestern und Pfleger aus der EU wagen den Schritt nach Großbritannien. Bei einem Austritt ohne Vertrag wären die Folgen für die Gesundheitsversorgung der Briten besonders heftig.

2016, vor dem Brexit-Referendum: Boris Johnson führt die Leave-Kampagne an. Mit einem roten Reisebus trägt er seine Botschaft in großen Lettern durch das Land: "Wir schicken der EU jede Woche 350 Millionen, stecken wir sie lieber in das nationale Gesundheitssystem."

Ausgedachte Zahlen, geschönte Versprechen. Hauptsache Stimmung machen - und das mit dem Thema Gesundheit.

Heute, drei Jahre später, ist Boris Johnson Premierminister. Der Politiker der konservativen Partei ist dafür bekannt, sich für Details nicht sonderlich zu interessieren. Jegliche Kritik tut er als Schwarzmalerei ab. Ob nun mit oder ohne Deal, Ende Oktober soll Großbritannien nach seinem Wunsch die EU verlassen. Der Rest regle sich schon.

In den Alles-wird-gut-Kanon stimmt auch Gesundheitsminister Matt Hancock ein. Im britischen Unterhaus sagte er kurz vor der Sommerpause: "Dass Patienten weiterhin ihre Medikamente bekommen, hat für uns höchste Priorität. Als verantwortungsbewusste Regierung werden wir jegliche Verzögerungen durch den Brexit minimieren - sei es mit einem Ausstiegsvertrag oder ohne."

"Besonders schlimm wäre ein No-Deal-Brexit"

Tamara Hervey von der Universität Sheffield überzeugt das nicht. Sie ist Professorin für Europäisches Recht. Ihr Schwerpunkt liegt im Gesundheitsrecht.

"Jede Art von Brexit wird zulasten der Beschäftigen im Gesundheitssystem, der Patienten, der Arzneimittel, insgesamt zulasten der Gesundheitsversorgung in Großbritannien gehen", sagt sie. "Jede Form von Brexit ist schlecht, aber besonders schlimm wäre ein No-Deal-Brexit."

Das gilt auch für die Versorgung mit Medikamenten: Bis ein Arzneimittel fertig verpackt in einem Krankenhaus oder einer Apotheke ankommt, müsse es mitunter mehrere Male die Grenze zwischen Großbritannien und seinen EU-Nachbarländern passieren, sagt Tamara Hervey. Im Moment ist das dank freien Warenverkehrs im gemeinsamen Binnenmarkt kein Problem. Aber wie sieht es nach dem Brexit aus?

Verzögerungen beim Grenzgang könnten bewirken, dass ein womöglich lebenswichtiges Medikament nicht rechtzeitig beim Patienten ankommt. Präparate mit kurzer Haltbarkeit könnten verderben. Die britische Regierung hat die Pharmaindustrie deshalb aufgefordert, Arzneimittel zu lagern und will für eilige Medikamente eine Regelung finden:

"Die Regierung sieht gesonderte Lieferwege für wichtige Arzneimittel vor. Aber auch da stellt sich die Frage, die wir bisher nicht beurteilen können: Wie hoch werden die zusätzlichen Kosten sein, wenn diese Notfallpläne in die Praxis umgesetzt werden? Denn das alles gibt es nicht umsonst."

Ein Zehntel der Allgemeinärzte sind EU-Ausländer

Und dann sind da noch die Beschäftigten. Mehr als 60.000 stammen aus der Europäischen Union. Etwa zehn Prozent der Allgemeinärzte sind EU-Ausländer.

Der Ausgang des Brexit-Referendums zeigt bereits Auswirkungen: Weniger Krankenschwestern und Pfleger wagen den Schritt von der Europäischen Union nach Großbritannien: Laut einer Statistik der britischen Regierung machten EU-Ausländer unter den Neueinstellungen vor fünf Jahren noch 19 Prozent aus. Im vergangenen Jahr lag dieser Anteil nur noch bei sieben Prozent.

Insgesamt merklich zurückgegangen ist schon jetzt der Anteil der Spanier. Von 2016 bis 2019 um ein Fünftel.

Aus Spanien stammt auch Blanca Rodrigo-Ibaneth. Dass aus ihrem Heimatland weniger Fachkräfte kommen, ist ihr auch schon aufgefallen. Die 40-jährige Mutter dreier Kinder arbeitet seit 2004 in Großbritannien, zuerst als Krankenschwester, nach einer Weiterbildung als Hebamme. Zurück nach Südspanien zu kehren hat sie nie in Erwägung gezogen. London ist längst ihr Zuhause geworden.

Aber sie könne nachvollziehen, dass andere diesen Schritt gehen. Es sei einfacher, zu gehen. Und es sei einfacher, gar nicht erst herzukommen, sagt Blanca Rodrigo-Ibaneth.

Die Rechtsgrundlage ändert sich

Immerhin, die Regierung hat EU-Einwanderern, die bereits im Land sind, versprochen, dass sie weiterhin die gleichen Rechte haben sollen, wie britische Staatsbürger.

Eine Entwarnung bedeutet das für die Rechtsprofessorin Tamara Hervey allerdings nicht: "Die Rechtsgrundlage ändert sich. Im Moment ist das noch europäisches Recht, und das lässt sich am Europäischen Gerichtshof einfordern. Nach dem Brexit gilt aber nur noch britisches Recht. Das erzeugt Unsicherheit, denn das kann sich jederzeit ändern. Das ist nur noch an britischen Gerichten einklagbar, nicht mehr an einem Gericht außerhalb Großbritanniens."

Am Wochenende hat die Johnson-Regierung angekündigt zusätzliche 1,8 Milliarden Pfund in das Gesundheitssystem stecken zu wollen. Experten bemängeln, dass dies nur ein Anfang sein könne. Denn um den NHS gesund aufzustellen, bedürfe weit mehr als die angekündigte Summe.

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