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Buchkritik | Beitrag vom 28.04.2018

Brit Bennett: Die MütterWenn die Sittenwächterinnen sich empören

Von Gabriele von Arnim

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Buchcover "Die Mütter" von Brit Bennett, im Hintergrund die Umrisse von Menschen in einem Gottesdienst (Rowohlt Verlag / AFP / Flippo Monteforte)
Buchcover "Die Mütter" von Brit Bennett, im Hintergrund die Umrisse von Menschen in einem Gottesdienst (Rowohlt Verlag / AFP / Flippo Monteforte)

Die 17-jährige Nadia ist schwanger vom Sohn des Pastors – und entschließt sich für eine Abtreibung. So beginnt der vielschichtige Roman "Die Mütter" von Brit Bennett, in dem alle Hauptfiguren schwarz sind. Mit ihrem Erstling landete die junge US-Autorin gleich einen Bestseller.

Sie ist 17 Jahre alt und will Sex. Nicht aus Neugier oder weil sie verliebt ist, sondern weil es ihr wehtun soll. Ihre Mutter hat sich vor wenigen Monaten mit einem Kopfschuss getötet – jetzt sucht Nadia einen Schmerz, der von außen kommt. Sie geht mit dem Sohn des Pastors ins Bett, wird schwanger und treibt ab.

Sie muss abtreiben. Weil ihre Mutter immer zu ihr gesagt hat, das Schlimmste sei, zu früh ein Kind zu bekommen. Das Kind der Mutter ist sie. Das Schlimmste also. Und so ist sie überzeugt davon, schuld zu sein am Selbstmord der Mutter.

Wie ein klatschmäuliger griechischer Chor

Für "Die Mütter", so der Titel des Romans, die wie ein griechischer Chor das ganze Buch hindurch das Leben der anderen so klatschmäulig wie lebensweise kommentieren, ist dieser wie jeder Skandal eine willkommene Spielwiese für ihre kollektive Empörung. Als Sittenwächter der konservativen christlichen Gemeinde der Upper Room Kirche, beobachten sie Nadia und des Pastors Sohn Luke. Der war einst ein Football-Star, bis ein Unfall ihn zum hinkenden Ex-Sportler machte.

Sie mögen Nadia nicht. Sie ist zu schön, zu schlau, zu aufmüpfig. Ein Mädchen mit einem Universitätsstipendium in der Tasche. Dritte Mitspielerin im Bunde ist Aubrey. Ein frommes, stilles Mädchen. Versehrt auch sie. Der Freund ihrer Mutter ist Nacht für Nacht in ihr Bett gekommen.

Mit dem Debütroman in die Bestsellerlisten

Brit Bennett – die 26 jährige schwarze Amerikanerin – erzählt in ihrem Erstling, der gleich die Bestsellerliste der "New York Times" erklomm, mit Tempo und vielschichtiger Genauigkeit von den verletzbaren Gefühlen dieser jungen Menschen. Eingezwängt zwischen Liebe und Schuld, Zärtlichkeit und Lüge, Einsamkeit und verheuchelten Moralappellen wachsen sie auf.

Überwacht auch von Lukes Mutter, der Frau des Pastors, die das Dienen als ihre Berufung angibt und sich First Lady nennen lässt.

Aubrey und Nadia werden ungleiche Freundinnen. Und als Nadia weggeht, um zu studieren, verlieben sich ausgerechnet Aubrey und Luke ineinander und heiraten. Was nicht das Ende der Geschichte zwischen Luke und Nadia ist, sondern zu einer delikaten Fortsetzung in anderer Verkleidung führt. Alle drei bleiben geprägt von den frühen Zumutungen.

Aubrey wird Sex nie lieben, aber sie wird schwanger von Luke und bringt ein Mädchen zur Welt. Das Kind, das Nadia nicht haben wollte oder konnte und von dem sie seither immer wieder geträumt hat.

Rassismus als Normalität des schwarzen Alltags

Die Mütter – was für ein beladener Titel. Und welch grandioser Einfall, die alten Mütter als Chor auftreten zu lassen, um die Fragen des Mutter- oder eben Nicht-Mutter-Seins filigran zerlegen zu können, ohne in die Falle des fast unausweichlichen Psychodramas zu tappen.

Alle Protagonisten des Romans sind schwarz. Und es ist auffallend, wie wenig Bennett Rassismus zum Thema gemacht hat. Oder sagen wir besser: Wie sehr er da ist, ohne dass sie ihn thematisieren muss. Denn sie zeigt ihn eben nicht als empörende Ausnahme, sondern als Normalität, als "basso continuo" des schwarzen Alltags.

Ein Roman, den man mit Spannung liest. Der ganz selten nur abgleitet in die Sphäre des jugendlichen Kitsches, weil die Autorin den Alltag feinfädig einwebt in ein komplexes Bild einer Gesellschaft.

Brit Bennett: Die Mütter
Roman
Aus dem Englischen übersetzt von Robin Detje
Rowohlt Verlag, Reinbek 2018
319 Seiten, 20 Euro

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